Währungsunion. Treuhand. Viele Ökonomen kritisieren das wirtschaftspolitische Vorgehen bei der deutschen Einheit. Im stern.de-Interview hält Sachsen-Anhalts Ex-Finanzminister Karl-Heinz Paqué dagegen - und spricht dennoch über das weiter bestehende Ost-West-Gefälle.
Keiner von beiden. Wir haben heute viel erreicht, manches aber auch nicht. Die ostdeutsche Industrie liefert inzwischen zehn Prozent der gesamtdeutschen industriellen Produktion, nach einem Tiefstand von 3,5 Prozent im Jahr 1992. Sie ist bis zum Beginn der Finanzkrise 2008 stark gewachsen. Aber: Diese Industrie hat noch nicht ganz westdeutsches Niveau erreicht. Die Arbeitsproduktivität liegt, je nach Messung, zwischen 71 und 79 Prozent des westdeutschen Niveaus, die Löhne bei rund Zweidrittel. Nicht das Erreichte ist enttäuschend, sondern die Erwartungen waren zu hoch.
Es gab überhaupt keine realistische Alternative zum Aufbau Ost. Die Sache ist ganz einfach: Wollte man den Osten nach 1990 nicht ausbluten lassen, musste man schnell, entschlossen und konsequent reagieren. Das kostete sehr viel Geld, aber es war richtig, denn sonst hätte es eine Erweiterung West statt eines Aufbau Ost gegeben. Die Menschen - und vor allem die Leistungsträger - wären noch stärker abgewandert. Ostdeutschland lag eben zu nahe am Wohlstand, anders als Mittel- und Osteuropa. Die Ostdeutschen waren Bundesbürger nach dem Grundgesetz, aus dem gleichen Kultur- und Sprachraum, mit der gleichen industriellen Tradition.
Weil der Umtauschkurs von eins zu eins für ein Lohnniveau im Osten sorgte, das gerade mal bei ein Drittel des Westens lag. Selbst dies war noch zu niedrig, um die Menschen im Osten zu halten, und die Löhne stiegen schnell an - auf die Hälfte und schließlich Zweidrittel des Westens. Hätte man damals mit zwei Ostmark für eine D-Mark umgerechnet, wären die Löhne in Magdeburg, Erfurt und Chemnitz bei einem Sechstel des Niveaus von Braunschweig, Kassel und Nürnberg gelandet. Das wäre absurd niedrig gewesen. Es hätte sich in kürzester Zeit korrigiert. Es hätte also praktisch nichts geändert. Das übersehen auch heute noch viele Ökonomen.
Weil sie Unvermeidliches schnell und entschlossen durchgeführt hat. Der Kapitalstock der ostdeutschen Industrie war verschlissen und veraltet. Es fehlte weitgehend an marktfähigen Produkten, nach vierzig Jahren sozialistischer Abschottung. Unter diesen Umständen überhaupt Investoren zu finden, war schwierig genug. Dies erklärt das Defizit. Immerhin gelang es, einen Kern an Arbeitsplätzen zu erhalten, der heute das Rückgrat der ostdeutschen Industrie darstellt. Die Kriminalität hielt sich insgesamt in Grenzen.
In der Tat: Die ostdeutsche Industrie ist noch immer weitgehend eine verlängerte Werkbank des Westens, aber das war auch nicht anders zu erwarten. Haben wir wirklich geglaubt, dass gleich nach der Wende westdeutsche Großkonzerne und Mittelständler ihre Forschungsabteilungen in den Osten verlagern? Das Problem gibt es übrigens nicht nur für Ostdeutschland. Auch Tschechien, das war einmal eine hochinnovative Region, aber seit 1990 konnte es gerade mal wieder als eine verlängerte Werkbank wiedererstehen. Die tschechische Industrie hat heute trotz vieler Direktinvestitionen nur ein Drittel der Produktivität West- und noch nicht einmal die Hälfte Ostdeutschlands.
All diese Zahlen zeigen nur eines: 40 Jahre Sozialismus sowjetischen Stils haben einen ungeheuren Flurschaden hinterlassen, in Ostdeutschland genauso wie in Mitteleuropa. Die Transformation einer Gesellschaft nach langer Abschottung ist eben vielleicht die schwierigste Aufgabe, die in einem Industrieland denkbar ist. Trotzdem muss man weitermachen, aber bitte ohne Illusionen. Der Aufholprozess ist eine Frage von Jahrzehnten und nicht von Jahren. Und niemand weiß natürlich, ob er jemals ganz gelingt. Auch Niedersachsen und Schleswig-Holstein stehen wirtschaftlich nicht ganz auf Augenhöhe mit Hessen, Baden-Württemberg und Bayern.
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