
Selbst Reizfigur: Jutta Ditfurth, Mitbegründerin der Grünen, trat 1991 aus der Partei aus. Seither schreibt die 56-Jährige Romane und Sachbücher© Volker Hinz
Ich denke schon, dass mein Buch für die nächsten Jahre Bestand haben wird. Wie ich sagte, in Meinhof spiegelt sich deutsche Geschichte - die Zeit des Faschismus, die Adenauer-Ära, die jugendliche Subkultur der 50er und 60er Jahre.
Ich dachte immer, ich wüsste sehr viel über jene Zeit. Aber ich hab Staunen gelernt. Es gibt eine völlig enteignete, unterdrückte Geschichte in diesem Land. Es heißt immer, die Adenauer-Jahre seien dumpf gewesen, so eine Art Biedermeierzeit. Unsinn. Es war eine höchst lebendige Zeit, voller Kämpfe - es gab massenhafte Demos gegen die Einführung der Bundeswehr, gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, wie Strauß sie forderte. Hunderttausende demonstrierten gegen den "Atomtod", es gab Millionen Unterschriften dagegen. Es gab Demos gegen die Nato-Mitgliedschaft der Bundeswehr. 1952 eröffnete die Polizei bei einer Demonstration in Essen das Feuer auf Jugendliche, sie erschossen den Arbeiter Philipp Müller mit einer Kugel in den Rücken. Das hat die junge Meinhof politisiert, sie war mittendrin in diesen Auseinandersetzungen, die der lange Vorlauf zu 68 sind. Im Januar 1959, auf einem Atomkongress, lieferte sie, gerade 24 Jahre alt, sich mit dem 40-jährigen Helmut Schmidt eine Redeschlacht, sodass der fluchend und frustriert davonlief.

Widerstand bis nach der Verhaftung: Ulrike Meinhof wehrt sich nach ihrer Gefangennahme am 16. Juni 1972 in Hannover gegen ein Polizeifoto© AP
Quatsch. Das ist auch so ein Mythos, der letztendlich sagen soll: Sie war naiv, ist nicht ganz ernst zu nehmen. Nein, sie hat sich früh von der Religion losgesagt, statt der Bibel Marx gelesen.
Ja. Sie schreibt damals auch noch kreuzbrave Berichte an die Studienstiftung des deutschen Volkes, die sie als Hochbegabte förderte. Aber sie politisiert sich ungemein rasch, lässt das Christliche hinter sich. Sie trifft sich mit alten Kommunisten, KZ-Opfern, die bis 1945 verfolgt wurden und jetzt wieder Repressalien ausgesetzt sind. Das prägt sie. Sie sieht sich im Widerstand zu Adenauer, bald auch im Widerstand zur SPD, von der sie abgrundtief enttäuscht ist, als die ihren Frieden mit der Bundeswehr macht. Sie ist die erste Frau im münsterschen SDS; sie agitiert, hält Reden, vom Rektor wird sie "als große Schande der Universität" geschmäht. 1958 tritt sie der verbotenen KPD bei und beginnt nun ein Leben am Rande der Illegalität, häufig konspirativ. Weil die Partei es will, bricht sie ihr Studium ab, geht nach Hamburg und fängt an, für "konkret" zu schreiben.
Sie übertreiben, so sage ich das nicht. Sie ist nicht die Mutter, sie ist eher so etwas wie 'ne große Schwester der APO, der 68er. Meinhof hatte mit ihren Kolumnen, vor allem mit ihren Hörfunkfeatures etwa über Industriearbeit und Heimkinder, einen enormen Einfluss auf das Denken vieler Leute. Viel mehr, als sie selbst glaubte. Sie griff Themen auf, die erst Jahre später explodierten. Zum Beispiel die Frauenfrage. Dass sich die Frauen im SDS gegen die Machos wehrten - das taten sie mit Worten und Sätzen wie aus Meinhofs Artikeln. Sie konnte einfach prägnant formulieren.
Ja. Das sind Zitate aus einem nicht autorisierten Gespräch. Sie hat sich später davon distanziert. Sie sah sich aber im bewaffneten Kampf. Sie war nun bereit, bis zum Tod zu kämpfen.
Anders als geplant fiel dabei ein Schuss, und anders als geplant sprang Meinhof hinter Baader aus dem Fenster aus der Bibliothek. Aber letztendlich war dieser Sprung kein Zufall. Sie ist nicht tollpatschig reingerutscht, wie Aust das unterstellt. Sie wollte in den Untergrund, sie wollte kämpfen. Schon lange diskutierten sie und viele andere über Gewalt und Gegengewalt, über Sabotageakte.
So scheint es von heute aus gesehen. Aber der Anschlag auf Dutschke, der Mord an Ohnesorg, die täglichen Bombenteppiche auf Vietnam, der Militärputsch in Griechenland, die erschossenen Studenten in Kent, Ohio - da war das Gefühl, Worte und Demos bringen nichts, sie ändern nichts. Man muss mehr machen. Angreifen wie die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. Auch in den USA gab es bewaffnete Gruppen im Untergrund. Sie war dazu bereit. Schon im Frühjahr 1969, kaum jemand weiß bisher davon, besorgte sie das Geld für Sprengstoff, um im Hamburger Hafen, wo Blohm und Voss Kriegsschiffe für Portugal baute, das einen Kolonialkrieg in Afrika führte, ein Schiff in die Luft zu jagen. Am 13. Oktober explodierte die Bombe, sie war in einer Schaluppe neben dem Schiff versteckt. 150 Meter hoch flogen Eisenplanken. Die Auslieferung des Schiffes, seine Elektronik war zerstört, verzögerte sich um Monate.
Überall hingen Fahndungsplakate mit ihrem Namen. Sie hatte mit dieser Reaktion nicht gerechnet. Sie hatte noch keinen Menschen verletzt, nun war sie Objekt der größten Polizeiaktion seit 1945. Böll schrieb damals: "Baldur von Schirach hat nicht so lange gesessen, wie Ulrike Meinhof sitzen müsste."
War es eine bange Frage? In vielen WGs hing das Fahndungsplakat. Sie war für viele eine Ikone. Allensbach machte 1971 eine Umfrage. Jeder Vierte unter 30 hatte "gewisse Sympathien" für die RAF.
Zwei Jahre hatte man kaum was von Meinhof gehört, im Mai 1972 gab es dann plötzlich innerhalb von 14 Tagen fünf Anschläge unter anderem auf US-Militäreinrichtungen mit vier Toten und 24 Verletzten, einen Anschlag auf das Springer-Hochhaus mit 17 Verletzten. Keine Woche später, verblüffend schnell, war Meinhof geschnappt. Sie hatte bei dem Lehrer Rodewald in Hannover übernachten wollen. Der hatte zugesagt, wusste aber dann nicht, wie er sich verhalten sollte. Er ging zu seinem Freund Oskar Negt, ließ sich von ihm beraten.
Ja. Negt sagte, es gebe keine "Zwangssolidarität", und so ging der Lehrer zur Polizei.
Ich weiß es nicht. Zu ihrer Schwester sagte Ulrike Meinhof im März 1976: "Wenn du hörst, ich hätte mich umgebracht, dann kannst du sicher sein, es war Mord." Auf den letzten Besucher, einen italienischen Rechtsanwalt, der sie lebend sah, wirkte sie "wie eine Frau, die leben wollte".
In vielen Berichten hieß es damals: Sie stieg auf den Schemel, knotete das Ende des Stricks um das Fenstergitter und sprang. Und manchmal sah man das Bild, wie sie am Fensterkreuz hing. Man sah sie bis zur Brust, manchmal bis zu den Oberschenkeln. In einem Archiv habe ich die Originalfotos der erhängten Ulrike Meinhof entdeckt. Da sieht man die ganze Ulrike Meinhof. Sie hängt am Fensterkreuz, sehr dünn, sehr mager, sehr blass. Und ihr linker Fuß steht auf einem Stuhl.
Ja. Das ergab diese Obduktion.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 46/2007