Deutschland 2008: Löhne, von denen keiner leben kann, Kinder, die vor Hunger aus den Schulbänken kippen. Von den 68ern kann man lernen, dass sich alles ändern lässt. Eine Brandrede für einen neuen Aufbruch. Von Arno Luik

Bei Kanzlers zu Hause: Als Kurt-Georg Kiesinger (M.) Kanzler wurde, war Deutschland ein Land voller Verbote und Ausrufezeichen© Picture-Alliance
Also gut, ich soll eine Brandrede halten auf die Errungenschaften der 68er. Die Errungenschaften der 68er? Angela Merkel. Ole von Beust. Klaus Wowereit. Guido Westerwelle. Ohne die 68er wären sie nicht an der Macht, nie und nimmer. Und sonst? Die Justiz und die Polizei sind heute besser gewappnet denn je gegen widerspenstige Bürger.
Man muss das Ganze doch mal nüchtern sehen, die 68er und die Zeit danach, jenseits von all dem feuilletonistischen Ballyhoo, das behauptet, die 68er seien so ziemlich an allem schuld: dem Wertezerfall. Der Klimaerwärmung. Der Erziehungskrise. Der hohen Scheidungsrate. Der niedrigen Geburtenrate. Den Kirchenaustritten und so weiter und so fort. Zu viel der Ehre.
Denn: Wer, verdammt noch mal, ist eigentlich an der Macht seit 1968? In der Wirtschaft? Wer stellte denn die Kanzler all die Jahre? Wie hießen sie? KiesingerBrandtSchmidtKohlSchröderMerkel, oder hießen sie, sagen wir mal, Dutschke- KunzelmannTeufelEbermannDitfurth? Nein, gemessen am eigenen Anspruch ("Schafft zwei, drei, viele Vietnams") haben die 68er fast nur Niederlagen errungen. Auf jeden Fall dort, wo es wirklich um die Macht geht, nicht bloß um Spielereien. In der Wirtschaft. In der Politik. Beim Militär.
Heute wird Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt - und die Grünen, die sich ja - irgendwie - als politische Erben der 68er empfinden, nicken die Auslandseinsätze der Bundeswehr ab, ohne rot zu werden, ohne sich zu schämen. Die 68er wären gegen "diese imperialistisch-kolonialistischen Kriege" auf die Straße gegangen, sie hätten protestiert, randaliert, sie hätten Kasernen belagert, Munitionsfabriken besetzt, Truppentransporte behindert.
Heute verlangt Innenminister Wolfgang Schäuble, freundlich aus dem Fernseher lächelnd mit kalten Augen, aber sanftem badischem Dialekt, Fingerabdrücke in den Pässen, Schnüffeleien in Computern, er möchte den Abschuss von entführten Passagierflugzeugen - und niemand randaliert gegen diesen staatlichen Wahn. Heute gibt es Löhne im Land, von denen man nicht leben kann, in manchen Klassen kippen Schüler, Kinder von Hartz-IV-Eltern, vor Hunger aus den Bänken - und es gibt keinen Aufschrei gegen diese Schande.
Sehen so Siege aus? Nein, die 68er haben wenig erreicht, erbärmlich wenig. Sie wollten ja nicht nur ein paar Brosamen, nein, sie wollten den ganzen Kuchen. Es ging nicht um die Oberstufenreform, um Reformuniversitäten, es ging nicht um Mitbestimmung in den Betrieben, nicht um Gewinnbeteiligungen - es ging um alles. Die Revolution ist machbar, Herr Nachbar - so hieß es. Ich erinnere mich an Diskussionen, in denen - ernsthaft - gefragt wurde: Was machen wir nach der Revolution aus den Trutzburgen der Burschenschaften über Tübingen? Erholungsheime für Arbeiterkinder? "There Is A New World Coming", sang Nina Simone. Wie das Neue aussehen sollte, darüber machte man sich wenig Gedanken. Das Alte musste weg - das war klar.
Für die Nachgeborenen, die sich die Atmosphäre jener Jahre nicht vorstellen können, nicht mal ansatzweise: Die Bundesrepublik Deutschland war damals ein Land voller Verbote, ein Land voller Ausrufezeichen und Gebrüll, eine Art wilhelminischer Obrigkeitsstaat, und im Radio kam, ab 1970 etwa, täglich eine Stunde Rockmusik. Mach die Negermusik leiser! Mach sie aus! Schneid die Haare! Putz die Straße! Putz deine Schuhe! Sitz gerade! Sei nicht so frech!
Meine Schwester musste ihrem Lehrer den Rücken kratzen, weil er zu dick war, um das selbst zu tun. Bei meinem besten Freund hing zu Hause in der Küche eine neunschwänzige Lederpeitsche. Ständig drohten Strafen, und es war normal, dass jede Autoritätsperson zuschlagen durfte: die Eltern, die Lehrer, die Pfarrer, auch die Nachbarn.
Übernommen aus ...
Ausgabe 02/2008