Noch einmal winken - das war's

15. Juni 2010, 23:42 Uhr

Jazz im Garten von Schloss Bellevue, vor der Tür Hunderte, die dem Bundespräsidenten a. D. gerne nochmal die Hand geschüttelt hätten. Ein Abend in Berlin. Von Lutz Kinkel

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Bestellte den Blues: Bundespräsident a. D. Horst Köhler©

Es ist alles gesagt. Es gibt nichts mehr zu tun. So würde es Samuel Bekett formulieren. Horst Köhler sagte: "Zu den Gründen meines Rücktritts habe ich mich bereits geäußert. Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich habe die Entscheidung getroffen, die ich für richtig hielt und weiterhin für richtig halte." Drei Minuten sprach er auf dem Empfang auf Schloss Bellevue, seinem letzten an diesem Ort. Dann begann der große Zapfenstreich. Das Finale.

Es war ein wunderschöner Sommerabend in Berlin, der Himmel strahlend blau, Vogelgezwitscher in den Bäumen. Vor Schloss Bellevue hatten sich hunderte Menschen versammelt, sie hofften, Horst Köhler noch einmal die Hand drücken zu können. Die Frage, warum es kein "public viewing" des Zapfenstreichs gäbe, machte die Runde, und sie war ernst gemeint. Doch der "Bürgerpräsident" Köhler war zu dieser Stunde nicht bei den Bürgern. Sondern auf der anderen Seite, im Park des Schlosses, der nicht von der Straße aus einsehbar ist. In der ersten Sitzreihe der Gäste: Kanzlerin Angela Merkel und ihr Ehemann Joachim Sauer, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Außenminister Guido Westerwelle, Altpräsident Richard von Weizsäcker nebst Gattin. Doch damit hatte es sich auch schon mit der politischen Prominenz. Freunde Köhlers waren da, Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes und deren Partner.

Der Zapfenstreich - zum dritten Mal

Drei Mal seit Beginn der schwarz-gelben Koalition hat das Stabsmusikkorps der Bundeswehr nun bereits den großen Zapfenstreich vorgetragen. Zunächst beim Abschied des Verteidigungsministers Franz-Josef Jung, dann für den Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn, nun für Horst Köhler. In allen Fällen hatten der Abschied etwas mit dem Afghanistan-Einsatz zu tun. Köhler hatte sein Amt aufgegeben, weil er die Kritik an einer Äußerung, die er in einem Interview über den Zusammenhang von Handelswegen und Kriegen gemacht hatte, respektlos fand. Aber das war wohl nur der Auslöser. Köhler hatte sich zunehmend isoliert, seine Botschaften hatten in der Politik kein Gehör mehr gefunden.

Jetzt hörten alle nochmal zu. Leise und andächtig. Das Bundeswehrorchester spielte auf Wunsch Köhlers den "St. Louis Blues March" von Christopher William Handy, ein Stück, das sich anhörte, als wollte der Bundespräsident a. D. noch einmal seinen Eigensinn beweisen: Jazz, vorgetragen von Uniformierten. Hätten sie auch singen müssen, wären ein paar interessante Textzeilen zu hören gewesen. Zum Beispiel diese: "Ich hasse es, die Sonne untergehen zu sehen." Oder diese: "Ich packe meine Koffer und mache mich aus dem Staub."

Gepackte Koffer

Tatsächlich hat Köhler die Koffer längst gepackt - sein Büro auf Schloss Bellevue ist leer, seine Dienstvilla im feinen Berlin-Dahlem muss er vermutlich räumen. Ihm bleibt der "Ehrensold" von 199.000 Euro pro Jahr, das Anrecht auf ein eigenes Büro, Dienstwagen, Büroleiter und Sekretärin. Seine Mitarbeiter haben es schwerer. Die Sprecherin zum Beispiel, die Köhler eingestellt hatte, hatte ihren Dienst einen Tag nach seinem überraschenden Rücktritt angetreten. Nun hat sie, vorläufig, einen Vertrag für sechs Wochen. Noch ist unklar, ob der kommende Präsident sie übernehmen wird.

Köhler hatte sich am Morgen von seinen Mitarbeitern verabschiedet, ihnen Mut zugesprochen und jeweils ein Foto von sich geschenkt. Immerhin: Die Politik kam nicht ganz so gut weg. Teilnehmer des Empfangs vor dem Zapfenstreich sagten später, Köhler habe Merkel und Westerwelle in seiner Ansprache nicht namentlich begrüßt, sondern nur abstrakt die anwesenden "Verfassungsorgane" willkommen geheißen. Verbürgt ist, dass er den Satz sagte: "Respekt und Wahrhaftigkeit sollten in der Politik unseres Landes einen festen Platz behalten." Das war eine letzte Mahnung, zweifellos.

Auf der Treppe, winkend

Nach dem Zapfenstreich, den Köhler auf einem rot ausgeschlagenen Podest stehend abgenommen hatte - neben ihm Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesratspräsident Jens Böhrnsen und Generalinspekteur Volker Wieker - ging der Bundespräsident a. D. noch einmal die Treppen zum Schloss hoch. Er blieb kurz stehen, winkte - das war's.

Der Kampf um seine Nachfolge ist bereits voll entbrannt. Und es ist schon abzusehen, dass er wenig mit "Respekt" und "Wahrhaftigkeit" zu tun hat. Aber viel mit der politischen Lage seit dem Tag nach Köhlers Rücktritt.

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KOMMENTARE (10 von 25)
 
Kippi (16.06.2010, 19:18 Uhr)
Abschied.....
K Ö H L E R A D E
W U L F F I S T OK !
..... bei der Super-Pension hätte ich auch so gehandelt !
ganzbaf (16.06.2010, 14:21 Uhr)
"...ihnen Mut zugesprochen und jeweils ein Foto von sich geschenkt..."

Wirklich sehr spendabel, der Mann... ;-D
jo--jo (16.06.2010, 11:30 Uhr)
Ein Eingebildeter weniger...
... und tschüss ;-)
perfifuchs (16.06.2010, 11:26 Uhr)
Zapfenstreich
Ich glaube, dass viele, die in ihrer Jugend das Schicksal teilten, das Horst Köhler zugedacht war, mir Recht geben werden:

Das einzige, was wir nach Vertreibung oder Flucht und in der Folgezeit in einem Lager und - als es im Westen längst wieder saturierte Landsleute gab - am Gymnasium unter den Kindern dieser Leute noch besaßen, das waren Vaterlandsliebe, Stolz auf die eigene Herkunft, Treue, Ehre und Verachtung alles dessen, was wir für unser nicht würdig hielten.
Diese Verachtung äußerte sich des öfteren auch in Form des Verzichts (darin hatten wir ohnehin reichlich Übung).

In diesem Sinne, möchte ich einmal unterstellen, ist Horst Köhler sich und uns treu geblieben.

Ich hätte es an seiner Stelle nicht anders gehalten.
Die genannten Tugenden aber würden dem Rest der Bevölkerung auch ganz gut zu Gesicht stehen. Ich jedenfalls danke Horst Köhler dafür, dass er sie uns vorgelebt hat.
butcher99 (16.06.2010, 11:09 Uhr)
so so
der Erfinder der ganzjährigen Neujahrsansprache hat den Zapfen gestrichen bekommen. Da hätte man doch die unberechtigten lebenslänglichen Bezüge gleich mitstreichen können, oder habe ich wieder alles falsch verstanden?
Glück aus
Tempelhofer (16.06.2010, 11:01 Uhr)
@ steve_b
"- weder die Presse noch die Politik scheint Reue zu zeigen, oder den Versucht zu unternehmen Einsicht zu entwickeln"

Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Es ist traurig, dass auch die Stern-Redaktion nicht einmal ihre eigene Rolle in dem ganzen Politik- und Medien-Zirkus kritisch hinterfragt. Es wird weiter gemacht, wie bisher, Fragen an sich selbst werden nicht gestellt.

Wie denn auch ? Online-Journalismus ist zur billigen und lieblosen Massenproduktion verkommen. Ich habe manchmal das gefühl, die Artikel werden nicht mehr von Menschen, sondern nur noch von Textrobotern aufgrund einprogrammierter Routinen geschrieben. Für Selbstzweifel bleibt da kein Platz mehr.

Horst Köhler hat mit seinem Rücktritt die Absurdität im System offen gelegt. Die Verantwortlichen scheint das nicht zu interessieren.
appadaumen_de (16.06.2010, 10:53 Uhr)
"'Ehrensold' von 199.000 Euro pro Jahr, das Anrecht auf ein eigenes Büro, Dienstwagen, Büroleiter und Sekretärin."
... aber alle anderen sollen sparen! Nur gut, dass man als Politiker kein schlechtes Gewissen hat. Wie lange will sich unser Volk noch an der Nase herumführen lassen?
steve_b (16.06.2010, 10:47 Uhr)
- Köhlers "Stimme des Volkes"
Ich finde dieser Artikel würdigt Köhler mit keiner Zeile, er verreißt Köhler -
Köhler war der beste Präsident den die Republik je hatte und sein Abgang beweist seine Stärke! Der klebte nicht zu jedem Preis an seinem Amt!
Ich hätte mir gewünscht, das wäre publiziert worden.
Statt dessen Schweigt die Presse die Probleme tot die zu Köhlers Rücktritt geführt haben.
Keine Diskussion über Vertrauen, Wahrhaftigkeit oder über Afghanistan, Nichts!
Nichts gelernt! es ist sehr sehr traurig!
Das Land liegt krankhaft in einer Starre!
Ich hoffe Köhler wird sie noch durchbrechen können. denn wenn nicht seine "letzte Handlung" es schafft, wer oder was soll es dann schaffen?
Ich hoffe Köhler schreibt sehr sehr bald ein Buch!
- Köhlers "Stimme des Volkes" ist immer gelobt worden, von der Presse, der Politik, und den Bürgern die er vertrat
-Nun wird seine Handlung totgeschwiegen
- sein Rücktritt erschien ihm auswegslos und enthält berechtigte Kritik sowie verdeckte Kritik
- ich vermute er ist zurückgetreten wegen der Umstände unter denen er das Rettungspaket zu unterzeichnen "gezwungen worden" ist, wohl ohne Wahrhaftigkeit
- weder die Presse noch die Politik scheint Reue zu zeigen, oder den Versucht zu unternehmen Einsicht zu entwickeln
- der moralische Appell den Köhler mit seinem Rücktritt vollzog wird nicht beachtet, und nicht gewürdigt
- über die Gründe für seinen Rücktritt wird muss mehr spekuliert werden. Es ist Zeit für eine Diskussion über die Werte und Gedanken die Herr Köhler trefflich ind Zentrum gerückt hat - möge die blinde
Ignoranz und das Schweigen über Herrn Köhler ein Ende finden - we must talk!
lautleise (16.06.2010, 10:26 Uhr)
Ja, mit der Würde
eines Sparkassendirektors ist er an- und abgetreten.
Mehr war nüscht. Und nun?
Das würde ich manchem, der hier schreibt, auch mal gönnen: Einmal auf und einmal ab.
Mit Würde! Würde keiner schaffen, es sei denn, er/sie würde Wulff. Wulff?
Ja, glaucken sie sich denn noch?
susiwolf (16.06.2010, 10:15 Uhr)
" p-u-b-l-i-c ... v-i-e-w-i-n-g " (*)
@Tempelhofer ... heute morgen um genau 09.11h haben Sie eine tiefe Verbeugung gemacht, als Sie Ihren 'posting' abgeklickt haben.
-
Eine 'beerdigende Abschlußfeier' ging dem voraus. Alle waren zu Tränen gerührt. Sie natürlich auch. Ich hätte mir gewünscht, daß Sie die Trompete geblasen hätten, wie einst Louis Armstrong ... im 'St. Louis Blues' ...
Aber. Nun ist die Sonne verschwunden der Koffer gepackt.
Sei's drum: Der Nachfolger ab 02.07.2010 steht noch nicht (ganz) fest. Aber - nehmen Sie schon mal Haltung an.
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(*) 'public viewing' - außerhalb deutscher Grenzen: 'Aufbahrung einer -wichtigen- Persönlichkeit im öffentlichen Raum ...
Beim wahrsten Sinne des Wortes ...
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