18. Februar 2012, 12:42 Uhr

Wolfgang Schäuble will Neuverschuldung schneller senken

Finanzminister Schäuble will die Schulden schneller abbauen und plant dafür weitere Einsparungen. Zuschüsse an Sozialkassen sollen gekürzt werden. FDP-Chef Rösler zieht mit - und stellt sich gegen seinen Parteifreund, Gesundheitsminister Bahr.

Schäuble, Schulden, Neuverschuldung, Schuldenabbau, Sparpaket, Bundesfinanzminister, Schuldenbremse

Wolfgang Schäuble möchte ein Sparpaket im Umfang von zehn Milliarden Euro auflegen©

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will die Neuverschuldung schneller senken und dazu ein Sparpaket im Umfang von knapp zehn Milliarden Euro auflegen. Die Vorgaben der Schuldenbremse sollen so schon 2014 eingehalten werden - zwei Jahre früher als geplant, bestätigten Koalitionskreise am Freitag.

Statt 2016 wolle Schäuble nun schon 2014 einen Bundeshaushalt nahezu ohne neue Schulden aufstellen, hieß es in Berlin. Dann werde die Nettokreditaufnahme nur noch rund acht Milliarden Euro ausmachen, schreibt der "Spiegel". 2013 strebe der Finanzminister eine Nettokreditaufnahme von 15 Milliarden Euro an. Die Eckwerte des Haushalt 2013 und des Finanzplans bis 2016 sollen Mitte März stehen.

Im Rahmen des Sparpakets will Schäuble den Angaben zufolge nicht nur den Bundeszuschuss zum Gesundheitsfonds der Krankenkassen um zwei Milliarden Euro kürzen. In der gleichen Größenordnung wolle er auch den Zuschuss des Bundes zur Rentenversicherung kappen. Beide Kürzungen sollen von Dauer sein und nicht nur einmalig. Bei der Arbeitslosenversicherung würden Einsparungen von einigen hundert Millionen Euro erwogen. Auch solle das Elterngeld gedeckelt werden.

Mehreinnahmen werden genutzt

Um ein echtes Sparpaket handelt es sich eher nicht. Denn im Kern werden konjunkturell bedingte Mehreinnahmen der vergangenen zwei Jahre genutzt, um bei den Sozialkassen Zuschüsse und Ausgaben zu kürzen. Entsprechende Überlegungen gibt es schon länger. Das betrifft auch das umstrittene Betreuungsgeld. Erreicht werden dürften die Einsparungen auch durch Anpassungen bei den Zinsausgaben des Bundes.

Der Haushaltsexperte der Liberalen, Otto Fricke, erklärte, die FDP begrüße jeden schnelleren Schritt hin zu einer "schwarzen Null". "Aus meinen Erfahrungen der vergangenen Jahre hoffe ich aber, dass Finanzminister Schäuble den Plan auch mit den Sozialpolitikern von CDU/CSU abgesprochen hat." Das Ganze funktioniere nur, wenn keine größeren Ausgaben beschlossen werden, betonte Fricke.

FDP-Chef Philipp Rösler kündigte im "Spiegel" an, den Sparkurs mitzutragen. Im Konflikt um die Kürzung des Steuerzuschusses für die gesetzliche Krankenversicherung habe er sich an die Seite Schäubles gestellt. Mit Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sei er sich einig, "dass auch das Gesundheitsministerium davon nicht ausgenommen ist". Bahr, Gesundheitspolitiker und die Krankenkassen wehren sich bisher vehement gegen eine Kürzung des Bundeszuschusses.

Hintergrund sind höhere Milliardenreserven der gesetzlichen Krankenkassen als nötig. Auch Haushaltsexperten plädieren dafür, die Zuschüsse zu kürzen. Zuletzt war aber nur von einer einmaligen Kürzung die Rede. 2011 hatte der Gesundheitsfonds 13,3 Milliarden Euro vom Bund erhalten, ab 2012 sind es jährlich 14 Milliarden.

"Schäuble hat die deutsche Schuldenbremse verbogen"

Das um konjunkturelle Einflüsse und Einmaleffekte bereinigte strukturelle Defizit des Bundes soll nach den Vorgaben der Schuldenbremse bis 2016 auf 0,35 Prozent der Wirtschaftsleistung gedrückt werden. 2011 betrug es laut "Spiegel" noch 1,1 Prozent. In diesem Jahr solle es auf 0,5 Prozent sinken und spätestens 2014 beim Zielwert 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen.

Der haushaltspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, Carsten Schneider, erklärte zum schnelleren Schuldenabbau: "Diese von der Koalition beabsichtigte positive Botschaft kann nicht verdecken, dass Finanzminister Schäuble die deutsche Schuldenbremse verbogen hat."

Schneider kritisierte, durch Tricksereien habe sich Schäuble zusätzliche Verschuldungsspielräume verschafft, die sich nach Berechnungen der Bundesbank auf 50 Milliarden Euro bis 2016 summieren werden. Am 1. März werde die Kriegskasse erstmals aufgefüllt, wenn mehr als 28 Milliarden Euro Neuverschuldungsspielraum als eine Art positiver Dispokredit auf dem Kontrollkonto gebucht werden.

2012 hat Schäuble bisher neue Schulden von 26,1 Milliarden Euro veranschlagt - nach 17,3 Milliarden Euro 2011. Es gibt aber neue Belastungen durch eine frühere Kapitalausstattung des dauerhaften Euro-Rettungsschirmes ESM. Dies wird mit neuen Schulden finanziert per Nachtragsetat. Hinzu kommen weitere Milliarden-Haushaltsrisiken.

kave/DPA
 
 
Jetzt bewerten
0 Bewertungen
MEHR ZUM ARTIKEL
Schuldenkrise in Griechenland Union und FDP werfen Athen Unfähigkeit vor

Ob die Griechenland-Rettung nächste Woche beschlossene Sache ist, steht - wieder einmal - in den Sternen. Die Stimmung zwischen Deutschland und dem hilfsbedürftigen Athen verschlechtert sich weiter.

Deutschlands Verhalten in der Schuldenkrise Griechischer Staatspräsident knöpft sich Schäuble vor

Griechenlands Staatspräsident Karolos Papoulias geht mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wegen der harten Haltung Deutschlands in der Schuldenkrise scharf ins Gericht. Bei einem Mittagessen mit dem Verteidigungsminister platzte ihm nun der Kragen.

Finanzministertreffen abgesagt Eurogruppe zweifelt am griechischen Sparwillen

Die griechische Regierung hat nicht geliefert: In der Schuldenrechnung klafft ein Loch von 325 Millionen Euro. Daher werden die Euro-Finanzminister morgen nur zum Telefonhörer greifen, um über das Sorgenkind zu sprechen. Das zweite Hilfsprogramm wird auf die lange Bank geschoben.

Neuverschuldung 2011 Bund macht weit weniger Miese als befürchtet

Ursprünglich hatte die Regierung fast 50 Milliarden Euro Neuverschuldung veranschlagt, doch die brummende Konjunktur hat das Minus deutlich schrumpfen lassen: Der Bund benötigte 2011 nur 17,3 Milliarden an neuen Krediten. Fürs neue Jahr sieht's düsterer aus.

Nachtragshaushalt droht für 2012 Rettungsschirm bringt Haushalt in Schieflage

Am Mittwoch konnte er noch mit einer sinkenden Neuverschuldung punkten, jetzt muss Finanzminister Wofgang Schäuble dagegen auf schlechte Nachrichten gefasst sein: Für 2012 könnte ein Nachtragshaushalt fällig werden. Schuld ist die Eurokrise.

Neuverschuldung sinkt stark Schäuble hält an striktem Sparkurs fest

Gut gehaushaltet: In diesem Jahr wird die Neuverschuldung auf unter 20 Milliarden Euro sinken. Angesichts der ursprünglich eingeplanten 48 Milliarden Euro ist das fast schon eine Sensation. Aber Schäuble denkt gar nicht daran, den Sparkurs zu verlassen.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?