Fundamentalisten wachsen unter Isolation, ob in den Bergen Afghanistans oder im Deutschen Bundestag. Lafontaine zurückzuholen, ihn zu befreien, kann also nur gelingen, wenn man ihm Achtung entgegenbringt, ihn abholt, konsultiert, einbindet - das Gespräch sucht. Dieser Auftrag gilt nicht nur für die SPD, er gilt für den Bundespräsidenten, die Kanzlerin, die Würden- und Mandatsträger aller Parteien. Man nennt den anderen nicht einen Holzkopf oder Terroristenhelfer, wenn man eben mit ihm geplaudert oder gar ein Glas Wein getrunken hat. Niemand wartet darauf so sehr wie Lafontaines eigene Partei. Denn keiner außer der SPD leidet inzwischen so unter ihm wie die Linke. Es ist ein Lustleiden: Er macht sie stark und stärker, aber er führt sie auch programmatisch ins Abseits - und in scharfen Gegensatz ausgerechnet und ausschließlich zum Wunschpartner SPD. Gregor Gysi seufzt.
Und immer ungenierter setzen sich Jungrealos aus dem Osten in Widerspruch zum Altfundi aus dem Westen. Der verdammt die Privatisierung öffentlicher Leistungen, die verkaufen defizitäre Krankenhäuser an Klinikkonzerne und diskutieren die Umbenennung des Berliner Olympiastadions nach einem Sponsor, um Geld für Soziales zu sammeln. Der will den Abzug der Bundeswehr von überallher, die beginnen, über humanitäre und Friedenseinsätze zu diskutieren. In der Führung der Linken treibt das auf einen Großkonflikt zu. Für ein Jahr ist Lafontaine gerade neben Lothar Bisky zum Parteichef gewählt. Dann könnte statt Bisky die junge Ostberlinerin Gesine Lötzsch an Lafontaines Seite rücken, für weitere zwei Jahre. Danach, ab 2010, will die Parteisatzung nur noch einen Vorsitzenden respektive eine Vorsitzende: Lafontaine oder Lötzsch. Er wird dann 67. Wäre er befreit von seiner Seelenqual, könnte er, vor der Wahl 2013, auch seine Partei befreien. Und als Ehrenvorsitzender abtreten.
Lafontaine hat den Liebesentzug der SPD nie verkraftet. Keiner außer den Sozialdemokraten leidet inzwischen so unter dem Fundamentalisten wie seine eigene Partei
Übernommen aus ...
Ausgabe 35/2007