Angela Merkels Rolle in der Weltpolitik wurde bei ihrem USA-Besuch deutlich wie nie - sie hält die Großmacht-Gockel zusammen und kämpft gegen Erstarrung. Aus stern Nr. 20/2006

"Hurrah, there's a woman!" David Harris, Exekutivdirektor des American Jewish Committee, verblüfft mit dem Ausruf des Entzückens, als er die Kanzlerin auf der 100-Jahr-Feier der mächtigen Lobby in Washington preist. "Visionäre Führerschaft" zeichne diese Frau aus, die erste deutsche Regierungschefin seit der Reichsgründung 1871. "Sie ist weise, vertrauen Sie mir, sie ist sehr weise." George Bush steht nicht zurück: "Wir haben einen starken Verbündeten in Kanzlerin Merkel, wenn es darum geht, die Welt zu einen." Sind die nicht ganz bei Troste? Jüdischer Jubel für die deutsche Kanzlerin. Angela Merkel eint die Welt. Überschäumende Gastfreundschaft, taktischer Großkredit, den sie später hoch verzinst an ihre Bankiers zurückzahlen soll - oder haben wir da etwas nicht mitbekommen daheim in Deutschland?
Haben wir in der Tat nicht. Wer sich mit ihr selbst unterhalten konnte, wer zudem genau hinhörte, welche Urteile ihre Gastgeber vergangene Woche verbreiteten, der begriff: Angela Merkel spielt - nach sechs Monaten Kanzlerschaft - eine kaum zu überschätzende Rolle in der internationalen Politik. Und: Der Merkel-Faktor ist auch der Faktor Frau. Die uneitle Ostdeutsche mit dem praktischen Verstand entfaltet in der Männerwelt der Großmacht-Gockel eine spezielle Wirkung - vielleicht die größte, die eine Frau je hatte.

Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges© Jürgen Gebhardt
Nicht allein, weil Bush wegen des Irak-Desasters angeschlagen ist, Tony Blair vor dem Ende steht, Jacques Chirac in Dauerkrisen rudert und Wladimir Putin von allen anderen misstrauisch beäugt wird. Sie hat in diesem gestörten Kräftefeld eine Rolle besetzt, die zuvor keiner innehatte. Sie selbst benutzt dafür das Bild von der "flüssigen Masse, die nicht starr werden darf". Vulkanische Masse, die ständig gerührt und heiß gehalten werden muss. Mit anderen Worten: Sie sieht sich als Köchin dieses weltpolitischen Magmas.
An der Iran-Krise lässt sich das anschaulich machen. Bevor sie bei Bush in Washington war, hat sie mit Putin in Sibirien konferiert, den indischen Ministerpräsidenten gesehen, mit Blair und dem türkischen Regierungschef Erdogan telefoniert, nach Washington mit Chirac und wiederum mit Putin Telefonkontakt gehabt. Demnächst reist sie nach China. Und mit dem brasilianischen Präsidenten Lula hat sie telefoniert, um ihn für die Welthandelskonferenz (WTO) zu gewinnen, denn Politik, so sieht sie es, ist ein Geben und Nehmen. Bekommt Lula etwas von der WTO, gibt er vielleicht etwas im Iran-Konflikt. Das Ergebnis: Es hat sich ein langer Geleitzug gebildet, der den Iran unter Druck setzt. Darunter dessen wichtigste wirtschaftliche Partner: Indien, Russland, China, Japan, die Türkei, Südafrika, Ägypten, die Arabischen Emirate. Als Indien im Gouverneursrat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) gegen den Iran stimmte, zeigte der sich schmerzlich getroffen und drohte Delhi mit dem Stopp seiner Flüssiggaslieferungen. Aber Indien steht, und der Geleitzug fährt weiter auf diplomatischem Kurs. In Washington strich Merkel dafür die politische Rendite ein: Bush schwor einem Militärabenteuer gegen den Iran ab - zumindest vorläufig. So lange eben, wie der Geleitzug beisammenbleibt, weil jeder, besonders die leicht zu kränkenden Russen, Respekt erfährt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2006