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18. November 2007, 11:09 Uhr

"Sie war die große Schwester der 68er"

Selbst Reizfigur: Jutta Ditfurth, Mitbegründerin der Grünen, trat 1991 aus der Partei aus. Seither schreibt die 56-Jährige Romane und Sachbücher© Volker Hinz

Ihr Buch über Meinhof nennen Sie - nicht unbescheiden - "die Biografie". Das klingt wie: Leute, jetzt kommt die Wahrheit.

Ich denke schon, dass mein Buch für die nächsten Jahre Bestand haben wird. Wie ich sagte, in Meinhof spiegelt sich deutsche Geschichte - die Zeit des Faschismus, die Adenauer-Ära, die jugendliche Subkultur der 50er und 60er Jahre.

Sie selbst, was haben Sie beim Schreiben gelernt?

Ich dachte immer, ich wüsste sehr viel über jene Zeit. Aber ich hab Staunen gelernt. Es gibt eine völlig enteignete, unterdrückte Geschichte in diesem Land. Es heißt immer, die Adenauer-Jahre seien dumpf gewesen, so eine Art Biedermeierzeit. Unsinn. Es war eine höchst lebendige Zeit, voller Kämpfe - es gab massenhafte Demos gegen die Einführung der Bundeswehr, gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, wie Strauß sie forderte. Hunderttausende demonstrierten gegen den "Atomtod", es gab Millionen Unterschriften dagegen. Es gab Demos gegen die Nato-Mitgliedschaft der Bundeswehr. 1952 eröffnete die Polizei bei einer Demonstration in Essen das Feuer auf Jugendliche, sie erschossen den Arbeiter Philipp Müller mit einer Kugel in den Rücken. Das hat die junge Meinhof politisiert, sie war mittendrin in diesen Auseinandersetzungen, die der lange Vorlauf zu 68 sind. Im Januar 1959, auf einem Atomkongress, lieferte sie, gerade 24 Jahre alt, sich mit dem 40-jährigen Helmut Schmidt eine Redeschlacht, sodass der fluchend und frustriert davonlief.

Widerstand bis nach der Verhaftung: Ulrike Meinhof wehrt sich nach ihrer Gefangennahme am 16. Juni 1972 in Hannover gegen ein Polizeifoto© AP

Aber in der Mensa faltete sie brav die Hände und betete laut.

Quatsch. Das ist auch so ein Mythos, der letztendlich sagen soll: Sie war naiv, ist nicht ganz ernst zu nehmen. Nein, sie hat sich früh von der Religion losgesagt, statt der Bibel Marx gelesen.

Moment mal, an der Universität hatte sie Seminare über christliche Pädagogik und das "Problem der moralischen Erziehung" belegt. In einem ihrer ersten Flugblätter gegen die atomare Bewaffnung schreibt sie voll christlichem Pathos: "Wir wollen uns nicht noch einmal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gott und den Menschen schuldig bekennen müssen."

Ja. Sie schreibt damals auch noch kreuzbrave Berichte an die Studienstiftung des deutschen Volkes, die sie als Hochbegabte förderte. Aber sie politisiert sich ungemein rasch, lässt das Christliche hinter sich. Sie trifft sich mit alten Kommunisten, KZ-Opfern, die bis 1945 verfolgt wurden und jetzt wieder Repressalien ausgesetzt sind. Das prägt sie. Sie sieht sich im Widerstand zu Adenauer, bald auch im Widerstand zur SPD, von der sie abgrundtief enttäuscht ist, als die ihren Frieden mit der Bundeswehr macht. Sie ist die erste Frau im münsterschen SDS; sie agitiert, hält Reden, vom Rektor wird sie "als große Schande der Universität" geschmäht. 1958 tritt sie der verbotenen KPD bei und beginnt nun ein Leben am Rande der Illegalität, häufig konspirativ. Weil die Partei es will, bricht sie ihr Studium ab, geht nach Hamburg und fängt an, für "konkret" zu schreiben.

Und ohne Meinhof - folge ich Ihrem Buch - hätte es die Rebellion von 68 nicht gegeben. Für Sie ist Meinhof so etwas wie die Mutter der 68er.

Sie übertreiben, so sage ich das nicht. Sie ist nicht die Mutter, sie ist eher so etwas wie 'ne große Schwester der APO, der 68er. Meinhof hatte mit ihren Kolumnen, vor allem mit ihren Hörfunkfeatures etwa über Industriearbeit und Heimkinder, einen enormen Einfluss auf das Denken vieler Leute. Viel mehr, als sie selbst glaubte. Sie griff Themen auf, die erst Jahre später explodierten. Zum Beispiel die Frauenfrage. Dass sich die Frauen im SDS gegen die Machos wehrten - das taten sie mit Worten und Sätzen wie aus Meinhofs Artikeln. Sie konnte einfach prägnant formulieren.

Doch dann, im Untergrund, sagte und schrieb sie so rohe und primitive und schreckliche Sätze wie: "Die Bullen sind Schweine … und natürlich kann geschossen werden … Der Typ in Uniform ist ein Schwein."

Ja. Das sind Zitate aus einem nicht autorisierten Gespräch. Sie hat sich später davon distanziert. Sie sah sich aber im bewaffneten Kampf. Sie war nun bereit, bis zum Tod zu kämpfen.

Glaube ich Aust und vielen anderen Biografen, war dieser Kampf eher ein Zufallsprodukt. Er begann, als sie am 14. Mai 1970 bei der Befreiung Baaders mitmachte.

Anders als geplant fiel dabei ein Schuss, und anders als geplant sprang Meinhof hinter Baader aus dem Fenster aus der Bibliothek. Aber letztendlich war dieser Sprung kein Zufall. Sie ist nicht tollpatschig reingerutscht, wie Aust das unterstellt. Sie wollte in den Untergrund, sie wollte kämpfen. Schon lange diskutierten sie und viele andere über Gewalt und Gegengewalt, über Sabotageakte.

Das ist doch verrückt.

So scheint es von heute aus gesehen. Aber der Anschlag auf Dutschke, der Mord an Ohnesorg, die täglichen Bombenteppiche auf Vietnam, der Militärputsch in Griechenland, die erschossenen Studenten in Kent, Ohio - da war das Gefühl, Worte und Demos bringen nichts, sie ändern nichts. Man muss mehr machen. Angreifen wie die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. Auch in den USA gab es bewaffnete Gruppen im Untergrund. Sie war dazu bereit. Schon im Frühjahr 1969, kaum jemand weiß bisher davon, besorgte sie das Geld für Sprengstoff, um im Hamburger Hafen, wo Blohm und Voss Kriegsschiffe für Portugal baute, das einen Kolonialkrieg in Afrika führte, ein Schiff in die Luft zu jagen. Am 13. Oktober explodierte die Bombe, sie war in einer Schaluppe neben dem Schiff versteckt. 150 Meter hoch flogen Eisenplanken. Die Auslieferung des Schiffes, seine Elektronik war zerstört, verzögerte sich um Monate.

Ein paar Stunden nach Baaders Befreiung war die 35-jährige Starjournalistin Ulrike Meinhof Staatsfeind Nummer eins.

Überall hingen Fahndungsplakate mit ihrem Namen. Sie hatte mit dieser Reaktion nicht gerechnet. Sie hatte noch keinen Menschen verletzt, nun war sie Objekt der größten Polizeiaktion seit 1945. Böll schrieb damals: "Baldur von Schirach hat nicht so lange gesessen, wie Ulrike Meinhof sitzen müsste."

Und in vielen Wohngemeinschaften war das nun die bange Frage: Würdest du Ulrike Meinhof die Tür öffnen, wenn sie klingelt?

War es eine bange Frage? In vielen WGs hing das Fahndungsplakat. Sie war für viele eine Ikone. Allensbach machte 1971 eine Umfrage. Jeder Vierte unter 30 hatte "gewisse Sympathien" für die RAF.

Doch es war ein linker Lehrer, der der Polizei den Tipp zur Festnahme von Meinhof gab.

Zwei Jahre hatte man kaum was von Meinhof gehört, im Mai 1972 gab es dann plötzlich innerhalb von 14 Tagen fünf Anschläge unter anderem auf US-Militäreinrichtungen mit vier Toten und 24 Verletzten, einen Anschlag auf das Springer-Hochhaus mit 17 Verletzten. Keine Woche später, verblüffend schnell, war Meinhof geschnappt. Sie hatte bei dem Lehrer Rodewald in Hannover übernachten wollen. Der hatte zugesagt, wusste aber dann nicht, wie er sich verhalten sollte. Er ging zu seinem Freund Oskar Negt, ließ sich von ihm beraten.

Sie meinen Professor Negt - Freund und später Berater von Kanzler Gerhard Schröder?

Ja. Negt sagte, es gebe keine "Zwangssolidarität", und so ging der Lehrer zur Polizei.

Jahrelang war es eine Glaubensfrage, eine Frage, ob man ein Staatsfeind ist oder nicht, ob Meinhof in Stammheim Selbstmord verübt hat oder ob sie ermordet wurde.

Ich weiß es nicht. Zu ihrer Schwester sagte Ulrike Meinhof im März 1976: "Wenn du hörst, ich hätte mich umgebracht, dann kannst du sicher sein, es war Mord." Auf den letzten Besucher, einen italienischen Rechtsanwalt, der sie lebend sah, wirkte sie "wie eine Frau, die leben wollte".

Ein paar Stunden später war sie tot.

In vielen Berichten hieß es damals: Sie stieg auf den Schemel, knotete das Ende des Stricks um das Fenstergitter und sprang. Und manchmal sah man das Bild, wie sie am Fensterkreuz hing. Man sah sie bis zur Brust, manchmal bis zu den Oberschenkeln. In einem Archiv habe ich die Originalfotos der erhängten Ulrike Meinhof entdeckt. Da sieht man die ganze Ulrike Meinhof. Sie hängt am Fensterkreuz, sehr dünn, sehr mager, sehr blass. Und ihr linker Fuß steht auf einem Stuhl.

Todesursache: Selbstmord. Das ergab die offizielle Obduktion.

Ja. Das ergab diese Obduktion.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 46/2007

Von Arno Luik
Seite 1: "Sie war die große Schwester der 68er"
Seite 2: Ihr Buch über Meinhof nennen Sie - nicht unbescheiden - "die Biografie". Das klingt wie: Leute, jetzt kommt die Wahrheit.
 
 
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