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6. Juli 2008, 19:00 Uhr

Allein mit der Meute

Kurt Becks Beschädigung durch die Medien wirft eine Grundsatzfrage auf: Haben Politiker aus der Provinz überhaupt noch eine Chance? Die Antwort darauf gibt auch Auskunft über die Zukunft der Demokratie. Von Hans-Ulrich Jörges

Es reicht. Es ist Zeit, innezuhalten. Nachzudenken. Kritisch und selbstkritisch. Nicht nur darüber, was mit dem Mann passiert ist und tagtäglich aufs Neue passiert. Das ist schlimm genug. Sondern auch darüber, welchen Typus von Politiker die Medien, die sogenannte Öffentlichkeit, überhaupt noch zulassen. Und ob sich die Politik, am Ende gar: das Volk, dagegen behaupten können. Das ist noch wichtiger. Denn dabei geht es um nichts Geringeres als die Frage, ob und wie stark Medien die Demokratie verbiegen.

Der Fall Kurt Beck muss Anlass sein, das zu reflektieren. Der SPD-Chef hat Fehler, und er hat Fehler gemacht. Jeder kennt sie. Aber diese Fehler - der schwerste war der "Wortbruch" nach der Hessen-Wahl - sind beileibe nicht extraordinärer als die Fehler, die andere in der Politik zu verantworten haben. Nehmen wir nur, weil von Hessen die Rede ist, die planmäßige Mobilisierung fremdenfeindlicher Affekte durch Roland Koch. Kurt Beck indes hat ganz andere Konsequenzen zu tragen. Die Begriffe dafür hat er vergangene Woche selbst gesetzt, in einem Ausbruch von Zorn, spitz und betroffen machend: Vernichtungsfeldzug, Mobbing, Herabwürdigung.

Das ist nicht das übliche Lamento skandalgeschüttelter Politiker über jene Medien, die ihre Skandale publik gemacht haben. Das ist das Notsignal, der Protestschrei eines ehrenhaften Mannes, der seine Ehre besudelt sieht, seine Integrität beschädigt, sein Bild zertrümmert. Und wie zum Beweis wurde ja selbst noch die Klage über die Vernichtung zum Instrument der Vernichtung auf Raten. Der Ausbruch, beim Wein mit Journalisten aus der Hauptstadt, war nach dem Komment vertraulich und füllte danach dennoch die Blätter. Als Ausweis der Dünnhäutigkeit, der Erschütterung, der Hilflosigkeit des SPD-Vorsitzenden, dessen Uhr abläuft.

Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges

Becks größte Fehler aber sind nicht politische, sondern ganz andere, über die man sich amüsiert, die man abschmeckt und genüsslich serviert in den Porträts und Expeditionsberichten aus der Pfalz. Wie er aussieht nämlich, rund und struppig. Wie er redet, ungeschliffen und verstellt. Mit wem er Umgang pflegt, einfachen Menschen. Und was er genießt, "Schnüffel" etwa, Schweineschnauzen vom Schlachtfest. Mit einem Wort: Kurt Beck wird als Politiker niedergemacht, aber gemeint ist der Provinzler, der Aufsteiger aus ärmlichen Verhältnissen, der Nicht-Studierte, der Exot aus dem Volk. Damit treibt die Häme ihr Spiel, daran regnet sich die Arroganz ab, darüber erhebt sich der Dünkel. Gesucht und gefunden wird nur noch, was ins Bild passt. Gedankenlos. Gnadenlos.

Nie ist einem deutschen Politiker nach dem Krieg solches derart massiv widerfahren - auch mit Helmut Kohl wurde nicht zimperlich umgesprungen, aber er war medial nicht allein. Nie haben sich Journalisten - gerade jene, die der SPD nahe stehen, Empathie auf den Lippen tragen und Visionen beschwören - so geschlossen über einen hergemacht: als Meute. Wahrigs "Deutsches Wörterbuch" erklärt den Begriff: "Schar von Jagdhunden zur Hetzjagd; Schar zügelloser Menschen, wilde Horde, Bande." Die Glaubwürdigkeit der meisten wird schon dadurch widerlegt, dass sie kein aufklärendes Wort verlieren über jene Büchsenspanner, die das Treiben inszenieren und sie so ausdauernd wie anonym mit Boshaftem füttern. Kritik musste und muss sein, auch scharf, aber zu viele bellen einfach nur noch besinnungslos mit dem Rudel.

Dahinter steht ein grundsätzliches Problem: Haben Politiker aus der "Provinz" noch eine Chance in Zeiten der Globalisierung, die eleganten und eloquenten Darstellern die Bühne bereitet? Erst recht, wenn diese "Provinzler" nicht in der Hauptstadt leben, sondern in Landschaften, deren Bewohner Bier- und Weinfeste bevölkern statt Lesben- und Schwulenparaden?

Auch Erwin Huber, der CSU-Chef, ist so ein Fall. Er stammt wie Beck aus einfachen Verhältnissen, ist ein hölzernmundartlicher Redner, wird in Abwesenheit von Berliner Parteifreunden gemobbt, anonym selbstverständlich, und in medialer Arroganz frittiert. Ob er noch mal "vier klare deutsche Sätze" sagen könne, fragte ihn unlängst - im Wortsinn unverschämt - ein Reporter auf einer Berliner Pressekonferenz, als er sich just in klaren deutschen Sätzen geäußert hatte. Er gehorchte, eingeschüchtert.

Beck ist ein ehrlicher Mann, auch und gerade, weil er fremd ist in dem notorisch lügenden, heuchelnden, intrigierenden Milieu der Metropole. Mediale Zurichtung aber hat ihn, nicht etwa seine falschen Freunde, zur Figur der Unaufrichtigkeit gemacht. Seine im Täuschen promovierten Gegner lasten ihm vor allem an, dass er den Kurswechsel gegenüber der Linken vor der Hamburg-Wahl zu erkennen gab - sie hätten es erst danach getan. Profis, die sie sind. Scheitert der Typus Beck, sind wir allein mit solchen Profis.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 27/2008

Nie haben sich Journalisten derart über einen hergemacht.

Mediale Zurichtung hat aus einem ehrlichen Mann eine Figur der Unaufrichtigkeit gemacht

Von Hans-Ulrich Jörges
 
 
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