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9. November 2009, 16:27 Uhr
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Eine Nacht wie im Fieberrausch

Was war das für eine wunderbare Nacht, als die Mauer fiel und das geteilte Deutschland wieder eins wurde! stern-Autorin Ulrike Posche beschreibt, wie sie den 9. November 1989 erlebte.

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"Das könnte vielleicht eine Titelgeschichte werden": Die Nacht des Mauerfalls, ein Trabbi fährt über einen Grenzübergang, er wird mit Schwarz-Rot-Gold empfangen© Picture-Alliance

Natürlich habe ich sofort "ja!" gesagt, als mich die Ressortleiterin damals fragte, ob ich nach Ostberlin fliegen wolle. In der Konferenz hatten sie am Morgen einen Großeinsatz beschlossen. Wer konnte, sollte sofort in die DDR reisen. Berlin, Dresden, Magdeburg - ganz egal. Hauptsache die Taskforces des stern wären vor Ort, wenn passieren würde, was sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand vorstellen konnte. Der Fotograf Dirk Eisermann und ich sollten beobachten, was sich in den folgenden Tagen ereignete, in den Tagen des deutschen Herbstwunders. Es war aufregend. Es war Revolution. Es war meine allererste Reise in die DDR.

Eisermann war bereits vor Tagen mit dem Auto nach Ostberlin gefahren und hatte uns Zimmer im Palast-Hotel gebucht. Es war ein blind verspiegelter Klotzbau im Ostzonen-Schick, der neben dem Berliner Dom lag und gegenüber von Honeckers Palast der Republik. Heute heißt das Palast-Hotel "Radisson Plaza" und dort, wo Erichs Glaspalast lag, lag im vergangenen Sommer Rollrasen.

Merkel, Ostberliner Nasszellen und ich

Ich flog also mit einigen Kollegen von Hamburg nach Berlin. Die PanAm-Flugstrecke existierte damals noch. Es war die schnellste Verbindung. Vom Flughafen aus ging es zum Grenzübergang Friedrichstraße, wo Eisermann mich mit einem eilig ausgestellten Journalistenvisum erwartete. Gegen sieben Uhr etwa kamen wir im Hotel an. Ich wollte nur schnell noch unter die Dusche, weil ich so durchgefroren war - nieselnder November eben -, dann wollten wir zum Prenzlauer Berg. Das war der Plan.

Ich hatte den Wasserhahn gerade voll aufgedreht, als der Kollege plötzlich wild gegen meine Tür trommelte. Es war vielleicht halb acht, ich hatte nasse Haare. "Die machen die Grenze auf, los komm!", rief er. Ich dachte, jetzt spinnt er. Aber er hatte irgendwas im Fernsehen gehört oder gesehen. Seit neunzehn Uhr vier meldete Associated Press, die Ausreise für DDR-Bürger sei unverzüglich möglich. Ich musste ihm glauben.

Es ist eine der wenigen biographischen Begebenheiten, die ich mit Angela Merkel gemeinsam habe: Im entscheidenden Moment der jüngeren deutschen Geschichte befanden wir uns in einer Ostberliner Nasszelle - ich in der Hoteldusche, sie in einer Sauna. Doch während die spätere Bundeskanzlerin damals in ihrer Sauna nichts von all dem hören und sehen konnte, sondern einfach weiter saunierte, liefen wir sofort zum Bahnhof Friedrichstraße.

Ein paar Dutzend Leute redeten dort bereits auf Polizisten oder Grenzbeamte ein. Sie wollten rüber, es sei erlaubt. Aber die Uniformierten rührten sich nicht, sie hatten keine Ahnung, sie wirkten nervös. Eisermann fotografierte los, ich sprach mit Männern und Frauen, die vom Abendbrottisch aufgebrochen waren, in dünnen Jacken, und nur mit dem Ausweis in der Tasche. Familien kamen angerollt mit schlafenden Kindern im Kinderwagen, junge Leute brachten Sektflaschen mit.

Wir zogen weiter zum Grenzübergang Invalidenstraße. Es war mondlos dunkel, der bittere Rauch aus den Heizöfen hockte tief auf der Stadt. Unterwegs trafen wir Redaktionskollegen, die zur Bornholmer Straße wollten. Wir überlegten kurz, ob und wie wir die Hamburger Redaktion informieren sollten. "Das könnte vielleicht eine Titelgeschichte werden", meinte einer der beiden Kollegen. Das wär' ja toll, dachte ich, Titelgeschichte....

Nur zur Erinnerung: Mobiltelefone gab es 1989 noch nicht. Es gab Satelliten-Telefone, groß wie ein Schuhputzkasten und so schwer, wie ein Gebinde Briketts. Das WLAN war noch nicht erfunden, und das Blackberry auch nicht. Man muss das erwähnen, weil es uns im Nachgang oft unvorstellbar erscheint wie rasant sich die Ereignisse jener Nacht auch ohne Internet und Handykamera entwickeln und verbreiteten konnten.

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Mehr zum Thema ... ... finden Sie im stern-Sonderheft zum Mauerfall.

Seite 1: Eine Nacht wie im Fieberrausch
Seite 2: In dieser Nacht war alles möglich
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