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3. November 2009, 15:03 Uhr

Eine Nacht wie im Fieberrausch

In dieser Nacht war alles möglich

Wir Straßenredakteure in Berlin waren - von heute aus betrachtet - in jenen Stunden ahnungsloser als jeder Tischredakteur in Hamburg. Denn die wurden ja vom Agenturmaterial und vom Fernsehen umfassend auf dem Laufenden gehalten, während wir immer nur einen winzigen Teil des ganzen Puzzles, das vor uns im Dunkeln lag, sahen. Im Grunde war uns allen wohl das Große, das Ausmaß dieses Weltereignisses, das sich irgendwann live vor unseren Augen abspielte, noch nicht klar. Wir waren Teil der Geschichte und wussten es nicht. Wir spürten, aber wir glaubten nicht. Alles war in dieser Nacht. Und alles war möglich. Das Leben und das Hoffen, die Freiheit und der Tod.

Nach unserer kleinen Beratung beschlossen wir jedenfalls, einfach weiterzumachen. Es würde zu lange dauern, über die DDR-Telefone "ein Amt" nach Hamburg zu kriegen. Those were the days, my friend....

Aus den Nebenstraßen wimmelten nun Menschengruppen zum Brandenburger Tor. Dorthin, wo die Grenzsoldaten mit unveränderter Miene hinter ihren Absperrgittern Wache schoben, das Gewehr starr vor der Brust. Durch die Spalte im Tor sah man viele Westberliner auf der Straße des 17. Juni, sie liefen direkt auf uns zu. Die ersten versuchten bereits auf die Mauer zu klettern. Es war ein nasskalter Novemberabend, aber wir alle waren im Fieberrausch.

Schon als wir in die Invalidenstraße einbogen, hörten wir, wie sie "Macht das Tor auf" sangen. Wenige Stunden war es her, dass Günter Schabowskis Pressekonferenz stattgefunden hatte, Tausende waren auf den Beinen. Dass Hanns Joachim Friedrichs in den Tagesthemen um Viertel vor elf gesagt hatte: "Die Tore in der Mauer stehen weit offen", hatten wir Reporter nicht gehört. Aber die, die nun in ihren Trabis auf den Grenzübergang zurollten, hatten es im Westfernsehen mitgekriegt.

Der Tumult war unvorstellbar. Es war wohl weit nach elf und immer noch hatte sich das Gitter nicht für alle geöffnet. Nur dann und wann durfte jemand passieren. Viele waren aggressiv, manche weinten. Dann endlich drehte ein Grenzer den Schlüssel. Nach meiner Erinnerung war es ein Vorhängeschloss, das über all die Jahre jenen Teil Berlins vom anderen abgeriegelt hatte. Ein ganz normales Vorhängeschloss. Die Leute schrien, als die Gittertore sich endlich wie Fittiche auftaten. Sie hupten, schwenkten Bierflaschen, sie lachten und weinten, und alles durcheinander. Dauernd umarmte mich jemand, umarmte jemand den Fotografen. Auch wir lachten und weinten durcheinander. Gefühlschaos und wirkliches Chaos trafen sich in dieser engen Straße. Wir standen, staunten und fotografierten.

Auf einmal kamen mir die Grenzbeamten in den Blick, die mit fassungslosem Gesichtsausdruck beobachteten, was vor ihren Augen passierte. "Alles dahin", schienen sie zu denken, "alles dahin." Ich muss über all dem Glück jener Nacht bis heute immer auch an diese leeren Gesichter denken. An junge Polizisten, die in jenem Moment wohl ahnten, dass alles, was sie in ihrem Leben bis dahin für gut und richtig gehalten hatten, vorbei war. Sie taten mir leid. Nicht eine Minute lang hatten wir Angst gehabt, dass sie auf die Menge schießen würden.

Champagner und Austern zum Frühstück

Fast alle stern-Kollegen machten die Nacht durch. Zwei von uns schlugen sich in der Früh nach Tegel durch und flogen mit einem gecharterten Flieger nach Hamburg, um aufzuschreiben, was wir erlebt hatten. Die anderen trafen sich um fünf im "Grand-Hotel" und versuchten die Hamburger Redaktion zu erreichen. Irgendwann schreckte am anderen Ende jemand aus dem Schlaf: "Ruhig, Kinder", sagte die Stimme, "erst mal sehen, ob das am nächsten Donnerstag überhaupt noch so eine große Geschichte ist."

Als wir am Morgen des 10. November schließlich zum Frühstück gingen, hörten wir am Nebentisch, wie sich Deutschland - unser Land und das der anderen - über Nacht verändert hatte. Die Frühstückskellnerinnen glänzten noch immer glücklich, obwohl sie statt zu schlafen über den Kurfürstendamm flaniert und im Cafe Kranzler sogar mit Sekt begrüßt worden waren. Pünktlich, treudeutsch, pflichtbewusst waren sie dennoch um sechs in ihre Livreen gestiegen und servierten nun den Journalisten und Fotoreportern aus aller Welt Rührei und Kaffee.

Aber auch andere frühe Vögel waren bereits vor Ort. Geschäftsleute, Entrepreneure, Glücksritter und Propheten aus dem Westen. Einer von ihnen bestellte zur Feier des Morgens Champagner und Austern - "mit Zwiebeln und Tabasco". Die Hotelangestellte brachte dann auch ein Dutzend Fin de Claire auf dem Silbertablett. Und dazu - statt gehackter Stücke - eine große ungeschälte Zwiebel. Der Gast war außer sich: "Also Mädchen, eins versprech' ich dir", ranzte er die Kellnerin an, "wenn Ihr hier nicht ganz schnell lernt, wie man Austern isst, dann wird das nichts mit Eurer Einheit." Seither muss ich fast immer, wenn ich an das Glück des 9. November 1989 denke, auch an die Austern-Situation vom 10. November denken.

Es gibt eben immer einen Idioten, der einem sogar die ganz großen Momente mit Kleingeist versaut.

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