HOME

Das bittere Ende

1968 war der Traum von einer anderen Welt. Weil die Revolution ausbleibt, erklärt eine Minderheit dem Staat den Krieg. Exklusiv bei stern.de: Joachim Fest in einem Originalbeitrag aus dem Jahr 1968 über den "Carbonaro Dutschke", "exzesse Redseligkeit" und "hoffnungslose Träumer".

Nach dem Sommer 1968 eskaliert die Gewalt zwischen Polizei und Demonstranten - wie hier am Rande der Frankfurter Buchmesse. Die Proteste richten sich gegen die Verleihung des Friedenspreises an den senegalesischen Machthaber Léopold Sédar Senghor. Die Studenten sind sich uneinig, wie der Kampf weitergeführt werden soll. Jetzt wird deutlich, dass die einzelnen Gruppen ganz unterschiedliche Interessen verfolgen. Die Apo kann längst nicht mehr so viele Menschen mobilisieren wie noch auf dem Höhepunkt der Bewegung im Frühjahr.

Hinter dem Landgericht am Tegeler Weg machen Gulaschsuppe, Bockwurst und Angst die Runde. Hundertschaften der Berliner Polizei warten hier auf ihren Einsatz. Morgens um zehn vor neun beginnt die Schlacht: "Nieder mit der Klassenjustiz", brüllen die Angreifer, als sie gegen die Absperrgitter am Spreeufer anrennen. Studenten sind unter den Demonstranten, aber auch Arbeiter und Rocker. Die meisten tragen Helme. Sie wollen nicht hinnehmen, dass ihrem Anwalt und Kampfgenossen Horst Mahler die Zulassung entzogen werden soll.

Von hinten fliegen Steine, Tausende. Sie regnen auf die Beamten, 130 werden verletzt. Ein Stoßtrupp der Revolution erobert ein Polizeifahrzeug. Rote Fahnen wehen. Ein paar Militante fangen an, Barrikaden zu bauen. Juhu, es lebe die Revolution! Christian Semler, SDS-Wortführer mit Che-Guevara-Bart, jubelt noch am Mittag dieses 4. November 1968: Eine "neue Ebene der Militanz" sei erreicht.

Die Studenten zerfleischen sich in endlosen Debatten

Tatsächlich: Nach dem Desaster nimmt die Berliner Polizei die altmodischen Tschakos vom Kopf und erhält neue Kampfmonturen. Die Studenten berauschen sich an ihrer vermeintlichen Stärke - und zerfleischen sich dann in endlosen Debatten über ihr Verhältnis zur Gewalt. Die vergleichsweise besonnenen Niels Kadritzke und Knut Nevermann wettern, es sei "irrsinnig", die Straßenschlacht als Teil des Klassenkampfes zu vermitteln. Ihr Genosse Jörg Huffschmid hält dagegen: Das habe man ein paar Monate zuvor vielleicht so sehen können, doch inzwischen habe es "strukturelle Wandlungen" gegeben. Die Massenbasis sei geschwunden, die Apo, die Außerparlamentarische Opposition, nunmehr eine andere. Die Party ist vorbei - auch wenn die letzten Gäste es nicht wahrhaben möchten. Wenn es einen Moment gibt, an dem jener Teil der Studentenbewegung endet, an den sich die Apo-Veteranen gern mit verklärtem Blick erinnern, dann ist es die "Schlacht am Tegeler Weg". "Danach konnte nur noch Bürgerkrieg kommen", analysiert der Chronist des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) Siegward Lönnendonker. Das war die Wende.

Und der Abschied. Der Abschied von der Illusion, dass alle für ein Ziel kämpfen, so vielfältig die Bewegung auch sein mag. Natürlich engagieren sich weiter junge Leute gegen verkrustete Unis und den Vietnamkrieg, gegen Spießer mit brauner Vergangenheit und für das Gute in der Welt. Aber nicht mehr alle gemeinsam. Ein Teil driftet ab in Gewalt, ein kleiner Teil gar in den Terror. Tausende suchen ihr Heil in sektiererischen kommunistischen Gruppen, die in den Folgejahren entstehen. Die meisten machen einfach Examen, nehmen Jobs an und versuchen, ein wenig anders zu leben als ihre Eltern. Fast vierzig Jahre später sitzt Ursula Seppel in einem Hamburger Café, spricht von der "ekstatischen Zeit" 1968 und davon, wie plötzlich alles vorbei war. "Das ging ruck, zuck." Der Keller des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im Grindel-Viertel verlor seine Anziehungskraft; selbst die anderen Frauen aus dem "Arbeitskreis Emanzipation" traf sie nur noch zufällig im Seminar. Aus Schwestern wurden Fremde. "Man kann nicht über Jahrzehnte solche Happening-Geschichten machen", sagt sie. "Das läuft sich tot." Mit "Happening-Geschichten" meint sie Aktionen wie die im Hamburger Amtsgericht, als sie und acht Kommilitoninnen sich die Blusen auszogen und mit nackten Brüsten ein Liedchen sangen. "Ihr haltet euch bei Tage an die Bibel", heißt es darin. "Und streichelt lüstern höchstens mal das BGB."

Die Fotos gehen um die Welt. "Das war Protest, Rebellion. Es war gut", sagt sie. Die 23-jährige Studentin hat damals das Gefühl, die Bewegung könne die Welt aus den Angeln heben. Die "Räterepublik", die sie herbeisehnt, erscheint ihr im Nachhinein als diffuser Traum von einer friedlichen und menschlichen Welt ohne Krieg und Ausbeutung. Nur wahr wird er nicht. Vielleicht war er nicht gemacht für die Wirklichkeit. Wenig später versucht Seppel in ihrer Kommune so zu leben, wie es das Proletariat tun sollte. Morgens früh um fünf klingelt der Wecker, dann gibt es Gymnastik, anschließend theoretische Schulung. Mao Tse-tung, dem Anführer der chinesischen Kulturrevolution, jubelt sie zu. Als der von der Bühne tritt, sucht sie neue Helden und neue Arbeiterparadiese. "Am Ende blieb für Maoisten wie uns nur Albanien", erinnert sie sich - also das Land, in dem bis 1985 der Steinzeitkommunist Enver Hodscha herrscht. Ungläubig fragt die Ex-Revolutionärin, die der maoistischen Splittergruppe KPD/ML anhing: "Können Sie sich das vorstellen?"

Heute ist ihr ihre K-Gruppen-Zeit peinlich. "Der neue Mensch ist da nicht entstanden", sagt sie. Die Genossen von 68 galten, sofern sie nicht in derselben gleichen Politsekte waren, "fast als Klassenfeind". Alles war falsch, noch nicht einmal Spaß gemacht habe es. Dabei hat Seppel noch Glück gehabt: Auf Veranstaltungen in Hamburg hat sie die Journalistin Ulrike Meinhof erlebt. Eine tolle Frau, fand sie. Als die RAF-Gründerin in den Untergrund ging, hat auch sie über den bewaffneten Kampf nachgedacht. "Ich habe mich mit dem Konzept auseinandergesetzt. Ich suchte nach einem konsequenten Weg." Ihrer führt erst einmal ins politische Abseits, aus dem sie sich nur mühsam und in einem lange währenden Prozess befreit. Eigentlich hat sie keine Lust, lange darüber zu reden - die KPD/ML hat sie schon Jahre ihres Lebens gekostet. Jetzt ist es gut.

Schmierer huldigte einst Pol Pot

Gern Auskunft gibt einer der früheren Frontleute der extremen Linken: Joscha Schmierer - der sich in den 70er Jahren noch Hans-Gerhart nannte und Erster Sekretär des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands war. Was die Verehrung für Schreckensregime angeht, übertrifft er Ursula Seppel sogar noch. Er fuhr einst nach Kambodscha, um dem Schlächter Pol Pot zu huldigen. Das klingt nach abgrundtiefer Dummheit. Aber dumm ist der ältere Herr mit dem grauen Haar wirklich nicht. In rot-grünen Zeiten diente er Joschka Fischer im Planungsstab des Auswärtigen Amtes als Berater.

Bei Schmierer, der einst im SDS-Bundesvorstand saß, hört sich die Geschichte vom Ende der Apo so an: Keinesfalls habe er das Gefühl gehabt, dass die Bewegung gescheitert sei. Im Gegenteil, sie habe neue Möglichkeiten eröffnet. Und greifbar sei die Notwendigkeit gewesen, sich zu organisieren. Wer das nicht versteht, der muss - in Schmierers Welt Anfang der 70er Jahre - dringend an seinem revolutionären Bewusstsein arbeiten. Zwar ging der Vietnamkrieg weiter, aber entschieden war er keineswegs. In Frankreich mochte wieder Ruhe herrschen - aber der Aufstand im Mai hatte gezeigt, wie fragil die Verhältnisse waren. Und die Notstandsgesetze, gegen die die 68er so erbittert wie vergebens gekämpft hatten? "Im Maßstab der Weltrevolution nur ein kleiner Dämpfer", sagt der Erste Sekretär a. D. und lächelt voller Selbstironie. "Für einen geübten Marxisten ist es doch kein Problem, sich vorzustellen, dass die Revolution vorübergehend wie ein Maulwurf wühlt und nicht so sichtbar ist."

Schmierer hat mittlerweile viel Distanz zu den späteren Jahren der Organisation. Aber für die erste Zeit nach 1968 bleibt für ihn logisch, dass die Revolutionäre nicht einfach zur Tagesordnung übergehen konnten, als die Bewegung zerfaserte. Denn: "Solange man glaubt, man hat was viel Besseres auf der Pfanne als den Kapitalismus, kann man das auch nicht in Phasen umschmeißen, wo es nicht so toll läuft."

Aber was macht man in diesen Phasen? Zur Knarre greifen? Schmierer sieht heute, dass am Ende der 68er-Bewegung vieles die Gefahr nährte, "dass man sich ineinander verbeißt", dass es zu einem Zweikampf zwischen dem Staat und bewaffneten Gruppen kommt. Der Ex-KBWMann, beileibe kein Pazifist, hielt das schon damals für falsch: "Reiner Terror und Wahnsinn".

Es ist eine kleine Minderheit, die in diesen Wahnsinn abgleitet. In Berlin entstehen die Tupamaros. Den Namen haben sie von einer Bewegung in Uruguay geliehen, genauso wie die Methoden. "Umherschweifende Haschrebellen" nennt sich eine andere Gruppe, die Randale mit fortgesetztem Kiffen verbindet. "High sein, frei sein - Terror muss dabei sein", ist eine der Parolen. Eine andere: "Pig is pig und pig muss putt." "Pig" - englisch für Schwein - ist dabei ein Mensch, nämlich ein Polizist. Da ist die Grenze zum Terror endgültig überschritten. Nichts ist mehr da von der Leichtigkeit der vorangegangenen zwei, drei Jahre. Bei vielen nimmt der Konsum von Drogen zu und die Reflexion über die Verhältnisse ab.

Die wilden Tage sind ein normaler Teil der Bundesrepublik

Dieses Abdriften eines Teils der Szene gehört ebenso wie die oft gepriesenen Veränderungen, die die 68er erreicht haben, zur ganzen Wahrheit über die Bewegung. Je länger die wilden Tage zurückliegen, desto weniger erscheint der Aufbruch als unvergleichliche Aufwallung der Jugend, sondern als normaler Teil der Geschichte der Bundesrepublik, in der eines aus dem anderen folgt.

"Mittlerweile ist es ja schwierig, die 68er als unabhängige Größe zu sehen", klagt Schmierer. "68 wird durch die Brille der RAF gesehen." Aber wäre denn die RAF ohne 68 denkbar? "Natürlich nicht", sagt der ehemalige SDS-Führer. "Aber es war ein parasitäres und erpresserisches Verhältnis. So war das Verhältnis der RAF zu 68 und dem SDS." Die bewaffneten Kämpfer hängen sich an die idealistischen Linken. Sie fordern Schlafplätze in Wohngemeinschaften, Rühreier mit Speck, Unterschriften unter Petitionen und gelegentlich mal einen Botendienst. Denn hatten nicht selbst die SDS-Helden einst zum Kampf aufgerufen? Tatsächlich verlangten Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl, die Köpfe des Verbandes, in ihrem berüchtigten "Organisationsreferat" von 1967: "Die ‚Propaganda der Schüsse‘ (Ché) in der ‚Dritten Welt‘ muss durch die ,Propaganda der Tat‘ in den Metropolen vervollständigt werden." Der "städtische Guerillero" solle die Zerstörung des Unterdrückungssystems organisieren.

Den RAF-Terror hat die Mehrheit abgelehnt

Einmal machte sich sogar Dutschke höchstselbst mit einer Bombe im Gepäck auf, um einen Sendemast des amerikanischen Soldatensenders AFN umzulegen. "Wir wollten auch praktisch dem US-Imperialismus schaden", erinnert sich der Exil-Iraner Bahman Nirumand, der damals mit Dutschke gemeinsam den Bombenplan fasste, der am Ende dann doch noch scheiterte. "Sachen" sollten attackiert werden, Menschen ausdrücklich nicht. Auch wenn die Unterscheidung in der Praxis wenig taugt, trennt sie die radikalen Studenten von den späteren RAF-Mördern. Deren Terror hat die ganz große Mehrheit abgelehnt, auch wenn die von den Etablierten so heftig eingeforderten Distanzierungen vor allem am Anfang schwerfielen.

Als 1968 in Frankfurt zwei Kaufhäuser kokeln - angesteckt von Andreas Baader und Komplizen -, sehen viele Genossen aus der Studentenbewegung darin noch eine Art Demonstration. Erst später wird klar, dass sich eine Gruppe von den anderen abgespalten hatte. In München etwa erlebt der Kommunarde Reinhard Wetter, wie sich die radikalisierten Mitstreiter von einst abkapseln: "Die haben aufgehört zu sprechen", sagt der Ex-Freund von Irmgard Möller, die 1977 als einzige RAFGefangene die Selbstmordnacht im Stammheimer Gefängnis überleben wird. Möller sei "ein liebes Mädchen gewesen, das gern mit den Aktivisten zusammen war".

Einmal, es muss Ende 1969 gewesen sein, hat er sie noch am Marienplatz getroffen. Sie hat plötzlich kurze Haare; im Untergrund darf man eben nicht auffallen. Er: "Wie siehst du denn aus?" Sie: "Man verändert sich halt." Mehr haben sie sich nicht zu sagen. Brigitte Mohnhaupt, die später die RAF-Anschläge von 1977 steuerte, lebt in der Endphase der 68er ebenfalls in München. Genosse Reinhard besucht sie in ihrer Wohngemeinschaft. Wetter will wissen, was werden soll aus dem Protest. Er hat gerade acht Monate im Knast verbracht und versteht die Zeit nicht mehr: "Was ist los, Brigitte?" Keine Antwort. "Die hockte da und hat nichts gesagt."

"Ihr spinnt!"

Thorwald Proll, einen der Kaufhausbrandstifter, trifft Wetter bei dem späteren RAF-Kader Rolf Pohle. Sie sprechen darüber, was nun passieren soll. Da steht Proll auf, tut so, als hätte er eine Maschinenpistole in der Hand, und macht: Ratatatata. Wetter sagt: "Ihr spinnt." Und geht. Dabei sah auch er sich zeitweise als Berufsrevolutionär. Ein Jahr zuvor, im Dezember 1968, kandidiert er für die Studentenvertretung. Ab mittags, so schreiben seine Wahlhelfer, stehe der Mann zur Verfügung: zur "Besichtigung-Berührung-Erotisierung". Reinhard Wetter sei der Retter. Seine Ziele lauteten: Chaos, Anarchie, Sexualbolschewismus und das absolute Nichts.

Drei Monate später sitzt der Retter im Knast; zu acht Monaten verurteilt wegen einiger Demonstrationsvergehen. Schnell verfliegt sein altes Pathos, wonach der Revolutionär auch mit der Repression fertig werden müsse und ein wenig Erfahrung da nicht schaden könne - Wetter ist nach ein paar Wochen fertig mit den Nerven. Die bayerische Justiz schiebt ihn ins Provinzgefängnis Ebrach ab. In einer Einzelzelle steckt er Speichen und Räder von Kinderwagen zusammen. Ab und zu bringt ihm ein Besucher Apfelsinen mit, die mit der Spritze erst leer gesaugt und dann - "Ein Tipp eines alten Kommunisten" - mit Schnaps gefüllt wurden. Er merkt nicht, dass sich vor seinem Gefängnis im Sommer 1969 eine der Schlüsselszenen der endenden Bewegung abspielt. Die Berliner Haschrebellen haben zum "Knast-Camp" in Ebrach aufgerufen. Der Bauer Noppenberger will ihnen erst eine Wiese zum Zelten vermieten, dann aber lieber doch nicht. Zu groß ist der Druck, sich nicht mit den Langhaarigen gemeinzumachen. "Aus Hygienegründen" erlässt der Landkreis neue Campingvorschriften. Alles soll getan werden, um die Aktion zu verhindern, die dann tatsächlich in Krawall und Haschischschwaden endet.

Dabei führen sich die braven Bürger nicht besser auf als die Revolutionäre. Die einen schmeißen Akten aus den Fenstern des Landratsamtes und urinieren - angeblich - in die Diensträume. Die anderen kontern mit bayerisch-deftigen Terrorparolen: "Euch werden wir es zeigen." Freundlich und voller Mitgefühl berichtet die Lokalzeitung über die Randale von rechts im Ort Füttersee, wohin sich die Apo-Leute zurückgezogen haben: "Die Bürger ließen sich jedoch diesen ungebetenen Zuzug nicht gefallen und zeigten auch keinerlei Interesse am Diskutieren. Sie schritten sofort zur Tat und prügelten die Demonstranten aus dem Ort."

Apo-Leute benähmen sich "wie Tiere"

In Ebrach ist unter anderem der Berliner Oberkommunarde Dieter Kunzelmann dabei, der mit ein paar Genossen von hier über Italien weiterzieht in den Nahen Osten, um sich militärisch ausbilden zu lassen. Auch spätere RAF-Leute kommen zum Solidaritätscamp für Wetter. CSU-Übervater Franz Josef Strauß, damals Finanzminister der Großen Koalition in Bonn, schreibt wiederum ein Telegramm an Ministerpräsident Alfons Goppel. Darin schimpft er, die Apo-Leute benähmen sich "wie Tiere, für welche die Anwendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist". Nach Deeskalation klingt auch das nicht.

Zehn Monate nach den wilden Tagen von Ebrach, am 14. Mai 1970, befreien Ulrike Meinhof und andere den Kaufhausbrandstifter Andreas Baader aus der Haft. Es ist das Gründungsdatum der RAF. In Bonn regiert da schon Willy Brandt. Seine sozial-liberale Koalition beschließt ein Gesetz, das eine Amnestie für die meisten Steinewerfer von 1968 bringt. Der überwiegende Teil der Bewegung wird in die Republik integriert, die hartleibigen K-Grüppler durch Berufsverbote aus dem öffentlichen Dienst verbannt und die RAF von einem ständig wachsenden Polizeiapparat gejagt.

Wegen des Radikalenerlasses darf Ursula Seppel nicht Lehrerin an einer staatlichen Schule werden. Heute ist sie darüber hinweg, aber es schwingt Wehmut mit, wenn sie sagt: "Ich hätte das gut gekonnt." Die Auseinandersetzungen der 70er Jahre haben bei ihr Wunden hinterlassen. Die der 60er Jahre nicht. Trotz allem, was danach kam, ist sie stolz darauf, gegen die Spießergesellschaft der Wirtschaftswunderzeit aufbegehrt zu haben: "Es stimmt schon, dass sich die meisten von uns schnell zurückgezogen haben. Nur konnten sie ein freieres Leben führen, als es zehn Jahre vorher möglich gewesen wäre."

Stefan Schmitz/print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools