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6. November 2009, 16:53 Uhr

Die Gesichter der Mauertoten

20 Jahre nach dem Mauerfall ist die Zahl der Toten an der Berliner Grenze noch nicht restlos geklärt. Jetzt bringt ein Buch Licht in ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte - und erzählt die Schicksale der Opfer, ohne sich idelogisch vereinnahmen zu lassen. Von Kerstin Herrnkind

Mauertote, flucht, Mauerfall, Berliner Mauer

Dieter Brandes ist einer von mindestens 136 Mauertoten© Privat

Es wird gerade dunkel, als Dieter Brandes am 9. Juni 1965, gegen 21 Uhr, versucht, über die Berliner Mauer zu fliehen. Der 18-jährige will zu seiner Mutter in den Westen. Brandes war, nachdem seine Mutter in die BRD geflohen war, schon als kleines Kind ins Heim gesteckt worden, hat dort die ersten 16 Jahre seines Lebens verbracht. Seit einiger Zeit schreibt er sich mit seiner Mutter. Nun will er zu ihr nach Hamburg.

Im "Einsatzbereich des Grenzregiments 33" löst der Teenager auf dem Nordbahnhof zwischen Berlin-Mitte und Wedding einen stillen Alarm aus. Wenig später peitscht ein Warnschuss durch die abendliche Stille. Dieter Brandes rennt um sein Leben. Er hat es fast geschafft. Nur noch ein paar Meter... Noch ein Hindernis... Grenzsoldaten eröffnen das Feuer. Schüsse fallen... Eine Kugel zertrümmert den Brustkorb des Teenagers, verletzt seine Lunge schwer. Von ihren Fenstern und Balkonen beobachten West-Berliner auf der anderen Seite der Mauer, wie Grenzsoldaten kurz darauf einen leblosen Körper wegschaffen.

Verleumdnet als kriminell und asozial

Die Soldaten bringen den schwer verletzten Jugendlichen ins Krankenhaus der Volkspolizei. Dorthin, wo alle verletzten Mauerflüchtlinge zuerst gebracht werden, um die Geheimhaltung zu gewährleisten. Doch selbst Schwerverletzte werden nicht etwa mit dem Krankenwagen transportiert, sondern auf der Ladefläche von Armeelastwagen oder so genannten "Kübel-Trabis" - und zwar ohne ärztliche Versorgung.

Die Ärzte operieren Brandes, können sein Leben retten. Doch der Jugendliche ist querschnittsgelähmt. Er wird ins städtische Klinikum nach Berlin-Buch verlegt, wo er monatelang behandelt wird. Das Personal hat Mitleid mit dem Teenager, sammelt Geld, um ihm zu Weihnachten ein Geschenk zu machen. Dass das Personal den Jugendlichen für ein "armes Opfer" hält, wie die Akten festhalten, ist der Stasi ein Dorn im Auge. Der zuständige Stasi-Leutnant "setzt alles daran", um den Jugendlichen als "kriminelles und asoziales Element" zu verleumden. Er verbreitet die Lüge, Brandes hätte "bei seinem versuchten Grenzdurchbruch Gewalt" angewendet und "Grenzsoldaten verletzt". Am 11. Januar 1966 stirbt Dieter Brandes an den Folgen seiner Verletzungen.

Ein Herkules-Akt

Es ist der Verdienst des Buches "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 - 1989", dass Menschen wie Brandes, die ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Leben bezahlten, endlich ein Gesicht bekommen. Dass ihr Schicksal erzählt wird. Dass sie nicht länger unsichtbar sind hinter abstrakten Zahlen.

Vier Jahre lang hat ein Team von sechs Autoren, darunter Historiker und Politologen, im Auftrag des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer, 575 Todesfälle nachrecherchiert, um herauszufinden, wie viele Menschen überhaupt an der Berliner Mauer umkamen und wer diese Flüchtlinge waren. Denn selbst fast 20 Jahre nach der Wende wusste in Deutschland niemand so genau, wie viele Menschen an der Berliner Mauer ihr Leben ließen. Die Landesjustizverwaltungen in Salzgitter gingen 1991 von 78 Todesopfern aus. Die "Arbeitsgemeinschaft 13. August" hatte 222 Mauertote gezählt. In den Akten der Staatsanwaltschaften Berlin und Neuruppin waren 86 Grenztote registriert. Die Zahlen waren nicht nur umstritten, sondern bisweilen sogar Gegenstand ideologisch aufgeheizter Debatten.

Zum Buch ... Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 - 1989. Ein biographisches Handbuch, herausgegeben vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer, erschienen bei Ch. Links unter der ISBN: 978-3-86153-517-1, 524 Seiten, 24,90 Euro.

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Mehr zum Thema ... ... finden Sie im stern-Sonderheft zum Mauerfall.

Seite 1: Die Gesichter der Mauertoten
Seite 2: Vor Angst gestorben
 
 
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