Merkels letzte drei Jahre

8. August 2013, 10:24 Uhr

Die Kanzlerin möchte 2016 aufhören. Und sich dann einen Lebenstraum erfüllen. Glauben Sie keinem Dementi. Von Hans-Ulrich Jörges

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Anfang vom Ende einer Ära: Kanzlerin Angela Merkel (CDU)©

Für Angela Merkels Lebensplanung hat eine Ziffer wegweisende Bedeutung. Es ist die 25.

Am 18. Januar 1991 wurde sie als Ministerin für Frauen und Jugend im Kabinett Kohl vereidigt, es war ihr Eintrittsdatum in die Bundespolitik. 25 Jahre später will sie als Bundeskanzlerin aufhören. 2016 soll ihr Austrittsdatum werden, das Jahr vor der Bundestagswahl 2017. Sofern sie im September im Amt bestätigt wird, woran aktuell wenig Zweifel besteht. Und sofern die neue Koalition den Übergang gefahrlos möglich macht.

Abschied und Koalitionsstatik

Ein Vierteljahrhundert in der deutschen Spitzenpolitik, davon dann 16 Jahre als CDU-Vorsitzende und elf Jahre als Kanzlerin, das ist eine mächtige Strecke. Das reicht ihr. Am 17. Juli 2016 wird sie 62, ihr Mann Joachim Sauer 67 am 19. April. Zur Wiederwahl 2017 jedenfalls möchte sie sich nicht mehr stellen. Also muss der oder die Nachfolger/ in die Chance erhalten, im Kanzleramt wenigstens ein Jahr lang Gesicht zu zeigen, um mit den Würden des Amtes in die Wahl 2017 zu gehen.

Vollendete Merkel hingegen die Legislaturperiode, hätte die neue Führungsfigur ohne Kanzlerbonus anzutreten. Wahlen gewinnt man aber nun mal leichter aus der Macht. Insofern fügen sich Merkels magische 25 und die Mechanik des Wechsels.

Diese Mechanik, Kanzlerneuwahl 2016, funktionierte in einer Koalition mit der FDP wohl störungsfrei. In einer Großen Koalition wäre sie indes risikobehaftet, die SPD könnte die Sache platzen lassen. Die Koalitionsstatik muss also stimmen, die Übergabe berechenbar sein.

Das Ziel: der Pan-American Highway

Merkels Abschied aus dem Kanzleramt soll einer aus der Politik generell sein. Alle Spekulationen, sie könnte danach an einem Spitzenamt bei den Vereinten Nationen oder in der Europäischen Union interessiert sein, sind ohne Substanz. Sie will aufhören. Und leben. Einen Lebenstraum, so höre ich, möchte sie sich erfüllen: mit ihrem Mann den Pan-American Highway hinunterfahren. Der verbindet die beiden Amerikas, den Norden und den Süden, beginnt in der Prudhoe Bay von Alaska und endet in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt im argentinischen Feuerland. Rund 48.000 Kilometer lang ist dieses Straßennetz durch Kanada, die USA und Mexiko über Mittelamerika, Kolumbien, Peru und Chile bis zum äußersten Zipfel Südamerikas.

Das braucht Zeit, Reiselust und Abenteurertum. Für Merkel schlösse sich damit ein ganz besonderer Lebenszyklus. Schon als Jugendliche in der DDR hatte sie Reiseabenteuer gesucht, nicht nur Russland, Polen, die ČSSR und die Ukraine besucht. Sie trampte mit Freunden durch die südlichen Sowjetrepubliken bis in den Kaukasus und übernachtete im georgischen Tiflis bei Obdachlosen im Bahnhofsasyl. Den Osten kennt sie, nun soll der Westen folgen. Sofern ihr die Machtübergabe gelingt.

Die möglichen Nachfolger

Denn einstürzen darf das Kartenhaus CDU nicht, wenn sie geht. Stünde das zu befürchten, würde ihr Ausscheiden als Hinschmeißen interpretiert. Der Wechsel wäre misslungen, die Merkel-Ära am Ende sogar historisch verdorben. Alle Aufmerksamkeit ist also darauf zu richten, wen sie – im Falle eines Wahlsiegs – unionsseitig in ihr Kabinett holt und wem davon die Nachfolge zuzutrauen wäre. Schon mit der Vereidigung des Kabinetts wäre das Rennen eröffnet, denn die Aspiranten wissen, worum es geht. Ursula von der Leyen hat zwar im Moment extrem schlechte Karten in der Unionsfraktion, aber das muss nicht so bleiben. Auch der Imageverlust Thomas de Maizières durch die Drohnenaffäre dürfte nicht von Ewigkeit sein. In den Machtzirkeln der CDU stellt man sich zudem darauf ein, dass Merkel den ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister nach Berlin holen würde.

Allein entscheiden kann sie freilich nicht. Die Kanzlerin wird in der Nachfolgefrage ein gewichtiges, vielleicht gar das ausschlaggebende Wort haben, doch die Aussicht auf das Ende ihrer Ära müsste die sanft entschlummerte CDU, nicht zu vergessen: auch die CSU, wachrütteln. In der Regel kommt der Kanzler aus dem Bundestag. Aber es geht ja auch um den CDU-Vorsitz. Kehrt Friedrich Merz, der schwarze Traumprinz, in die Politik zurück? Will Norbert Röttgen wieder mitmischen?

Ein letztes Mal zur Wahl gestellt

Viel wichtiger aber ist die Frage, wie Merkel ihre letzten drei Jahre politisch ausfüllt. Regiert sie noch präsidialer - oder kantiger, da sie nicht mehr wiedergewählt werden möchte? Es wird spannend nach dem 22. September. Angela Merkel kann an diesem Tag vermutlich zum letzten Mal gewählt werden.

Die Bundesregierung hat bereits am Mittwoch reagiert und den Bericht dementiert. "Das entbehrt jeder Grundlage", erklärte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter.

Der Zwischenruf aus Berlin

Der Zwischenruf aus Berlin ... ist die regelmäßige Kolumne von Hans-Ulrich Jörges im gedruckten stern.

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