Es ist Zeit für ein neues 68!

8. Januar 2008, 13:54 Uhr

Deutschland 2008: Löhne, von denen keiner leben kann, Kinder, die vor Hunger aus den Schulbänken kippen. Von den 68ern kann man lernen, dass sich alles ändern lässt. Eine Brandrede für einen neuen Aufbruch. Von Arno Luik

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Bei Kanzlers zu Hause: Als Kurt-Georg Kiesinger (M.) Kanzler wurde, war Deutschland ein Land voller Verbote und Ausrufezeichen©

Also gut, ich soll eine Brandrede halten auf die Errungenschaften der 68er. Die Errungenschaften der 68er? Angela Merkel. Ole von Beust. Klaus Wowereit. Guido Westerwelle. Ohne die 68er wären sie nicht an der Macht, nie und nimmer. Und sonst? Die Justiz und die Polizei sind heute besser gewappnet denn je gegen widerspenstige Bürger.

Man muss das Ganze doch mal nüchtern sehen, die 68er und die Zeit danach, jenseits von all dem feuilletonistischen Ballyhoo, das behauptet, die 68er seien so ziemlich an allem schuld: dem Wertezerfall. Der Klimaerwärmung. Der Erziehungskrise. Der hohen Scheidungsrate. Der niedrigen Geburtenrate. Den Kirchenaustritten und so weiter und so fort. Zu viel der Ehre.

Denn: Wer, verdammt noch mal, ist eigentlich an der Macht seit 1968? In der Wirtschaft? Wer stellte denn die Kanzler all die Jahre? Wie hießen sie? KiesingerBrandtSchmidtKohlSchröderMerkel, oder hießen sie, sagen wir mal, Dutschke- KunzelmannTeufelEbermannDitfurth? Nein, gemessen am eigenen Anspruch ("Schafft zwei, drei, viele Vietnams") haben die 68er fast nur Niederlagen errungen. Auf jeden Fall dort, wo es wirklich um die Macht geht, nicht bloß um Spielereien. In der Wirtschaft. In der Politik. Beim Militär.

Auslandseinsätze der Bundeswehr werden heute von den Grünen abgenickt

Heute wird Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt - und die Grünen, die sich ja - irgendwie - als politische Erben der 68er empfinden, nicken die Auslandseinsätze der Bundeswehr ab, ohne rot zu werden, ohne sich zu schämen. Die 68er wären gegen "diese imperialistisch-kolonialistischen Kriege" auf die Straße gegangen, sie hätten protestiert, randaliert, sie hätten Kasernen belagert, Munitionsfabriken besetzt, Truppentransporte behindert.

Heute verlangt Innenminister Wolfgang Schäuble, freundlich aus dem Fernseher lächelnd mit kalten Augen, aber sanftem badischem Dialekt, Fingerabdrücke in den Pässen, Schnüffeleien in Computern, er möchte den Abschuss von entführten Passagierflugzeugen - und niemand randaliert gegen diesen staatlichen Wahn. Heute gibt es Löhne im Land, von denen man nicht leben kann, in manchen Klassen kippen Schüler, Kinder von Hartz-IV-Eltern, vor Hunger aus den Bänken - und es gibt keinen Aufschrei gegen diese Schande.

Sehen so Siege aus? Nein, die 68er haben wenig erreicht, erbärmlich wenig. Sie wollten ja nicht nur ein paar Brosamen, nein, sie wollten den ganzen Kuchen. Es ging nicht um die Oberstufenreform, um Reformuniversitäten, es ging nicht um Mitbestimmung in den Betrieben, nicht um Gewinnbeteiligungen - es ging um alles. Die Revolution ist machbar, Herr Nachbar - so hieß es. Ich erinnere mich an Diskussionen, in denen - ernsthaft - gefragt wurde: Was machen wir nach der Revolution aus den Trutzburgen der Burschenschaften über Tübingen? Erholungsheime für Arbeiterkinder? "There Is A New World Coming", sang Nina Simone. Wie das Neue aussehen sollte, darüber machte man sich wenig Gedanken. Das Alte musste weg - das war klar.

"Bei meinem Freund hing in der Küche eine Lederpeitsche"

Für die Nachgeborenen, die sich die Atmosphäre jener Jahre nicht vorstellen können, nicht mal ansatzweise: Die Bundesrepublik Deutschland war damals ein Land voller Verbote, ein Land voller Ausrufezeichen und Gebrüll, eine Art wilhelminischer Obrigkeitsstaat, und im Radio kam, ab 1970 etwa, täglich eine Stunde Rockmusik. Mach die Negermusik leiser! Mach sie aus! Schneid die Haare! Putz die Straße! Putz deine Schuhe! Sitz gerade! Sei nicht so frech!

Meine Schwester musste ihrem Lehrer den Rücken kratzen, weil er zu dick war, um das selbst zu tun. Bei meinem besten Freund hing zu Hause in der Küche eine neunschwänzige Lederpeitsche. Ständig drohten Strafen, und es war normal, dass jede Autoritätsperson zuschlagen durfte: die Eltern, die Lehrer, die Pfarrer, auch die Nachbarn.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 02/2008

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KOMMENTARE (10 von 44)
 
AST61 (11.01.2008, 22:39 Uhr)
68
68er hin oder her...die oben ziehen uns aus bis aufs Hemd, kassieren immer dickere Diäten.
Um von wirklichen Problemen abzulenken, reisen sie überall in der Welt herum,erteilen Eckkneipenwirten Konkurs durch an dieser Stelle wirklichkeitsfremden Verboten und erzählen UNS, sie wollten nur unser Bestes.
Meine Meinung: Da der Deutsche nun mal so ist, wie er ist, anscheinend mit Zipfelmütze und Gartenzwerg geboren wird, wäre es vielleicht mal einen klitzekleinen Gedanken wert, anstatt SAT1 zu glotzen, mal wieder wählen zu gehen, oder?
fraumann (10.01.2008, 18:58 Uhr)
Unglaublich
Die ewig Vorgestrigen, die der ach so schönen heilen Welt vor 1968 nachtrauern sollten sich mal informieren. Arbeit für die Frau? Nur wenn der Mann sein ok gab. Eigenes Konto? Für die Frau reicht das knapp bemessene Haushaltsgeld. Die meisten Frauen wussten noch nicht einmal, wie viel ihr Ehemann verdiente.
Ein Mädchen wurde vergewaltigt? Sicher hat sie irgendwas getan...
Als ich 1958 in einer Hose in der Schule erschien, hat mich der Mathe-Lehrer angebrüllt, ich sei eine Hure. Mein Bruder wurde in der Schule oft von seinem Turnlehrer mit einem Stock geschlagen, sein Rücken war ganz wund. Der Grund: Er war unsportlich und so etwas konnte bei einem deutschen Knaben nicht geduldet werden!!! Ich könnte ein Buch darüber schreiben.
Ja, ja, die schöne heile Welt vor diesen Revoluzzern; ich glaub es nicht...
maleku (10.01.2008, 17:48 Uhr)
Nur die Revolution
Wir haben vor allem eines gewollt, und das richtig: die Revolution. Es war schon immer das Vorrecht der Jugend, neues zu verlangen und nicht etwa, wie die alten Knacker, neue Wege aufzuzeichnen, so als sei es eine gueltige Weltordnung, dass nur jener das Recht auf Protest und Revolution hat, der zugleich ausgearbeitete Papiere vorlegen kann. Eine typisch deutsche buerokratisch verkopfte Denkweise.
Das ist ein kleiner aber bedeutender Unterschied, den hier die Jugendhasser nicht erkennen koennen.
Wer dieser Vorrecht bekaempft oder gar mit Hasstiraden belegt, wie es ja hier einige tun, der bekaempft seine eigene Jugend, die er nie gehabt hat. Es gibt genuegend Beispiele (Dipfchen etwa) von "Jugendlichen" die schon als Jugendliche alte Greise waren. Im Handeln und Denken. Schauderhaft.
Insofern haben wir, die 68er, frischen Wind reingebracht. Und zwar auf der ganzen "westlichen" Welt. Ob in Deutschland, USA, Mexiko, Japan, Costa Rica, Brasilien, oder (Ansatzweise) in der DDR war. "Die neuen Leiden des jungen W." entstand nicht im freien Raum.
All diese verklemmten Charaktermasken, die Angst vor Leben und Freiheit hatten und haben, und heute jegliche Freiheit, die die 68er erkaempft haben, als Satanische Werke schaudernd betrachten, sehen in der 68er Bewegung nichs als eine Gefahr fuer ihr dumpfes, angstvolles dahinleben, das nur Sicherheit sucht und nicht mehr weiss, was das heisst: Freiheit!Leben!
Es ist auch voellig egal ob wir Fehler gemacht haben oder nicht, weil es keine Menschliche Entscheidungen ohen Fehler gibt. Es geht darum, dass wir wenigstens noch politisiert waren und und unsere Sehnsucht nach einer besseren Welt Ausdruck verliehen, einer Welt ohne Krieg und Hass und Militaer und Kapital, das ueber Leichen geht.
Und der jammervolle Rest, der so zitternd klagt: Nie wieder 68; der klagt ueber Seine eigene verlorene Zeit und Jugend.
Maleku.
ganzbaf (09.01.2008, 22:46 Uhr)
Seine Ideale zu opfern...
ist die schlimmste Form des Selbstmordes.
.
Ohne "68" würden heute noch in Bayern die Hexen verbrannt... ;-Pp
.
Eine neue "Revolutiuon"??
Nur wenn es eine neue Bewußtwerdung geben sollte. Faktisch ging es noch nie so vielen Bundesbürgern so schlecht, wie heute. Potenzial wäre mithin vorhanden. Es braucht aber noch ein paar "Initialzündungen", schaun wir mal... (~;
tricky_dude (09.01.2008, 22:40 Uhr)
Oh Gott!
Bitte keine 68er mehr!! Ich habs im Kindergarten erlebt, in der Grundschule, alle jungen Lehrer waren plötzlich Revulotionäre. Wir durften plötzlich alles und haben nichts mehr gelernt. Und was noch schlimmer wahr: jeder Aushilfslehrer war plötzlich auch noch Psychologe, der genau wußte wann wir verhaltensgestört, angeblich mißbraucht und überfordert waren.
Tut das den heutigen Kindern bitte nicht mehr an!!
Medley (09.01.2008, 22:12 Uhr)
Die 68ziger wollten vorallem eins...
...nämlich die damaligen "Herrschenden" und ihre Gegebenheiten wegzuräumen, um selber Karriere zu machen zu können! Mit Selbstlosigkeit und Träumen von einer besseren Welt hatte das nicht zu tun. Mit nackten Ellebogenegoismus allerdings schon viel mehr. Die 68ziger Studenten waren nämlich das, was der Spiegel in seiner neusten Ausgabe so treffend als "Youth Bulge", bzw. als Jugendüberschuß beschrieben hat, die mit frustrieter Zornesröte einen Platz in derGesellschaft einforderten. Das ist die Realität! Der Heiligenschein der Apo-Opas war und ist nämlich ganz-und-gar nicht nicht heilig, sondern nur eine runde Leuchtstoffröhre mit Batteriebetrieb. Sonst nichts. Zudem sind sie bei weitem an vielmehr in Deutschland "schuld", als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Dadurch, dass die Studenten von damals nach-und-nach durch die bundesrepublikanischen"Institutionen"maschierten", so tragen sie deshalb auch zwangsläufig eine (Mit-)Verantwortung für die Folgen, die sie als akademische Funktionseliten in unserem Land zu Guten, aber auch zum Schlechten (mit-)verursacht haben.
Und ansonsten: Heutzutage haben wir wiederum ein Land voller Ausrufezeichen; -Diese nennen sich diesmal, "Political Correctness" und gegen die Obrigkeitsstaatlichkeit haben die Linken auch nur etwas, wenn der Staat von Konservativen regiert wird. Wird, bzw. wurde er hingegen von Linken geführt, so lies man ihn unteranderem mit einem fröhlichen "Ho, Ho, Ho Schi Min" ho..ho..hochleben, gell?!
Wird es ein neues 68zig geben? Definitiv nein! Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern liegt bei ca. 5% und soziale Schranken und Hürden, die eine Karriere begabter Hochschulabsolventen verhindern könnte, sind,- ja- dank der ollen 68ziger, in den letzten 40 Jahren weitgegendst abgebaut worden. Also, warum sollten die Studenten, die aktuell ja zu ca. 90% aus der Mittel- und Oberschicht kommen, dann ansonsten "Revolution" machen wollen? Vielleicht wegen der "hungernden" Harz4-ler aus der Unterschicht, deren Interessensituation sie als zukünftige Besserverdiener garnicht tangiert? Doch wohl kaum?! Schließlich hätten sie ja nichts davon, oder?
---
senf-dazu-geben (09.01.2008, 21:05 Uhr)
Gut geschriebener Artikel, Hut ab.
Leider ist vielen aus meiner Generation überhaupt nicht mehr bewusst, wie viele der Dinge, die uns heute als selbstverständliche Errungenschaften erscheinen, durch die Ereignisse Ende der 60er Jahre errungen wurden (Leben in WGs, demokratische Mitverwaltung der Unis, Akzeptanz von Kriegsdienstverweigerung, ...). Das sollte wohl häufiger publiziert werden... viele, die heute nach den "alten Werten" rufen, würden sich wundern, wie staubtrocken das Leben in den 50ern und 60ern sein konnte. Das gilt wohl sowohl für die BRD als auch die DDR.
atride (09.01.2008, 20:53 Uhr)
...und (ess)manieren
haben die 68er auch abgeschafft.
Dagnir (09.01.2008, 20:52 Uhr)
68.2?
ich bin der meinung, dass ein neues 68 heute keine chance hätte.
was passiert denn heute auf demonstrationen gegen repression oder für freiräume? als politisch andersdenkender wird man gegängelt bis zum geht nicht mehr. telefonate werde abgehört, die post überwacht, die wohnungen durchsucht, ach und berufsverbote wie 33 sind heute nicht selten (aber leider ziemlich unbekannt, dank unseren ach so unabhängigen medien)
zudem haben wir bundeswehreinsatz im inland, oder waren die tornados überm camp redelich zivil? oder die (ich glaube "fuchs-" heißen die)spührpanzer im osten von gipfel der g8 auch vom ordnungsamt? ich weiß es nicht. der rest von der bevölkerung natürlich auch nicht. in den medien hat man ja mehr von der bösen 5 fingertaktik der radikalen demonstranten gelesen, als von solchen dingen!
ein 68 wäre heute verloren, es wäre schon vorbei bevor es richtig angefangen hat. denn was wäre damals passiert wenn dutschke und co. von anfang im knast gesessen wären!
was wir brauchen ist was anderes, was auf unsere heutige situation angepasst ist! meiner meinung nach ist das nicht der "systemwechsel". für mich hat jedes sogenannte system versagt. aber eins muss ich ehrlich zugeben, etwas an - archistische graswurzelideologie würde uns gut tun
JoDo (09.01.2008, 20:34 Uhr)
Genial !!!!
Pflichtlektüre für jeden im Bundestag, meiner Stimme dürfen Sie eben so wie Ihren Idealen nachtrauern!
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