"Ich wollte den Krieg verhindern"

1. Juli 2004, 11:06 Uhr

So einfach und klar begründete der Schreiner Georg Elser seinen Attentatsversuch. Sein Anschlag auf den "Führer" am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller scheiterte. Auch andere wollten Hitler töten.

Briefmarke mit dem Motiv Georg Elsers: Im Alleingang wollte der schwäbische Bauernsohn die Nazi-Führung vernichten©

Sein Gerechtigkeitssinn war so stark ausgeprägt, dass er wegen Kleinigkeiten Streit anfing. Und Johann Georg Elser sah voraus, was viele 1938 nicht sahen: den Krieg. Im Alleingang wollte der schwäbische Bauernsohn die Nazi-Führung vernichten. Doch sein Attentat gegen Adolf Hitler scheiterte. "Ich habe den Krieg verhindern wollen", gab Elser später bei Verhören zu Protokoll. Kurz vor Kriegsende wurde der "Schorsch" aus dem württembergischen Königsbronn im Konzentrationslager Dachau ermordet. Am 4. Januar 2003 wäre Elser 100 Jahre alt geworden.

Elsers Bombe explodierte am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller in München. Wegen Nebels hatte Hitler allerdings nicht nach Berlin zurückfliegen können, sondern einen Sonderzug nehmen müssen und das Lokal bereits um 21.07 Uhr verlassen. Die Bombe explodierte dreizehn Minuten danach, riss eine Säule auseinander und ließ Decke und Galerie einstürzen. Wo Hitler gesprochen hatte, lagen meterhoch Trümmer. Acht Menschen starben, der "Führer" lebte.

Entzündete Knie als Verhängnis

Der Tüftler hatte die Bombe mit ungeheurer Ausdauer allein in der Säule im Bürgerbräukeller installiert. Nächtelang hatte er die tragende Säule ausgehöhlt und den Bauschutt in einer Aktentasche fortgeschafft. Seine entzündeten Knie, die er nach seiner Festnahme in Konstanz 15 Meter von der Schweizer Grenze entfernt vorzeigen musste, verrieten ihn: Der Täter, das stand fest, hatte kniend arbeiten müssen, da sich die Sprengstelle in der Säule dicht über dem Fußboden befand.

Der einfache Schreiner hatte seine Bombe schon elf Monate vor Kriegsbeginn geplant und allmählich Sprengstoff gesammelt. Dazu stahl er in einer Fabrik in Heidenheim, die auch für die Rüstung produzierte, rund 200 Pressstückchen Pulver. Von April 1939 an war er als Hilfsarbeiter in einem Steinbruch in seiner Heimatstadt Königsbronn tätig, dort besorgte er sich Dynamit.

Ruhm wurde Elser nie zuteil - nicht im Leben und nicht nach seinem Tod. Die Nazis nutzten das Attentat zur Propaganda gegen England, das sie hinter dem Anschlag vermuteten. Der "Völkische Beobachter" titelte wenige Tage nach der Tat: "Mit tiefer Genugtuung erfährt das deutsche Volk: Der Attentäter gefasst - Täter: Georg Elser - Auftraggeber: Britischer Geheimdienst". Gleichzeitig nutzten die Nazis die Tat, um den "Führer"-Kult zu untermauern. Hitler soll gesagt haben: "Es war Gott gewollt, dass mir nichts passierte."

Auch von anderer Seite wurde Elser Unrecht zuteil. Die Aussagen des Pastors Martin Niemöller sorgten dafür, dass die Hintergründe des Anschlags lange Zeit unklar blieben. Im Januar 1946 warf er Elser vor, den Anschlag aus Propagandagründen verübt zu haben: "In Sachsenhausen und Dachau habe ich zusammengesessen mit dem Mann, der 1939 das Attentat im Bürgerbräukeller auf Hitlers persönlichen Befehl durchzuführen hatte: dem SS-Unterscharführer Georg Elser."

Späte Anerkennung

Etwas Anerkennung für Elser, der möglicherweise um ein Haar die Geschichte verändert und Millionen von Menschenleben gerettet hätte, kam erst Ende der 60er Jahre. "1964 wurden die Vernehmungsprotokolle gefunden, 1969 wurden sie veröffentlicht. Erst dadurch wurden die Gedanken bekannt, die Elser zu seiner Tat veranlassten", sagt Joachim Ziller von der Gemeinde Königsbronn. Bis dahin hätten sich die von Niemöller in die Welt gesetzten Gerüchte gehalten. "Obwohl alle Königsbronner damals wussten, dass Elser nichts mit der SS zu tun hatte. Jeder wusste, dass er sich dem Hitlergruß verweigerte."

Auch Königsbronn tat sich lange Zeit schwer: Das Dorf war als "Attentatshofen" verschrien, berichtet Bürgermeister Michael Stütz (CDU). Dass ein Mitbürger auf den "Führer" ein Attentat verübte, galt als Schmach. In der Nachkriegszeit senkte sich über Georg Elser der Mantel des Schweigens. Erst 1990 entschloss sich der Gemeinderat, eine Gedenkstätte für Elser einzurichten. 1998 wurde sie eröffnet. Zum 100. Geburtstag erschien auch eine Elser-Briefmarke. Und eine Königsbronner Schule nennt sich seit Anfang 2003 Georg-Elser-Schule.

Attentatsversuche gegen Hitler Nur eine Minderheit hat es gewagt, aktiv gegen Hitler aufzubegehren. Es waren Einzelpersonen und Gruppen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kreisen: Kommunisten und Kirchenmänner, Gewerkschafter und Unternehmer, Sozialdemokraten, Studenten, Arbeiter und Adelige. Sie warfen Flugblätter, klebten Plakate, halfen Verfolgten. Einige wollten Hitler töten. Meist blieb es bei Plänen, doch einige Attentate scheiterten nur knapp. Hitler selbst sprach von "Vorsehung".

Dezember 1936: Der jüdische Student Helmut Hirsch will das Gebäude des Nürnberger Parteitagsgeländes in die Luft sprengen. Er wird am 4. Juni 1937 hingerichtet.
9. November 1938: Der Schweizer Missionsschüler Maurice Bavaud will Hitler in München erschießen. Doch er gelangt nicht in dessen Nähe. Man findet seine geladene Pistole. Bavaud wird am 14. Mai 1941 hingerichtet.
28. September 1938: Die Verschwörung der Wehrmachtsgeneräle scheitert.
8. November 1939: Im Münchner Bürgerbräukeller explodiert die selbst konstruierte Bombe des Schreiners Georg Elser. Acht Menschen sterben. Hitler überlebt nur, weil er den Saal wenige Minuten zuvor verlassen hat. Elser verbringt Jahre in Einzelhaft. Er wird am 9. April 1945 im KZ Dachau ermordet.
November 1939: Umsturzpläne der Heeresleitung werden aus Angst vor Hitler vernichtet.
1940-1942: In Paris erwägen deutsche Offiziere mehrmals, Hitler bei einem Besuch zu töten.
1943: Zwei Attentatsversuche von Offizieren in der Heeresgruppe Mitte um Henning von Tresckow scheitern knapp.
November 1943: Seit er Zeuge einer Massenerschießung von Juden geworden ist, will Hauptmann Axel Freiherr von dem Bussche Hitler töten. Er steht in Verbindung zu Stauffenberg. Während einer Ausstellungseröffnung will Bussche Hitler umklammern und sich gemeinsam mit ihm in die Luft sprengen. Doch die Ausstellung wird abgesagt.
Januar 1944: Nach einem Gespräch mit Stauffenberg sagt der Offizier Ewald Heinrich von Kleist zu, sich mit Hitler in die Luft zu sprengen. Doch es kommt nicht zu einem Treffen.
11. März 1944: Tresckow überzeugt den Ordonnanzoffizier Eberhard von Breitenbuch. Der erscheint mit entsicherter Pistole auf Hitlers Berghof. Doch an diesem Tag wird ihm der Zutritt zu Hitler verwehrt.
20. Juli 1944: Stauffenbergs Bombe explodiert. Hitler überlebt leicht verletzt.

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