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800 Jahre und kein bisschen Feinde

Es gibt nicht viele Familien, die seit fast 800 Jahren befreundet sind. So wie die "Vettern von Wahlstatt". Sie schworen sich 1242, nach einer verlorenen Schlacht, ewige Treue. Ihr Bund hält bis heute und schließt die mongolischen Feinde von einst mit ein. Nun trafen sich die Nachfahren wieder.

Von Niels Kruse

Die ganze Angelegenheit, derentwegen der Graf hier nun auf einer Bierbank sitzt, am Sportplatz von Waßmannsdorf bei Berlin, ist schon fast 800 Jahre her. 766 um genau zu sein. In der Mongolei kennt das Datum jedes Kind, es war das endgültige Ende der Ära Dschingis Khans, für den Adeligen der Anfang seiner Familiengeschichte. So etwas verbindet - über tausende von Kilometern und 30 Generationen.

Über Dorotheus Graf Rothkirch Freiherr von Trach träufelt Regen aufs Pavillondach, vor ihm steht ein kleines Bier, neben ihm der mongolische Botschafter in Berlin, Tuvdendorjiin Galbaatar. Drum herum haben sich ein paar weitere Honoratioren niedergelassen. Man kennt sich, plauscht in trauter Runde, im Hintergrund wummst Wolfgang Petrys "Wenn die Liebe lacht". Die Herren kommen seit fünf Jahren auf das Nadam-Fest in Waßmannsdorf, dem Treffen der deutsch-mongolischen Freunde.

Gerade einmal zwei Millionen Einwohner hat die Mongolei, vielleicht 5000 Exilanten leben in Deutschland. Der Bürgermeister von Schönefeld und Festorganisator Udo Haase kennt sie alle, heißt es. Und, dass er sogar besser altmongolisch spreche als viele Mongolen. Jahrelang hatte er dort für die DDR als Übersetzer gearbeitet. Jetzt feiert er mit ihnen zusammen in Waßmannsdorf. Die Dorf-Ältesten verkaufen selbstgebackenen Kuchen, ein Kinderchor aus der Hauptstadt Ulan Bator singt, wagemutige Reiter zeigen traditionelle Kunststücke auf Pferden. Graf Rothkirch ist heute zum ersten Mal dabei. Wegen des Gemetzels vor 766 Jahren.

Mit 500.000 Mann gegen Breslau und Krakau

Anfang April 1241: Mit 500.000 Mann rückt Batu Khan, ein Enkel des berühmt-berüchtigten Dschingis Khan, gegen Breslau und Krakau vor. Er teilt sein gigantisches Herr, führt selbst den größten Teil gen Süden. Paidar Khan zweigt mit 100.000 Kriegern nach Nordwesten ab. Andere Quellen sprechen von 20.000 Mann. Der Ruf der ihnen vorauseilt, verheißt nichts Gutes: hinterlistige und brutalste Barbaren kämen da ex tartaros, aus der Hölle, Menschenfresser, die personifizierten Antichristen. Der schlesische Herzog Heinrich der Fromme wähnt das christliche Abendland in Gefahr und stellt ein Heer auf, vor allem Ritter und Templer, um sich der so genannten Goldenen Horde von Batu Khan entgegen zu stellen.

Am 9. April kommt es bei Wahlstatt vor Liegnitz zur Schlacht. Es muss ein elendiges Blutbad sein, das sich dort zuträgt. Die zusammen gewürfelte Armee von Heinrich dem Frommen hat keine Chance und wird verheerend geschlagen. Auch der Herzog selbst kommt dabei ums Leben. Ein Jahr später, so geht die Legende, treffen sich die Überlebenden der sechs Familien, die die meisten Opfer zu beklagen hatten, auf dem Schlachtfeld, sie wollen einen Gottesdienst für die Opfer abhalten.

34 Familienmitglieder fallen

"Wir waren mit 35 Familienmitgliedern dabei, heißt es, einer davon soll der Bannerträger gewesen sein", sagt Graf Rothkirch, "34 sind dabei ums Leben gekommen". Freilich: Augenzeugenberichte über die Schlacht gibt es nicht. Erst Anfang des 15. Jahrhunderts werden die ersten Überlieferungen niedergeschrieben. Die stille Post hatte also 200 Jahre lang freie Fahrt, weshalb auch der Nachfahre nicht ganz genau weiß, ob das alles so stimmt, was geschrieben steht. Oder auch nicht geschrieben steht. Etwa, warum alle anderen Familien schon vor dem Schlacht erwähnt wurden, die Rothkirchs aber nicht.

Der 53-Jährige, als Historiker geübt darin, jahrhundertealte Infofetzen zusammenzupuzzeln, glaubt, seine Familie sei aus Russland übergesiedelt. Und auch die Sage, nach der sein Ahne ein kurz vor oder kurz nach der Schlacht geborener Säugling gewesen sein soll, bezweifelt er. "Wir nehmen an, er war ein Jugendlicher, vielleicht 16, 17 Jahre alt", sagt Graf Rothkirch. "Und es heißt, er sei irgendwann in ein Zelt gegangen, habe eine Prinzessin geklaut und unsere Familie gegründet". Klingt märchenhaft, aber "ein Funken Wahrheit ist da sicher dran."

Auf jeden Fall ist der erste Rothkirch dabei, als die Überlebenden am 9. April 1242 dort, wo Heinrich der Fromme ein Jahr zuvor geköpft wurde, einen Pakt schließen: Sie schwören sich ewige Treue und Freundschaft. Die Familien Strachwitz, Nostitz, Seydlitz, Prittwitz und Zedlitz und Rothkirch nennen sich "Vettern von Wahlstatt". Der Bund existiert bis heute.

Dorotheus Graf Rothkirch ist der Doyen der verbrüderten Sippen. Der Vorsitzende, wie er sich selbst nennt, ganz bürgerlich. Mittlerweile haben sich die Familien über die ganze Welt zerstreut: Japan, Südafrika, USA. Dank dem Internet stehen sie zumindest wieder in engerem Kontakt. Der Familienbund wurde von Karl-Christopf Graf Rothkirch wiederbelebt. "Meinem Vater waren seine eigenen Familienfeiern irgendwann zu langweilig. Deshalb hat er die 'Vettern von Wahlstatt' wieder zusammengetrommelt", sagt sein Sohn. Und irgendwie sei es ihm gelungen, einen Nachfahren von Dschingis Khan, der als politischer Flüchtling in Köln lebte, für das Vettern-Treffen in Fulda 1991 aufzutreiben. "Der hielt zwar seine Rede auf mongolisch, aber so ausdrucksvoll, dass alle glaubten, sie verstanden zu haben", so Rothkirch schwärmerisch.

"Das ist so ein Glück, da muss man hin"

Wenige Jahre später folgt eine Einladung in die Mongolei. "Ich bin ein Nachfahre von Dschingis Khan, komm zu mir, wir müssen wieder Freundschaft schließen", hieß es in dem Brief. "Wir wussten zwar nichts über den Absender und über das Land, aber wenn uns jemand einlädt, das ist so ein Glück, da muss man hin", sagt der Graf und packte seine Koffer für einen Trip ins Unbekannte. Dort angekommen blieb das große Hallo zwar aus, aber die Erinnerung an die Rundreise unvergesslich. Die Feinde von einst haben einen bescheidenen Frieden geschlossen.

Für das einst größte Reich der Welt war die "Schlacht von Wahlstatt" ein einschneidendes Ereignis, das bis heute nicht vergessen ist. Denn soweit in den Westen sind sie nie wieder vorgedrungen, es endete ihr Sturm auf Europa. Kurze Zeit nach dem Sieg über die Truppen Heinrichs des Frommen, mussten die mongolischen Führer in ihr angestammtes Land zurückkehren, um einen Nachfolger für den verstorbenen Großkhan Ögedei zu bestimmen. Sie kamen nicht wieder zurück.

Ein Togoer ringt die Mongolen nieder

Der mongolische Botschafter sagt, die Anwesenheit eines der Vettern an diesem Tag sei eine große Ehre. Er schüttelt dem Nachkommen begeistert die Hand. Graf Rothkirch will heute noch mit dem Auto nach Hause, nach Schwerin. Sie werden noch Zeuge, wie beim mongolischen Show-Ringen ausgerechnet ein Togoer zum Publikumsliebling wird. Joseph, der auf die Frage, was er beruflich so mache, "Kraftprotz" antwortet, jobbt auf dem Freundschaftsfest eigentlich an einem Bierstand. Er wird Dritter. Auf den ersten Plätzen: zwei Mongolen, am nächsten Tag müssen sie wieder nach Hause.

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