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Die Qual der Wahl

SPD oder CDU? Diese etablierten Parteien sind doch alle gleich. Vielleicht lohnen Splitterparteien mit ausgeprägtem Profil? Ein Überblick zu Politfreaks, Geronten und Eso-Predigern.

Von Katharina Grimm

  Die Qual der Wahl - bei den Splitterparteien finden sich vor allem die politischen Extreme wieder.

Die Qual der Wahl - bei den Splitterparteien finden sich vor allem die politischen Extreme wieder.

Liebe Wechselwähler und Unentschlossene! Noch keine Ahnung, wo das Kreuzchen bei der Bundestagswahl landen soll? Statt im politischen Einerlei der Volksparteien könnte eine der Splitterparteien die richtige Wahl sein. Noch nie wurden so viele politische Organisation zugelassen wie bei dieser Bundestagswahl. Da lohnt das Herumstöbern - auch wenn schnell ist klar: der Freak-Faktor schon ziemlich hoch. Eine Auswahl der spektakulärsten Alternativen zu den Altparteien.

Die Partei

Politik ist ja immer so ernst, so staatstragend, so spießig. Das dachten sich wohl auch die Redakteure des Satiremagazins "Titanic" und machten einfach ihre eigene Partei auf. Die hat den handlichen Namen "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative". Und weil das auf keine Spendenquittung passt, gibt es die Kurzform: "Die Partei". Inhaltlich siedelt sich die Spaßguerilla um Martin Sonneborn irgendwo zwischen FDP-Bashing, Flachwitzniveau, Wortspielverzögerung und Krawallironie an. So sagte Sonneborn vor dem Wahlausschuss am Freitag in Berlin: "Wir sind ja hier nicht im Verdacht, eine kleine Splitterpartei zu sein, wie die AfD oder die FDP." Inhaltlich fordern sie die Faulenquote, Artenschutz für die Grünen und das Abitur nach fünf Schuljahren.

Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (BIG)

Das politische Zuhause für Migranten ist bisher weniger durch Wahlerfolge als durch undurchsichtige Verbandelung mit der türkischen Regierungspartei AKP von Recep Tayyip Erdogan aufgefallen. Und durch ziemlich aggressive Werbung und rechtschreibschwache Plakate. Im Wahlkampf 2011 zum Berliner Abgeordnetenhaus schoss sich die BIG eindrucksvoll – und orthografisch recht dürftig – auf den umstrittenen Immernoch-SPD-Mann Thilo Sarrazin ein. Sarrazin schrieben sie mit zwei Z und einem R. Darunter stand die unfreiwillig komische These: "Ja zu ein respektvolles Miteinander". Bisher sammelte die erste von Muslimen gegründete Partei in Deutschland nur Ergebnisse im Nachkommenstellenbereich. "In zehn Jahren sind wir in der Regierung", sagte der BIG-Spitzenkandidat Ismet Misirlioglu 2011 in Berlin.

Bündnis 21/RRP

Der demografische Wandel scheint sich auch auf die Politik auszuwirken, denn das Bündnis21/RRP ist eine Partei der Weißkopfadler und Silberrücken. Sie fordert eine staatlich finanzierte Mindestrente von 1500 Euro plus jährlichen Inflationsausgleich. Und den Renteneintritt mit 65. Auf der Homepage finden sich mittel-witzige Angela-Merkel-Karikaturen und ein Schreiben an Bundesumweltminister Peter Altmeier – mit dem Hinweis, dass die Antwort sehr spät kam, gleichwohl sehr gut formuliert war, aber inhaltlich so gar nicht auf die Fragen einging. Ein Schelm, der dabei an das ewig nörgelige Leserbrief-Geschreibe älterer Verwandten denkt. Scheint ein verbreitetes Hobby im rentenfähigen Alter zu sein.

Die Christliche Mitte (CM)

Der Parteigrundsatz ist simple: Politik nach den zehn Geboten der Bibel. Nicht töten, nicht stehlen, Vati und Mutti ehren, man kennt das ja. Es gebe kein besseres politisches Programm, so die Partei. Der liebe Gott als Spitzenpolitiker, quasi. Blöd nur, dass der sich nie konkret zu wirtschaftspolitischen Problemen geäußert hat. Die CM, wie sich die Partei lässig abkürzt, fordert die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, das generelle Verbot von Sexualunterricht und Pornos und sie lehnt, selbstverständlich, Homosexualität ab. Über Andersgläubige heißt es: "Muslime, die freiwillig in ihre Heimat zurückkehren wollen", sollten unterstützt werden. Das klingt nach Rausschmiss. Über bisherige Wahlerfolge der CM ist nichts bekannt - die Partei erklärt dies übrigens mit dem Sittenverfall in Europa.

Die Violetten

Liebe! Spiritualität! Freiheit im Geistesleben! Und das jetzt auch in der Politik. Die Violetten sind die lila Neu-Hippies auf der Politikbühne. Sie sehen sich "als Vertreter und Sprachrohr einer wachsenden Zahl von spirituellen Menschen" an. Von all jenen, die sich der geistigen Dimension unserer Welt bewusst sind." So weit, so esoterisch. Inhaltlich fordern sie ein Recht auf Bildung, ökologische Wohnhäuser und Gesundheit. Wobei man bei den Violetten human-medizinisch ausgebildete Ärzte mit Kräuter stampfenden Schamanen und Amulett schwingenden Heilern gleichsetzt. Jeder, wie er mag. Und im Strafvollzug sollte auch mehr meditiert werden, is klar.

Die Bergpartei, die "Über-Partei" (B)

Die Erfinder des bedingungslosen Grundeinkommens sind bisher politisch nicht über den Rand von Berlin hinausgekommen. Aber immerhin haben sie nun ein Programm. Das lässt erkennen, dass die Kapitalismuskritiker aus sich aus zwei fusionierten Parteien speisen - eben aus der "Bergpartei" und der "Über-Partei". Denn das Programm ist verwirrend heterogen. Im ersten Teil – knapp, kurz, einsilbig – fordern die B-Politiker (Achtung, Wortspiel!) die "Umwandlung des Verteidigungsministeriums in ein Zwischennutzungs- und Querfinanzierungsministerium", "die Einführung der bezahlten Reisepflicht", "die Förderung des Formationstanzes" und: "die Aushöhlung des Linkspartei von links unten". Der zweite Teil ist ein weltverbessernder Besinnungsaufsatz in Bergpredigt-Länge zu den großen Fragen der Welt. Kostprobe? "Es ist erschreckend! Die Welt ist aus den Fugen geraten. Wir leben in einem System. (…) Mitbürgerinnen und Mitbürger, basteln wir uns diese Welt, wie sie uns gefällt."

Die Nein!-Idee

Na endlich! Die Partei für Nichtwähler. Oder Nörgler, die noch zu jung sind für die Rentner-Parteien. "Die NEIN!-Idee spricht jedem Menschen das Recht zu, Nein zu sagen, ohne dabei nach dem Grund zu fragen", heißt es zur Begründung. Also, erst mal alles ätzend finden, ohne zu wissen, was doof ist – und warum. Und es geht so weiter: Die Nein!-Leute nehmen keine Ämter an, befürworten keine Gesetze, sie sind der "dauerhafte Denkzettel für die etablierte Parteienlandschaft". So eine Art wählbares Politik-Kleinkind, das immer und immer mit dem Fuß aufstampft und "Nein" brüllt. Warum? Na, weil es das kann. Irgendwie sinnlos? Möglich, aber so funktioniert eine Nichtwähler-Partei. Kann man das ganz schon albern finden? NEIN! Oder vielleicht doch.

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