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26. Oktober 2005, 14:30 Uhr

Null Toleranz für Intoleranz

Auch die neue Debatte über deutsche Leitkultur bleibt fruchtlos. Was das Land wirklich braucht, ist ein Aufstand gegen den Missbrauch von Freizügigkeit . Aus stern Nr. 44/2005

Leitkultur? Patriotismus? Werte? Nationalhymne? Es ist der ewig gleiche Reigen der ewig gleichen Begriffe, der die ewig gleichen Reflexe von ewig gleicher Öde provoziert. Die deutsche Leitkultur, vor fünf Jahren schon einmal von Friedrich Merz ausgeschenkt, hat nun Norbert Lammert, der neue Bundestagspräsident, wieder entkorkt. Und jenen, denen sie damals nicht geschmeckt hat, mundet sie natürlich auch heute nicht.

"Ein großer Schmarrn" ist alles, was Grünen dazu einfällt, und Kritiker, die das Land trunken von "ein paar Flaschen Patriotismus" über die "Wurzel der deutschen Eiche" stolpern sehen, raten zu strenger Abstinenz - wie üblich mit der Poesie multikultureller Toleranz. In einer Wahrnehmung sind sich beide Lager vermutlich einig, sonst käme das Thema nicht wieder und wieder auf: Da ist eine taube Stelle, die unbeholfen betastet wird. Ein diffus empfundener Mangel an Verbindlichkeit, ein drängendes Bedürfnis nach Orientierung, eine allseits gespürte Ausdörrung gesellschaft-licher Solidarität. Mit dem Leben der Menschen, mit deutscher Wirklichkeit hat die formelhafte Schlacht freilich wenig zu tun.

Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges© Jürgen Gebhardt

Toleranz ist der entscheidende Begriff. Es ist Zeit, ihm seine schützende, seine prägende, seine verbindende Kraft in einem Land falsch verstandener, missbrauchter Toleranz zurückzugeben. Zeit für eine Korrektur, eine Rückbesinnung auf die Pflichten der Toleranz. Zeit für eine breite gesellschaftliche Bewegung: null Toleranz für Intoleranz. Woran haben wir uns gewöhnt, was tolerieren wir, schweigend und glotzend, weil wir das für tolerant halten - und Widerspruch, Intervention für intolerant? Die Wirklichkeit erteilt uns Lektionen, tagtäglich. Da wird in einem Internetportal, verbrämt als Gebet, ein islamkritischer Orientalist bedroht - aber das Portal besteht fort, das "Gebet" auch, und der Name wird nur durch ein "XXX" ersetzt. Der Urheber ist weiter an der Uni Bremen beschäftigt.

Da stehen in Berlin drei junge Kurden, Brüder, vor Gericht, weil sie sich verschworen haben sollen, ihre Schwester zu ermorden, die selbst bestimmen wollte, wen sie liebt und wie sie lebt. Einer schoss ihr an einer Bushaltestelle dreimal ins Gesicht. Die drei sind des Mordes angeklagt. Nur wegen Totschlags dagegen in einem anderen Berliner Prozess ein 42-jähriger Türke, der seine Frau auf offener Straße mit 36 Messerstichen niedermetzelte, weil sie sich scheiden ließ. Der Staatsanwalt vermag keine niederen Beweggründe zu erkennen.

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Ausgabe 44/2005

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