Dass es Goethe in seinem Stück nicht um Politik geht, sondern um persönliche Nöte, die Angst zu handeln und die Hoffnung zu entkommen, also um das dämonische Spiel der Götter, das ist Schiller fremd.
Fremd ist ihm auch die Selbstdarstellung Goethes. Schreitet da durch Weimar wie ein Gott, ohne sich selbst zu geben. Und wie gut das Schicksal mit dem Herrn Geheimrat umgeht. Bekommt noch immer höchste Bezüge vom Hof. Wofür eigentlich? Und er, Schiller, muss kämpfen und kämpfen. Ja, er hasse Goethe, schreibt Schiller 1789 an seinen Freund Gottfried Körner, auch wenn er dessen Geist liebe. Ich betrachte ihn wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen.
Und Goethe? Findet den zehn Jahre jüngeren Schiller genauso unangenehm. Schon äußerlich, also dieses Hochaufgeschossene, diese Adlernase, und dann dieses schreckliche Schwäbeln.
Und ewig ist der Mann krank. Sieht man doch schon an den hektische Flecken im Gesicht. Außerdem raucht er, schnupft Tabak, schläft bis mittags und arbeitet nachts. Putscht sich dabei auf mit Punsch und Kaffee und braucht zum Schreiben den Geruch von fauligen Äpfeln. Das Obst soll ja Wochen in seiner Schreibtischschublade modern. Ekelhaft findet Goethe das.
Nein, er mag diesen Schiller nicht, diesen glühenden Geist und glänzenden Journalisten, Politiker, Philosophen. Er mag überhaupt keine genialen Leute in seiner Nähe. Außerdem ist Schiller ein Verehrer der Französischen Revolution. War es wenigstens am Anfang. Aber auch das ist schon zuviel für Goethe. Er hat für Demokratie nichts übrig. Veränderung, sagt er, kann es nur von oben geben. Nie von unten. Also nie vom Volk her. Da denkt Goethe wie seine alte Zuchtmeisterin Charlotte von Stein. Die nennt Franzosen nur noch Banditen und Räuber.
Also, es wäre schon ganz gut, diesen Schiller aus Weimar wegzukriegen. Deshalb plädiert Goethe 1788 dafür, ihm eine Professur in Jena zu geben. Für Geschichte. Jena ist schon seit Jahr und Tag die Sauf-und-Rauf-Universität mit rabiaten Verbindungsstudenten, also politischen Aufrührern. Soll Schiller da ruhig mal hin. In seinem Vorschlag an den Herzog nennt Goethe Schillers Charakter vorteilhaft, sein Betragen ernsthaft und gefällig. Also kühler geht es nicht.