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29. August 2008, 19:34 Uhr
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Qualm des Untergangs

Bayern hält an seinem lebensfremden Rauchergesetz fest - und empfiehlt es nun sogar für ganz Deutschland. Doch vor politischer Nachahmung sei gewarnt: Die CSU riskiert damit die größte Niederlage ihrer Geschichte. Von Hans-Ulrich Jörges

Von Bayern lernen heißt verlieren lernen. Das war mal anders, aber das ist eine Weile her. Verlieren lernt Bayern nicht erst durch den aktuellen Feldzug der CSU für die Wiedereinführung der Pendlerpauschale, den die einst erfolgsverwöhnte Regierungspartei ganz im Stile eines Oppositionswahlkampfs inszeniert - so zahnlos wie vergebens. Es begann schon eher: mit dem schärfsten Rauchergesetz Deutschlands, das im Dezember nach einem gruppendynamischen Kurzschluss in der christsozialen Landtagsfraktion beschlossen wurde und das Günther Beckstein, der Ministerpräsident, nun auch noch als Modell für alle anderen Länder anzudienen versucht. Es ist ein Desaster. Wer sich darauf einließe, hätte das Schicksal der CSU zu gewärtigen. Von Bayern lernen ...

Denn als sich eine Rebellion der Raucher gegen das fatale Machwerk erhob, stürzte die CSU bei der Kommunalwahl im März auf 40 Prozent ab - ihr miserabelstes Ergebnis seit mehr als 40 Jahren. Die Umfragen für die Landtagswahl am 28. September taxieren sie nun auf 48 bis 50 Prozent. "50 minus X" - das wäre die größte Katastrophe in der Geschichte der Partei.

Gut möglich, dass diese Katastrophe am 30. Juli schon programmiert wurde. Denn an jenem Tag, drei Stunden nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Rauchergesetzen, verkündete Beckstein, für Bayern ergebe sich daraus "kein gesetzlicher Handlungsbedarf ".

Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges

Drei Stunden, in denen er den bayerischen Raucherkrieg mit einem klugen Schachzug hätte beenden können, ohne das Gesicht zu verlieren. Zwei Wege hatte Karlsruhe für gangbar erklärt: striktes Rauchverbot in allen Gaststätten, wie es nur in Bayern im Gesetzblatt steht, oder Toleranz für Raucher in Eckkneipen und Nebenräumen von Restaurants, wie es nun bundesweit die Regel geworden ist. Wir schließen uns dieser Praxis an, sie entspricht auch der weiß-blauen Tradition von "Leben und leben lassen", hätte Beckstein argumentieren können - und zwischen Main und Isar wäre der Landfrieden ausgebrochen.

Doch er verfiel in Angststarre, statt sich zu bewegen. Bloß keinen Fehler zugeben, bloß nicht wanken! Man nennt das Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Dabei war an der Spitze der CSU längst die Einsicht gereift, dass das Rauchergesetz durch und durch lebensfremd ist. Wirte und Raucher, ein gutes Viertel der Bevölkerung, liefen derart Sturm dagegen, dass in Kommunalwahl-Panik wenigstens das Rauchen in Bierzelten befristet wieder erlaubt worden war - eine Lex Oktoberfest, das in München eine Woche vor der Landtagswahl beginnt. Becksteins Starrsinn wird politische Folgen haben. Man muss sich den Abend des 30. Juli nur aus der Sicht bayerischer Raucher vorstellen. In den Fernsehnachrichten erleben sie den Jubel befreiter Kneipenbesucher aus ganz Deutschland - sie selbst aber sitzen weiter in bayerischer Einzelhaft. Und sind zur Rebellion verdammt.

Also erobert schwarzer Anarchismus den Freistaat - und rollt die Christsozialen auf. Weil in geschlossenen Gesellschaften geraucht werden darf, haben sich schon 8000 bis 10.000 Gaststätten in Raucherklubs umgewandelt, schätzt der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur - nach dem ADAC und Bayern München der drittstärkste Verein des Freistaats, der für die Abwahl der CSU trommelt. In Augsburg sperrt die Hälfte aller Cafés, Bars, Clubs und Discos Nichtraucher aus. Damit werde es für Nichtraucher immer schwieriger auszugehen, klagte ein Sprecher der Stadt. In kleineren Gemeinden gibt es kaum noch Kneipen, die keine Raucherklubs sind. Im Allgäu erklärte sich eine Pilsbar zum Laientheater, täglich wird das Stück aufgeführt: Bayern vor dem Rauchverbot. Am Bodensee schlug ein Wirt ein Zelt in der Gaststube auf, denn darin - siehe Oktoberfest - darf ja Tabak genossen werden.

So witzig das auch erscheinen mag, für die CSU ist es kein Spaß mehr. Der Widerstand trifft sie ins Herz: Recht und Ordnung, Achtung vor dem Gesetz waren einst ihre Kernbotschaften. Damit erhob sie sich über die angebliche Rechtsverluderung der Nordlichter. Nun zerstört sie selbst ihr Markenzeichen. Bayern bizarr: Es gilt das schärfste Rauchergesetz - und dennoch wird so viel, so aufsässig gequalmt wie in keinem anderen Land. Die Bürger tanzen dem Staat auf der Nase herum - und der toleriert das. Wollte er den Raucherklubs nämlich den Garaus machen, loderte die Empörung noch heller.

Paart sich Arroganz mit Ignoranz, zerfällt die Macht. Die SPD, die das bayerische Rauchverbot mitbeschlossen hatte, ist nach dem Karlsruher Urteil umgeschwenkt. Die FDP, bislang außerparlamentarisch in Opposition, hat es immer vehement abgelehnt - die jüngsten Umfragen sehen sie prompt im Landtag. Die Frage wird am Wahltag entschieden. Für die CSU heißt das wohl, verlieren lernen - und Demut.

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Ausgabe 35/2008

8000 bis 10.000 Wirtshäuser sind zu Raucherklubs geworden. Die Bürger tanzen dem Staat auf der Nase herum, die CSU zerstört ihr Markenzeichen: Recht und Ordnung

Von Hans-Ulrich Jörges
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Dirk_37 (31.08.2008, 11:41 Uhr)
mein lieber h-p-t
Sie sehen also mehr Nichtraucher in den Wirtshäusern,schön. Muss wohl daran liegen, das es mittlerweile verboten ist,dort zu rauchen*löl*. Im Ernst, ich bin als Nichtraucher in Speiselokalen auch froh über diese Regelung, jedoch in Pub´s oder eben typisch bayerischen Wirtshäusern ist das Rauchen Teil der Kultur. Bei uns wird nach wie vor in allen Wirtshäusern des Ortes geraucht-halblegal, da es sich halt um "Raucherclub´s" handelt. Und es sind auch nicht mehr Leute als vorher gestorben:-) MfG Dirk
Doc_D (30.08.2008, 11:57 Uhr)
Weg mit den Gesetzen
Ich kann Herrn Jörges und alle Raucher verstehen. Rücksichtnahme ist eine vollkommen unnötige Last, die uns Rauchern aufgebürdet wird.
Gerade jetzt, wo das Öl so teuer ist und die Nahrungsmittelpreise explodiert sind fragen sich zwei Drittel von uns Rauchern, wo wir überhaupt das Geld für die nächste Packung Zigaretten her bekommen sollen.
Es ist nicht akzeptabel andauernd zwei Schritte mehr gehen zu müssen, nur damit das überempfindliche Näschen von jemand anderem nicht sofort gestört wird. An bestimmten Orten nicht rauchen zu dürfen ist überhaupt ein unerträglicher Eingriff in die persönliche Freiheit jedes rauchenden Menschen. Es muss für Raucher die europäische Konvention für den Schutz von Minderheiten gelten, wenn hiesige Politiker auf diese faschistische Art und Weise gegen die Bevölkerung vorgehen.
Wenn mir schon meine Gesundheit egal ist, dann sollte euch anderen, da ich bedeutender bin als ihr, die eure ebenso egal sein.
mwrs (30.08.2008, 11:53 Uhr)
Dinge die die Welt bewegen
Sehr geehrter Herr Jörges,bei aller Wertschätzung. Sie sollten mit dem Rauchen aufhören.
Doc_D (30.08.2008, 11:45 Uhr)
Jörges fragwürdig
Werter Herr Jörges,
dass sie Lobbyismus für das Rauchen, wie sie es unzweifelhaft tun, unter dem Titel "Zwischenruf aus Berlin" betreiben ist schon unanständig.
Auch dass sie in ihrer Position so unverhohlen Stimmung für das Rauchen - immer und überall - machen. ist sehr fragwürdig.
Ich habe ihre Artikel bislang immer gerne gelesen, aber ihre billigen Versuche der Meinungsmache haben ihrem Ansehen und der Qualität ihrer Beiträge sehr geschadet. Ich weiss nun, um wesesn Artikel ich besser einen Bogen mache.
Beste Grüße
andreas80 (30.08.2008, 11:07 Uhr)
Und täglich...
...grüßt das Murmeltier. Nur weil Herr Jörges seinen Unsinn mit erstaunlicher Lernresistenz mal wieder zum besten gibt, wird es nicht besser.
Auch wenn dies wahrscheinlich wieder eine typische Endlosdiskussion wird, geht es mit noch immer nicht in den Kopf, wie eine gesellschaftliche Minderheit so intolerant sein kein, die Gesundheit der Mehrheit bewusst zu gefährden und es dabei auch noch wagt, Worte wie "Toleranz" in den Mund zu nehmen, ohne dabei rot zu werden...
rugero (30.08.2008, 10:02 Uhr)
Was für ein erbärmlicher Eiertanz - exklusiv deutsch
Daß das Rauchen schädlich ist ,darf als wissenschaftlich allgemein anerkannte Tatsache betrachtet werden. In ganz Europa gibt es nun Rauchbeschränkungen. Ich lebe in Italien, wo es schon länger verboten ist in Gastwirtschaften zu rauchen, und habe hier nicht so ein Kaspertheater erlebt, obwohl sehr viele Italiener rauchen. Ich rauche übrigens sehr gerne Cigarillos, aber nicht ständig und an jedem Ort. Rücksichtnahme ist gar nicht so schwer und fördert ja nebenbei auch die eigene Gesundheit. In Restaurants würde mich Qualm inzwischen selber stören.
h-p-t (30.08.2008, 09:36 Uhr)
@Dirk_37
zu Deinem: "Nun mein lieber Michael, denken sie wirklich es gäbe mehr Nichtraucher als Raucher in den Wirtshäusern? "
muss ich Dir sagen, mein lieber Dirk, mittlerweile seh ich zumindest mehr "Nichtrauchende".
Und das Beste, jedem dieser Nichtrauchenden hat es gesundheitlich nicht geschadet dort zu sein, weder dem Raucher noch dem Nichtraucher.
Ich sehe zumindest bei uns in der Gegend keinen Rückgang in den Lokalen, die Luft ist besser und es sind mehr Familien mit Kleinkindern unterwegs.
Was soll daran schlecht sein ?
Und vom Grundgedanken hat Michael schon recht, was die "Gleichbehandlung" und "Verfassung" angeht.
Finde ich :)
Dirk_37 (30.08.2008, 08:45 Uhr)
@michael usw
Ich sehe es schon kommen, die Beiträge hier sprengen den Rahmen innerhalb kürzester Zeit wie schon vor Einführung dieses wie auch immer gearteten Gesetzes...
Nun mein lieber Michael, denken sie wirklich es gäbe mehr Nichtraucher als Raucher in den Wirtshäusern? Kommt wohl daher, weil Sie selber noch nie in einem gesessen sind! Ich selber bin schon immer Nichtraucher, klare minderheit am Stammtisch,aber? nun,ich weiß das am Stammtisch geraucht wird, also stelle ich mich drauf ein. So what? Ganz einfach macht es sich "hermes",indem er Raucher per se als Deppen hinstellt,auch eine Möglichkeit:-)
Die CSU wird hoffentlich eine kleine Watsch´n bekommen und mal in sich gehen, wieso sich große Teile (Raucher,Wirtshausfreunde)der Bevölkerung verarscht vorkommen! Trotzdem,liebe "alice", leben gerade wir Bayern im Vergleich zu allen anderen Ländern wirklich im Wunderland*grins*, im Ernst: wieso sollen wir einen Politikwechsel machen, der im Großen und Ganzen Bayern zur Nr. 1 in Deutschland gemacht und oben gehalten hat? das müssen Sie mir mal erklären,mfG Dirk
hermes_t (29.08.2008, 11:41 Uhr)
Gedanken im Qualm
Raucht Herr Jorges? Wahrscheinlich... Kommentar aus der Glimmstengelperspektive! Und natürlich viel Nebel...
alice_42 (28.08.2008, 11:21 Uhr)
Up in smoke :-)
Als gäbe es nicht eine Million Gründe, die CSU-Alleinherrschaft endlich zu beenden. Sollte die CSU nun wirklich über dieses Thema stolpern, wäre das ja fast schon so bizarr wie die Geschichte mit Al Capone und der Steuerhinterziehung.
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