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6. September 2008, 15:09 Uhr
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Die Knute der Rendite

Die Politik will den Managern ans Geld, denn beim Volk ruinieren sie den Ruf der sozialen Marktwirtschaft. Doch Deutschlands Konzernlenker sind selbst Opfer des börsengetriebenen Wirtschaftssystems. Von Hans-Ulrich Jörges

Wir kennen ihre Gesichter: maskenhaft starr oder zwanghaft lächelnd. Wir kennen ihre Pleiten und Skandale: Arbeiter vor Fabriktoren, Fahnder in Vorstandsetagen. Wir kennen auch, selbstverständlich, ihre Gehälter: aufgereihte Gesichter auf Zeitungsseiten, daneben exorbitante Summen - Josef Ackermann (Deutsche Bank): 14,34 Millionen, Peter Löscher (Siemens): 11,49 Millionen …

Wir meinen sie zu kennen, doch in Wahrheit wissen wir nichts von ihnen. Wie sie leben, wen sie lieben, was sie quält, wovor sie sich fürchten, wie sie schlafen, welche Medikamente sie nehmen, was ihre Frauen an ihnen beobachten - zwischen Größenwahn, Angst und Depression. Politiker kennen wir besser, Fußballer erst recht, Schauspieler am besten. Die spreizen sich in Talkshows, frühstücken vor Fotografen, entblößen ihre Scheidungen, posieren mit der Neuen.

Manager aber sind eine abgeschottete Kaste, die letzte in der Mediengesellschaft - von Kardinälen einmal abgesehen. Sie hüten ihr Privates, verbergen ihre Gefühle, beschweigen ihr Menschsein. Gestanzte Interviews, prickelnd wie das Kursbuch der Bahn, kalte Reden auf Aktionärsversammlungen, tonlos vom Blatt gelesen, sind das Äußerste an Entäußerung. Die meisten können gar nicht reden, das gehört - erstaunlich - noch immer nicht zum Anforderungsprofil ihres Jobs. Mit anderen zu streiten, im Fernsehen unter den Augen von Millionen für sich und ihre Überzeugungen zu kämpfen, das fürchten sie wie Vampire das Tageslicht.

Den Konzernlenkern trauen nur neun Prozent

Also prägen die maskenhaften Gesichter, die Pleiten und Skandale, die Interview-Stanzen und die exorbitanten Saläre das Bild der Konzernlenker. Hochmut, Unmoral und Gier werden daraus abgeleitet. Neun Prozent der Deutschen vertrauen ihnen noch, weniger als dem Zentralrat der Muslime. Das ist der letzte Platz unter den Eliten des Landes.

Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges

Und das hat politische Folgen. Im Herbst wollen Union und SPD den Managern auferlegen, was sie noch keinem anderen Berufsstand zugemutet haben: Beschränkungen der Gehälter. Die Konservativen sanfter als die Sozialdemokraten, aber auch sie. Denn die Manager, so heißt es, haben das gesamte Wirtschaftssystem in Misskredit gebracht, der sozialen Marktwirtschaft die Legitimation geraubt, das gesellschaftliche Klima gekippt und Reformen zum Unwort gemacht, zum Synonym für Ungerechtigkeit. "Neidgesellschaft" lautet die unbeholfene Antwort der Beneideten an die Gesellschaft. Sie verhallt nicht nur wirkungslos, sie wird als Beleg genommen für die Uneinsichtigkeit der Unbeholfenen.

Heuern und feuern

Dabei hätten die Manager Argumente. Wenn sie darüber redeten, dass sie nicht nur die Peitsche schwingen, sondern selbst unter der Peitsche leben. Und mit welchen Ängsten, unter welchen Machtkämpfen und Intrigen. Sie heuern und feuern nicht nur, sie werden selbst geheuert und gefeuert. Vier Jahre sind die Vorstandschefs der Dax-Konzerne durchschnittlich im Amt. Das Tempo der Vorstandswechsel in Europa ist doppelt so hoch wie in den USA - und in Deutschland zweimal so schnell wie im Rest Europas. Von 189 Dax-Vorständen, recherchierte die "Frankfurter Allgemeine", sind 123 erstmals in einer Vorstandsposition. 35 Prozent scheitern schon in den ersten 18 Monaten. Deshalb werden "Rundum-Sorglos-Pakete" geschnürt, "goldenene Fallschirme" selbst für versagende Manager.

Die Knute der Rendite, der Druck auf kurzfristigen, zweistelligen Ertrag anstelle einer langfristigen Strategie, schlägt auch die Manager. Bis zu 90 Prozent ihres Einkommens sind nicht fest vereinbart, sondern gewinnabhängig, großenteils durch Aktienoptionen. Der Börsenkurs wird zum entscheidenden Maßstand. Wer morgen schon vor der Tür sitzen kann und so konditioniert ist, nimmt mit, was er greifen kann. Geht halsbrecherische Risiken ein, wie die Banker auf dem faulen amerikanischen Hypothekenmarkt. Generiert besinnungslos Wachstum, presst und spart, beschädigt selbst Produkte. Die Debatte macht Manager zu Tätern, doch sie sind selbst Opfer des börsengetriebenen Systems. Ein jährlicher Bericht über ihre soziale Lage, von einem Wirtschaftsinstitut erstellt, könnte das transparent machen.

Einer hat sich dem wahnwitzigen System entzogen: Wendelin Wiedeking, seit 15 Jahren Porsche-Chef, weigert sich, Quartal für Quartal Bericht zu erstatten und sich von Investment- Schnöseln grillen zu lassen. "Götzendienst" am Shareholder Value nennt er das. Manager würden zu "Zockern und Zynikern". Ironischerweise beweist gerade er, dass eine andere Konzernkultur am meisten abwerfen kann: Wiedeking hat dieses Jahr Aussicht auf 100 Millionen Euro Einkommen. Auch seine Arbeiter werden ihren Anteil haben. Jeder von ihnen bekam schon vergangenes Jahr 5200 Euro Bonus.

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Ausgabe 36/2008

Vier Jahre ist ein Vorstandschef durchschnittlich im Amt. Wer morgen schon vor der Tür sitzen kann, der nimmt mit, was er greifen kann

Von Hans-Ulrich Jörges
KOMMENTARE (10 von 23)
 
heiner5362 (07.09.2008, 17:33 Uhr)
@ganzbaf
in meinen dattelpalmenhain
kommt mir kein manager hinein(melodie beliebig :)
das sind nix anderes als staubsaugervertreter oder kaffeefahrtenabzocker auf oberer ebene.
der malus ist das kapital, das diese schergen antreibt, aber mitunter auch grossmannssucht (mehdorn).
verschwiegenheit gehört dazu, weil diese typen immer mit 2/3 beinen im knast stehen ob ihrer "geschäfte", siehe siemens.
wer seinen hals riskiert, fordert auch eine lebensversicherung ein...
nichts als landvogte der geldmafia, die einen "vorschickt".
ak95630 (07.09.2008, 13:10 Uhr)
Fehlgriff
Die Manager als 'Opfer' zu bezeichnen ist wohl der verbale Fehlgriff der Woche.
walhalla (07.09.2008, 09:52 Uhr)
Das Kapital
Lieber Herr Jörges, nur zur Erinnerung.
Das Hauptwerk von Karl Marx heißt:"Das Kapital", und nicht der Kapitalist.
Die Kreaturen, die sich dem Gesetz des Geldes verschrieben haben,hat schon Goethe beschrieben,kann man im Faust nachlesen.
terrax (07.09.2008, 09:29 Uhr)
@Stern
Sie müssen das aber auch mal so sehen, daß die Manager nur ein oder zwei Jahre arbeiten müssen und dann können se auf Rente gehen. Und wenn man sich dann noch ein bißchen mit Derivaten auskennt, dann läßt sich aus dem Vermögen noch so einiges rausholen. Das wird ein Arbeitnehmer nie in seinem Leben verdienen.
the_road_warrior (07.09.2008, 08:49 Uhr)
Warum nixht, warum bloss?
Wenn ein Mensch (Manager) arbeitet, Arbeitsplätze erhält und auch noch die Kapitalanleger befiedigt (z.B. wie bei Porsche), dann soll/kann er soviel Geld bekommen, wie die Firma ihm bereit ist zu zahlen. Alle anderen Forderungen sind meiner Meinung nach im Neidbereich anzusiedeln.
Wenn ein Mensch (Manager) unföhig ist, Fehlentscheide trifft und Arbeitsplätze und Kapital zerstört, dann muss er von seinem Posen entfernt werden, ohne Verzögerung, ohne goldenen Fllschirm. Unfähigkeit darf nicht belohnt werden.
tagora-sagittara (07.09.2008, 01:44 Uhr)
wenn diese "Nieten im Nadelstreifen"...
für das Unheil, welches sie anrichten gerade stehen müssen, wie im übrigen jeder Bundesbürger, der sich mit seiner Firma in den Ruin rudert,.. habe ich gegen die exorbitanten Gehälter und Abfindungen nichts einzuwenden. Ich befürchte aber, daß nach der Aufrechnung des wirtschlichen Schadens einer solchen "Pappnase Nadelstreif" nur H4 als Ergebniss bleibt...
flyingfree (07.09.2008, 00:32 Uhr)
so what?
"doch in Wahrheit wissen wir nichts von ihnen. Wie sie leben, wen sie lieben, was sie quält, wovor sie sich fürchten, wie sie schlafen, welche Medikamente sie nehmen, was ihre Frauen an ihnen beobachten - zwischen Größenwahn, Angst und Depression"
Verzeihung Herr Jörges. Glauben Sie, die sind an meinem sozialen Umfeld, physischen oder psychischen Zustand interessiert?
Und deren interessiert mich ebenso einen feuchten Kehricht.
gmathol (07.09.2008, 00:26 Uhr)
Soziale Marktwirtschaft?
In welchem Land lebt Herr Joerges? Sozial wurde durch Schroeder abgeschafft! Der Globalismus schaltet die Maerkte und den Wettbewerb aus.
novalis52 (06.09.2008, 23:50 Uhr)
Jede Medaille hat zwei Seiten
Die eine Seite ist die der Börsen und Spekulanten, die schon jammern, wenn statt der erwarteten 12% Gewinnsteigerung "nur" 10% erwirtschaftet wurden. Das hat einen Kurseinbruch der jeweiligen Aktien zur Folge. Auch die sogenannten Heuschrecken tragen einen guten Teil dieser Entwicklung damit bei, dass sie Firmen, wie z.B. Grohe, dazu zwingen, Kredite aufzunehmen, um außerordentliche Dividenden an die Anteilseigner auszuschütten. Dadurch wird der Zwang der Manager, weiter Kosten zu sparen, immer größer.
Auf der anderen Seite sind die Manager. Diese wissen in der Regel, auf was sie sich einlassen. Aufgewachsen in einer Welt, in der nur der etwas gilt, der rücksichtslos seine Ellbogen einsetzt und immer nur das große Geld im Auge hat, fühlt sich in der Regel wohl in der Welt der Mächtigen. Rückgratlos setzen diese Leute, die sich auch gerne einmal als ehrbare Kaufleute bezeichnen (welch ein Hohn), die vom Aufsichtsrat vorgegebenen Ziele, wie Gewinnmaximierung und Kurssteigerungen um jeden Preis, um. Dabei gehen sie sprichwörtlich über Leichen. Nach dem Motto: Nach oben buckeln, nach unten treten. Sie fühlen sich eigentlich nicht dem Unternehmen verpflichtet, sondern nur ihrer eigenen Karriere und, wenn es hoch kommt, noch den Investoren. Ohnen Ehre und Moral verzocken sie ganze Unternehmen und bekommen dann auch noch den goldenen Handschlag. Hauptsache, man hat ausgesorgt. Was mit den ehemaligen Mitarbeitern passiert ist egal.
Mitleid kann ich mit dieser Sorte Mensch nicht haben.
Stones60 (06.09.2008, 22:26 Uhr)
arme Manager
Herr Jörges so sehen unsere Helden der Wirtschaft aus. Es ist wie bei des Kaisers neue Kleider - die gleichen armen Würstchen wie ihre Arbeitnehmer. Ihnen ist nur vorzuwerfen, dass sie nach unten treten (Arbeitnehmer) und nach oben buckeln (Aktionären)und das sich dies bei ihnen dann mehr bezahlt macht. Ihr Schicksal ist der Preis ihres Opportunismuses. Es ihnen der Mut zur Wahrheit.
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