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Terror der Tugend

Wenn der Gesundheitsschutz Maß und Menschlichkeit verliert, wird die beste Absicht zur bedrückenden Tat: Es erblüht die wohlmeinende Denunziation, es knirschen die Schaftstiefel von Volksmilizionären.

Das Gute ist wach, es ist unerbittlich, und es lauert überall. Anfang des Monats marschierte ein kleines Freiwilligenheer über die Straßen von Berlin, Köln und Hannover, um der Polizei in den neuen Umweltzonen zur Hand zu gehen. Die "Feinstaub-Kontroll-Teams" der Deutschen Umwelthilfe, Idealisten reinsten Wassers, klemmten selbst entworfene "Knöllchen" unter die Scheibenwischer von "Dieselstinkern" und plakettenlosen Ökoschädlingen. Zugleich wurde im Internet ein Rekrutierungsaufruf für weitere Freiwillige geschaltet, denn es gibt viel zu tun, demnächst auch in Städten wie München, Stuttgart und Tübingen. "Auf ihrem Weg morgens zum Bäcker" oder wann immer sie auf den Straßen unterwegs seien, sollten die Volksmilizionäre Handzettel an Autos klemmen oder sich sogar deren Fahrer vorknöpfen. Anzeige erstatte man "nur in Fällen besonderer Ignoranz", bei schweren Geländewagen etwa.

Da sind die Vorkämpfer des Heils in der Initiative "Pro Rauchfrei" weniger zimperlich. Sie bieten Kundschaftern ein Formular an – "Gaststätte, Firma, Verein, Behörde oder Organisation" mit Adresse und "Tatzeitpunkt" –, um bei verbotswidrigem Rauchen "den Dialog mit den zuständigen Behörden" zu suchen. Denn: "Gesetze sind kein Wunschkonzert." Also kann das Volksorchester zu ihrer werkgetreuen Aufführung gar nicht groß genug sein.

Und nicht laut genug. Wer menschenwürdige Rückzugsräume für Raucher verlangt, der bekommt auf sein "jämmerliches Gesabber" Sätze wie diese zu hören: "Sie sind wohl auch einer dieser Täter, die man getrost auch als Volksverhetzer bezeichnen kann?" Oder: "Gerne komme ich, sollten Sie Raucher sein, zu Ihrer frühzeitigen Beerdigung." Oder: "Das Recht auf die Inhalation von Brandgasen mit dem Anspruch auf Menschenwürde zu verfechten zeigt einmal mehr, wie toxisch der Rauch auf den Denkapparat wirkt." Oder: "Raucher dürfen sich nicht auf Freiheit und Rechte oder gar Würde berufen. Diese stehen nur den Nichtrauchern zu."

Wer solche Töne anschlägt, im stolzen Bewusstsein, die Welt zu retten, der ist mitunter auch bereit, Hand anzulegen ans Böse. In Berlin sind das etwa Schwärme von aberwitzig die Verkehrsregeln missachtenden Radfahrern, die mit heiligem Hass Autos schneiden, auf deren Dächer schlagen und Insassen anbrüllen, das Rad also nicht nur als Mittel zur Fortbewegung begreifen, sondern auch als Waffe im Guerillakampf gegen Autofahrer. Nachts geht es erst richtig zur Sache: Im vergangenen Jahr ließ die Berliner "Ökoguerilla" an mehr als 200 Geländewagen die Luft aus den Reifen - über hundert weitere Autos wurden von anderen in Brand gesetzt.

Seit den Tagen der französischen Revolution hat inhumane Verirrung im Namen höchster Ideale einen Namen: Tugendterror. Damals schickten die Jakobiner für das "allgemeine Glück", für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, massenweise Gegner aufs Schafott. Im blutigen 20. Jahrhundert löschten Stalin und Pol Pot Teile ihrer Völker aus, um den "neuen Menschen" zu schaffen.

Die Linie vom "Großen und Grausamen" zum "vermeintlich Kleinen", von den Jakobinern über Stalin und Pol Pot bis zu Puritanismus und Protestantismus zog 2004 Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche: "Aber auch heute, in einer Zeit, in der die Tugenden angeblich außer Kurs gekommen sind, kann man doch sehr leicht jenen tugendhaften Menschen begegnen, die schon ein zweites Glas Wein für einen Exzess halten, die keinen halb aufgegessenen Apfel ohne Erwähnung der hungernden Kinder in Afrika sehen können und die eine Art 'unkrümmbaren Zeigefinger' besitzen, der ständig den kalten Wind des Rechthabens ausströmt. 'Tugendhafte Menschen' können durchaus den Charakter einer Drohung annehmen, bis hin zu jenem furchtbaren 'Tugendterror', den nicht erst die Jakobiner … erfanden (…) Wir kennen Tugendterror und den unkrümmbaren Zeigefinger auch."

Heute ist der Umweltschutz das Schlachtfeld der Tugend, folgt die health correctness der political correctness: Dort erblüht das wohlmeinende Denunziantentum, dort knirschen die geistigen Schaftstiefel der Volkskontrolleure. Feind ist stets der Einzelne, der Raucher, der Autofahrer, der Dicke - nicht Industrie oder Kraftwerke. Die Tugend jagt nicht den Teufel, sondern den Sündhaften. Damit wird sie zum Terror. Und erblindet sozial. Die Feinstaub-Verbotszonen enteignen Arme, die sich nicht alle paar Jahre ein neues Auto kaufen können und deren "Stinker" nun unbrauchbar werden. Das Rauchverbot fördert den Zigarrenclub der feinen Leute und vernichtet die Eckkneipe des kleinen Mannes. So gesehen ist Tugendterror auch noch Klassenkampf von oben.

Hans-Ulrich Jörges/print
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