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29. Februar 2008, 22:14 Uhr

Befreit Lafontaine!

Verachtung und Ausgrenzung machen den Vorsitzenden der Linken nicht schwächer, sondern gefährlicher. Seine politischen Konkurrenten sollten auf ihn zugehen - sein politischer Kurs ist ein einziger Schrei nach Respekt stern Nr. 35/2007

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Den Casus Lafontaine kann man politisch oder psychologisch betrachten. Die Konkurrenten der Linken, alarmiert wegen seiner Beutezüge durch die Wählerschaft, haben sich angewöhnt, ihn politisch zu interpretieren - und auch so auf ihn zu antworten. Insbesondere die Sozialdemokraten, die nach anfänglicher Sprachlosigkeit nun holzen gegen den "Rattenfänger" und seine Skrupellosigkeit beim Einsammeln von Protestwählern, ganz links, aber auch ganz rechts. Wenn er etwa George W. Bush einen Terroristen nennt und iranische Atomrüstung gegen das atomar bewaffnete Israel für gar nicht so verwerflich hält. Die Konfrontation ist unvermeidlich, aber sie macht Lafontaine noch attraktiver für die Versprengten und Verzweifelten, die nur ein Motiv kennen: die Etablierten in Angst und Schrecken zu versetzen. Quietschen die weithin vernehmbar, ist der Zweck erreicht, und Oskar wächst zum Helden. Fruchtbarer wäre es, über Lafontaines Psychologie nachzudenken. Wie kommt ein Mann dazu, der zeitlebens ein intellektueller, kulturinteressierter, hedonistischer West-Linker war, zuweilen sogar einer mit reformerischen Impulsen, die er selbst heute als neoliberal geißeln würde, sich fortwährend zu radikalisieren, scheinbar bedenkenlos, bis ins Irrationale hinein?

Warum wird aus einem traditionellen Machtpolitiker so etwas wie ein ideologischer Taliban? Die alte Erklärung taugt nicht mehr: Rache. An Gerhard Schröder, den Lafontaine unter seiner Kontrolle glaubte - als er noch die SPD führte und Rot-Grün begann - und der sich dann doch als der Stärkere erwies und ihn aus dem Kabinett mobbte. Der Rachedurst ist gestillt: Schröder verlor die Kanzlerschaft, weil ihm Lafontaine entscheidende Prozente nahm, und die beiden haben inzwischen fast schon ihren Frieden miteinander gemacht. Jedenfalls schilderte Schröder den Ämterflüchtling in seinen Memoiren verblüffend sanft und anerkennend als den Begabtesten, dem er in der Politik je begegnet sei, und Lafontaine antwortete in seiner Rezension im stern ebenso sanft - beeindruckt und geschmeichelt.

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Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges© Jürgen Gebhardt

Isolation und Kränkung enträtseln Lafontaines Psyche. Schon als der Liebling der Partei alle Ämter hingeschmissen hatte und ins Saarland geflohen war, hatte er vergebens auf den Aufstand der SPD gehofft, den Ruf: Oskar statt Gerd. Und später auf eine Einladung zum Parteitag. Den Liebesentzug hat er nie verkraftet, der Mann, der sich so ultrahart gebärdet und im Innersten doch eher feinsinnig, weich und verletzlich ist. Heute ist sein politischer Kurs ein einziger Schrei nach Wahrnehmung, Respekt. Je verbissener die SPD, ja die gesamte politische Klasse ihn als Outcast, als Unberührbaren behandeln, schneiden und ausgrenzen, desto mächtiger wächst in ihm der Drang, den Druck zu verstärken, wehzutun, bis sie einfach nicht mehr an ihm vorbeikönnen.

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Ausgabe 35/2007

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