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28. Januar 2004, 15:04 Uhr

Wie die Macht in Deutschland versagt

Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften: Die Elite der Nation hat den Kontakt zum Volk verloren. Und das Volk urteilt vernichtend über die Mächtigen - wie eine stern-Umfrage offenbart. Aus stern Nr. 6/2004

Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, mit Victory-Zeichen beim Mannesmann-Prozess. Laut Deutsche Bank hat er die Siegespose von Michael Jackson nachgemacht. Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser lacht über die Geste© Oliver Berg/AP

Ganz oben ist ganz unten. Nicht mehr als 24 Prozent der Deutschen setzen großes Vertrauen in die Gewerkschaften, 23 in die Wirtschaft, 22 in die Arbeitgeberverbände, 18 in die Bundesregierung, zwölf in die Parteien. Ein Countdown des Misstrauens. Drunter geht nichts mehr. Beriefe der Vorstand der Deutschland AG die Hauptversammlung des Volkes ein, würde er gefeuert. Komplett.

Die da oben sind unten durch. Bei denen da unten. 1949 ist die Bundesrepublik Deutschland gegründet worden. Vertrauen war ihr Betriebskapital. Zur Mehrung des Gemeinwohls wurde es einem Vorstand aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften überantwortet. "Vertrauen wird dadurch erschöpft", schrieb der Dichter Bert Brecht, "dass es in Anspruch genommen wird." 55 Jahre später ist das Kapital verbraucht. Fast. Verzockt, verprasst, verstümpert. In der Bilanz ihrer Aktionäre ist die Deutschland AG konkursreif.

Die Obszönität ist groß. Die Wut auch

Unten ist oben. Ganz oben auf der Palme, wo Enttäuschung, Entfremdung und Empörung sprießen. "Die Macht ist obszön", spottet der Dichter Hans Magnus Enzensberger, "das freut die Wut." Die Obszönität ist groß. Die Wut auch. "Ich werde ihnen, den Parteien, nicht verzeihen", schreibt ein zorniger R. Grimm aus Braunschweig, "ich werde in meinem Leben nie wieder ein Wahllokal betreten." Das "nie" ist unterstrichen.

Grimm schreibt für viele. "Die parlamentarische Demokratie basiert auf dem Vertrauen des Volkes", urteilt das Bundesverfassungsgericht, auf der Rangliste des Vertrauens bei den 60 Prozent für Deutschlands Gerichte ganz oben auf Platz fünf. "Vertrauen ohne Transparenz, die erlaubt zu verfolgen, was politisch geschieht, ist nicht möglich." Die da unten begreifen nicht mehr, was die da oben treiben. Also zerbricht das Fundament der Demokratie. Und mehr. Die Nation steckt in einer Vertrauenskrise, und die wuchert weit über die Politik hinaus. Gemessenes Vertrauen: siehe oben. Gefühltes Vertrauen: null Komma noch was.

Alles Lüge, alle Versager, überall Gier, schreien die Aktionäre. Die Banken, die zu 100 Prozent von Vertrauen leben und sich doch selbst vom grünen Band der Sympathie geschnitten haben, kassieren noch 35 Prozent Vertrauensrendite. Es werden die Sparkassen sein, die den Wert so hoch treiben. Die gespreizten Finger des Schweizer Deutschbankers Josef Ackermann im Düsseldorfer Mannesmann-Prozess sind das Symbol der Schere, die das Band zu den Banken zerschnitt. Der Commerzbanker Klaus-Peter Müller hat es auch im eigenen Haus gekappt, als er die Betriebsrenten kündigte. Kinder kennen ein Wettspiel, bei dem mit den Händen Papier, Schere und Stein gegeneinander in den Kampf geschickt werden. Ackermann wollte mit seiner Victory-Schere die Anklageschrift zerschneiden. Der Stein macht sie ihm stumpf. Der Stein ist das Volk. Ackermann hat verloren, selbst wenn er den Prozess gewinnt. Grimmig werden viele applaudieren: Handwerker, die vergebens um Kredit bettelten, wie Kreditwürdige, die an den Schaltern des Misstrauens impertinent schikaniert wurden.

Das Volk verweigert den Zins

Letztlich dreht sich alles um Kredite und Rendite in der Deutschland AG. Das Kreditgeschäft vereint Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften. Vertrauen ist nichts anderes als Verantwortung auf Vorschuss. Die Rendite der einen ist das Wahlergebnis, die der anderen der Profit, die der dritten der Mitgliederpegel. Doch wenn das Streben nach Rendite in Gier mündet oder schwindende Rendite in blinde Verzweiflung, verweigert das Volk den Zins. Die Deutschland AG treibt in die Pleite, weil die Renditen rapide sinken. Die Intelligenz der Menschen wird notorisch unterschätzt. Sie begreifen genau, selbst wenn der Instinkt für sie denkt. "Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen", schrieb der Dichter Jean Paul vor zwei Jahrhunderten. Der Umkehrschluss erklärt die aktuellen Zustände: Wer die Klugen gegen sich aufbringt, verdient kein Vertrauen.

Die Deutschen kündigen ihrer Elite. Oder jenen, die sich dafür halten. Nicht neue Universitäten für die Elite der Zukunft fehlen dem Land, sondern eine Elite der Gegenwart. Dass die da oben keine Elite sind, beweist schon allein, dass sie nicht erkennen. Zu schweigen von dem, was sie tun. Oder versäumen. Elite ist Vorbild, ist Leadership. Deutschland hat weder Vorbilder noch Führung. Für einen historischen Wimpernschlag sah es so aus, als hätte sich das geändert. Als seien am Basteltisch der Reformen zwei geschliffene Profile entstanden. Der Kanzler, von Leadership durchdrungen und entschlossen, seinen Weg zu Ende zu gehen - in der Zuversicht auf späte Rendite am Wahltag 2006. Und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, über mutige Konzepte - Steuerkahlschlag und Krankenkassen-Pauschale - zur Linie gekommen, darauf brennend, den Kanzler in zwei Jahren im Wettstreit der Reformer zu übertreffen.

Themenwechsel im Handstreich

Die Blüten erfroren im Frost dieses Winters. Nach der langen Nacht der Kompromisse im Vermittlungsausschuss lehnten sich beide ermattet zurück: nichts Einschneidendes mehr bis 2006, weder bei Steuern noch bei Gesundheit. Damit machen wir in zwei Jahren Wahlkampf! Im Handstreich wechselte der Kanzler das Thema - an den Sozialreformen hat er sich gründlich die Finger verbrannt -, nun versucht er, den Reformbegriff positiv aufzuladen und der Union im Bündnis mit willigen Konzerngrößen die Wirtschaftskompetenz zu entwinden: Elite-Universitäten, Innovation!

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