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Krise des Vertrauens

Im Urteil der Deutschen haben Banken und Manager von Großkonzernen dramatisch an Ansehen verloren - während der eigene Arbeitgeber höchste Wertschätzung genießt. Das ruft nach einer Debatte über Ethik und Leitbilder in der Wirtschaft.

Von Hans-Ulrich Jörges

"Vertrauen ist der Anfang von allem."
Deutsche Bank, Werbeslogan aus den 90er Jahren.

Die Kluft ist gewaltig. Sie misst die Spannung in der Wirtschaft aus, die Defizite der Gesellschaft und die Tendenzen der Zeitstimmung. Sie öffnet aber auch den Blick in einen ethischen Abgrund - schwindelerregend, aus lichter Höhe in düstere Tiefe. 76 Prozent der Deutschen, drei Viertel also, bekunden großes, ungebrochenes Vertrauen in ihren eigenen Arbeitgeber. Trotz Krise, trotz taumelnder Betriebe, trotz bedrohter Jobs. Aber nur acht Prozent zeigen Vertrauen in die Manager von Großkonzernen. In solche wie Klaus Zumwinkel, Exchef der Post und verurteilter Steuerhinterzieher, der nach dem Prozess nichts anderes zu sagen wusste, als dass sein Vertrauen in den Rechtsstaat gelitten habe. Trotzig, unbelehrbar, unbekehrt.

68 Prozent Differenz also. Zwischen Mittelstand und Familienbetrieben, denn da arbeiten die meisten Deutschen, und den Giganten des Dax. Zwischen sozialer Verantwortung, regionaler Verwurzelung, nachhaltigem Wirtschaften auf der einen und Renditewahn, globalem Unbehaustsein, börsengetriebener Sprunghaftigkeit auf der anderen Seite. Zwischen erlebter Ethik und gefühlter Unmoral.

Noch nie wurde eine solche Distanz gemessen. Noch nie rangierte das Vertrauen in den eigenen Arbeitgeber so weit oben, noch nie war das Ansehen der Spitzenmanager so weit unten. 32 gesellschaftliche Institutionen stellte das Forsa-Institut für den stern zur Vertrauensabstimmung, zum dritten Mal nach 2005 und 2008. Den größten Sprung nach oben, mit plus acht Prozent auf den zweiten Rang nach der Polizei, machte der "eigene Arbeitgeber". An letzter Stelle landeten die Manager von Großkonzernen. Zwei Plätze hinter dem Zentralrat der Muslime.

Den dramatischsten Absturz aber erlebten die Banken. Nur noch 21 Prozent der Deutschen, nicht mehr als jeder Fünfte, setzen Vertrauen in sie - zwölf Prozentpunkte weniger als ein Jahr zuvor. Rang 28. Eine Katastrophe für das Gewerbe, das wie kein zweites vom Vertrauen seiner Kunden lebt. Die Sparkassen, erstmals zur Wahl gestellt, bringen es dagegen auf 54 Prozent, mehr als doppelt so viel. Rang elf. Ein imposanter Vertrauensbeweis. Und ein überzeugender Beleg für die Klugheit der Deutschen, für ihre Sensibilität, für ihre differenzierte Wahrnehmung selbst in unübersichtlicher Zeit.

Alle tragenden gesellschaftlichen Institutionen stecken in der Krise

Das gibt ihrem Urteil über die Eliten besonderes Gewicht. Mit wenigen Ausnahmen befinden sich alle tragenden gesellschaftlichen Institutionen in der Krise - zur selben Zeit. Weniger als die Hälfte der Deutschen vertrauen der Bundesregierung (41 Prozent), dem Bundestag (39), den Krankenkassen (38), den Gewerkschaften (37), der katholischen Kirche (29), den Arbeitgeberverbänden (28), den Versicherungen (27), den Parteien (18) - und jenen, die alle vertrauenswürdig zu verkleiden suchen, den Werbeagenturen (13). Ein Countdown des Misstrauens. Herausragend: die Polizei (81), die Ärzte (74), die Umweltorganisationen (64), die Bundeswehr (61). Und als politischer Solitär der Bundespräsident mit 74 Prozent auf Rang vier.

Die grassierende Elitenkrise gibt dem Vertrauen in den eigenen Arbeitgeber noch mehr Gewicht. Der Kapitalismus ist stabil - da, wo er als sozial erlebt wird. In scheinbarem Widerspruch dazu steht, dass nur 39 Prozent den Unternehmern als Gruppe vertrauen; sechs Prozentpunkte mehr als 2008, aber noch immer armselig. Das abstrakte Unternehmerbild ist schlecht, das konkrete, selbst erfahrene aber gut. Das lässt nur den Schluss zu, dass es in der Beobachtung des Publikums an überzeugenden Köpfen aus der Wirtschaft fehlt. An Mittelständlern und Familienunternehmern, die es wagen, sich abseits der Großindustrie (und gegen sie) zu organisieren, Gesicht zu zeigen, ökonomisches Ethos öffentlich zu diskutieren.

Diese Debatte wird erregt geführt - allerdings verdeckt, in geschlossenen Zirkeln. Nichts braucht das Land so dringend wie Bankiers und Unternehmer, die sich verabschieden von der Rendite als Maß aller Dinge. Die Politik allein kann Vertrauen in ein geläutertes Wirtschaftssystem nicht begründen. Sie braucht Partner, vertrauenswürdige Leitfiguren des Wandels. Entweder setzt sich Josef Ackermann an die Spitze dieser Bewegung - oder er soll gehen. Rasch. Er weiß es doch: Vertrauen ist der Anfang von allem. Misstrauen das Ende.

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