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22. August 2008, 14:05 Uhr

Schluckt die rote Kirsche

Die SPD muss das Bündnis mit der Linken in Hessen wagen, aber sie sollte mit ihr koalieren, statt sich tolerieren zu lassen. So kann sie, auch andernorts, Lafontaines Frucht verdauen - und den kommunistischen Kern ausspucken. Von Hans-Ulrich Jörges

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Opposition ist Mist, lautet der knackigste Merksatz des sauerländischen Philosophen Franz Müntefering. Recht hat er. Natürlich muss die hessische SPD noch einmal versuchen, Roland Koch, den Ministerpräsidenten ohne Mehrheit, zu stürzen und Andrea Ypsilanti an seine Stelle zu setzen. Politik ist Kampf um Macht, und die Partei wäre keinen Schuss Pulver wert, wenn sie darauf wartete, im kommenden Jahr bei Neuwahlen um ein Viertel bis ein Drittel dezimiert zu werden. Scheiterte der zweite Anlauf zur Macht, wäre das Ergebnis nicht wesentlich anders: in jedem Fall wohl Neuwahlen, eine regierungsunfähige SPD und das Ende von Ypsilanti. Es lohnt also, das Risiko einzugehen. Allen, die das kritisieren, fehlt die Alternative: Eine große Koalition mit Koch machte die SPD zu seinem Retter. Die FDP aber springt nicht. Bleibt nur das Wagnis.

Zum Problem wird die Sache für die SPD vor allem dadurch, dass der erste Fall einer Kooperation mit der Linken im Westen von den Sozialdemokraten selbst skandalisiert und zum Richtungskampf erklärt wird. Wollen sich die geschwächten Sozialdemokraten aus dem Joch großer Koalitionen befreien, müssen sie die linke Option - Rot-Grün-Rot oder andernorts gar Rot-Rot - ebenso selbstbewusst und offensiv vertreten wie die rechte - Rot-Grün, Sozial-liberal oder Ampel mit Grünen und Liberalen.

Die SPD diktiert die Bedingungen

Das muss die gesamte Partei tragen. Das müsste auch Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat verteidigen: In Hessen gehen wir diesen Weg, ich gehe einen anderen. Die SPD erhebt den Anspruch zu führen, in jedem denkbaren Bündnis, sie diktiert die Bedingungen von Koalitionen. Der Hessen-SPD das Experiment auszureden wäre nur dann angezeigt, wenn die nicht sorgfältig alles Denkbare getan hätte, um das Risiko des Scheiterns durch Abtrünnige zu minimieren.

Zoom

Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges

Aber Tolerierung ist Mist, um Müntes Merksatz abzuwandeln. Verständlich zwar, dass die SPD in Wiesbaden die Annäherung an Lafontaines Linke durch eine rot-grüne Minderheitsregierung taktisch vernebeln möchte. Tolerierung aber heißt für die Linkspartei: Macht ohne Verantwortung. Sie hätte maximalen Einfluss bei minimaler Haftung. Das erst machte ein Wiesbadener Bündnis unsauber, unehrlich.

Strategisches Ziel der SPD muss vielmehr sein, wenn sie sich schon auf eine Kooperation einlässt, die Linke in Verantwortung zu nehmen, zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zu zwingen, ihr den Raum in einer Koalition zuzuweisen, der ihrer Größe entspricht: 5,1 Prozent. Die haben aber keine Regierungserfahrung? Es wird sich ja wohl einer finden bei der Linken, dem man sie zutraut. Auch Joschka Fischer hatte noch nie einen Apparat dirigiert, als er 1985 in Hessen Umweltminister in einer rot-grünen Koalition wurde. Er begann, mit ein paar dilettierenden Kumpels, als Greenhorn.

Klaus Wowereit hat in Berlin vorexerziert, wie man eine Koalition mit der Linken erfolgreich führt. Seine SPD hat den Partner von Wahl zu Wahl kleiner regiert, weil der - tief verstrickt in glanzlose, kompromisslerische Alltagsarbeit - als Protestpartei nicht mehr taugt und traumtänzerische Anhänger brüskiert. "Neoliberal" hat denn auch Oskar Lafontaine seine Berliner Linken gescholten. Gelingt es ihm aber nicht, als Spitzenkandidat an der Saar im kommenden Jahr die Nummer eins zu werden in einer rot-roten Koalition, führt vielmehr Heiko Maas als SPD-Ministerpräsident dieses Bündnis ohne Lafontaine, bleibt ihm diese Ernüchterung auch in seiner Heimat nicht erspart. Der rote Adler der Opposition würde zum Suppenhuhn wässriger Regierungspraxis.

Der SPD bleibt der Umgang mit der Linken nicht erspart, irgendwann auch im Bund nicht mehr. Das ist unumgänglich, um selbst regierungsfähig und souverän zu bleiben. Es ist sogar notwendig, um die Linke als Konkurrenz zu deckeln und bei ihr innere Klärungsprozesse auszulösen, die sie grundlegend verändern würden. Die jüngeren Pragmatiker der Linken, überwiegend aus dem Osten, warten nur darauf, sich ihrer realitätsverweigernden Ideologen zu entledigen - und auch Lafontaines überwältigenden Einfluss zu kappen. Auf lange Sicht kann eine Annäherung in Koalitionen sogar zur Fusion führen, zu einer vereinigten linken Volkspartei, die dann SPD hieße.

Bildlich gesprochen, muss die SPD die rote Kirsche schlucken - und den kommunistischen Kern ausspucken. Täte sie das nicht, käme sie in Gefahr, von einem immer mächtiger werdenden Lafontaine geschluckt zu werden - und der würde dann die Stones ausspucken, die Steinmeiers und Steinbrücks. Wer wen?, lautet also die Frage, um nach Münte auch Lenin zu zitieren. Die erste Antwort kann in Hessen gegeben werden. If you can't beat them, eat them!

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 34/2008

Tolerierung heißt für die Linke: Macht ohne Verantwortung. Klaus Wowereit hat die Linke in Berlin von Wahl zu Wahl kleiner regiert, weil sie als Protestpartei nicht mehr taugt

Von Hans-Ulrich Jörges
KOMMENTARE (10 von 30)
 
ecomoc4u (24.08.2008, 13:54 Uhr)
@terrax
"...Die DAX Unternehmen gehören bereits zu einem großen Teil dem Ausland und wenn die Poltik so weiter macht..."
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diese problematik ist nicht ein rotes problem. die abhängigkeit eines unternehmens an den DAX, ist ein kapitalistisches kind, oder.
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warum in gottes namen, muss ein gutgehendes deutsches unternehmen sich immer von ausländern ausschlachten lassen. immer die gleiche masche.
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der ganze aktienhype ist das eigentliche problem. insiderhandel skandal im stil " DEUTSCHE BANK 9/11 " ist das ergebnis. bis heute schweigt die deutsche demokratie... (FEIGE) ich muss gestehen, faierweise auch bei den linken.
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hier muss endlich was passieren, turbokapitalismus a la wallstreet ist die wurzel des bösen... das spiel mit dem feuer... ob rot oder schwarz, hier passiert nichts...
keinheiliger (24.08.2008, 13:15 Uhr)
@talkingkraut
Sie sollten ihren nick in talkingmist aendern. MfG
ganzbaf (24.08.2008, 11:42 Uhr)
Opferzahlenwissen...

natürlich immer von Wiki und 3. Klasse Volksschule... ;-P
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China ist sehr speziell.
Und da sterben noch heute Hundertausende Zwangs- und Sklavenarbeiter im Jahr. Zu wen zählen die jetzt?... ;-P
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Rechne halt noch 500 Millionen Tote in Nord-Mittel und Südamerika und Afrika etc. dazu, die im Namen von Imperialismus und der "Überlegenheit" des weißen Europäers auf dem Altar des "Faschismus" geschlachtet wurden, und du kannst schweigen.
ganzbaf (24.08.2008, 11:30 Uhr)
Das "Kapitalistische System"...

hat ja auch ganz offensichtlich versagt.
Die soziale Marktwirtschaft und die grundgeswetzlich verankerte Sozial-/Gemeinwirtschaftlichkeit der BRD wurde klammheimlich abgeschafft.
Durch "Berater", Lobbyisten, Korrruption und gemeingefährliche Gedankenlosigkeit in CDU und SPD!
eltalein (24.08.2008, 11:21 Uhr)
Allein unter dem Kommunistischen......
Roten Mao sind soviel Menschen gestorben, wie in der gesamten Nazi-Zeit. Dann gab es ja noch den Kom.-Stalin mit Aber-Millionen Morden und noch so einige Kommunistische Schlächter, die für Millionen Ermordete verantwortlich sind.
*ganzbaf*, Ihre Zahlen kommen bestimmt von der *SED* Nachfolgepartei, wo heute noch viele Kommunisten tätig sind. Unglaublich, mit solche Leuten will die SPD zusammen gehen, die sollten sich schämen.
talkingkraut (24.08.2008, 09:52 Uhr)
Mit der SED ist nicht gut Kirschen essen
Eine Demokratie muss wehrhaft sein. Daraus folgt, dass sie Verfassungsfeinden nicht zu Regierungsmacht verhelfen darf. Die SED, die sich heute die Linke nennt, ist verfassungsfeindlich. Ihre Politik zielt darauf ab, unsere freiheitliche Ordnung zu zerstören, um dann ein totalitäres Regime zu errichten. Die Bürger werden dann in der Übergangsphase zu Geiseln der kommunistischen Systemüberwindung, d. h. die Linke tut alles dafür, dass Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft verschwinden, indem sie die Investitionsbedingungen schlecht macht. Danach kann sie sagen, das ‘kapitalistische System’ hat versagt, wir müssen die Produktionsmittel verstaatlichen.
Das erste, was die SED durch ihre Regierungsbeteiligung in Wowis Senat erreicht hat, war, dass sie nicht mehr von dem Verfassungsschutz beobachtet wird. Heute ist Berlin das Zentrum des von der SED gesteuerten Linksterrorismus. Obwohl Berlin den Vorteil hat, Hauptstadt zu sein, ist Berlin in allen Kennzahlen unter den Bundesländern Schlusslicht, kommunistisch regierte Bundesländer werden systematisch kapputgemacht.
ganzbaf (24.08.2008, 09:01 Uhr)
Stalin war halt cleverer als Hitler

Der Pakt war sicher nur ein Trick, um dem verkoksten Schnauzer aufs Glatteis zu führen und in Sicherheit zu wiegen... ;-P
Außerdem ändert das nichts an den hsitorischen Tatsachen: Ohne das kommunistische Russland hätte man Hitler sicher nicht besiegen können.
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Und die WK II-Toten übersteigen die Opfer kommunistischer Diktaturen bei weitem.
eltalein (24.08.2008, 08:26 Uhr)
Hitler-Stalin-Packt......vergessen
*ganzbaf*, die Roten überfallen gemeinsam mit der Wehrmacht Polen, auch vergessen. Stalin hätte mit Hitler jedes Land angegriffen,..doch Hitler konnte die Roten nicht ausstehen,..sonst wäre wohl die Geschichte anders ausgegangen.
ganzbaf (23.08.2008, 23:58 Uhr)
Der Unterschied zwischen Nazis und Kommunisten besteht darin...

dass der Kommunismus und Stalin mitentscheidend Hitlerdeutschland besiegt haben!
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Immerhin.
terrax (23.08.2008, 15:57 Uhr)
Derzeitige Politik
Was ich noch mal erwähnen möchte und ich auch bereits in anderen Foren öfter erwähnt habe ist, daß mit der derzeitigen Niedriglohnpolitik die Poltik sich auf gefährliches Glatteis begibt, denn das Volk in Deutschland hat im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern am wenigsten Eigentum oder Wertpapiere etc. Die DAX Unternehmen gehören bereits zu einem großen Teil dem Ausland und wenn die Poltik so weiter macht, dann geht der Osten bald hier im großen Stiel shoppen, denn unsere Aktien sind nicht gerade mehr hoch im Kurs und sie werden meinen Prognosen nach noch weiter fallen. Denkt mal drüber nach Politiker.... Aber wenns geknallt hat, dann weiß man hinterher alles besser nicht war.
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