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5. Dezember 2007, 18:41 Uhr

Flegeljahre verwöhnter Wohlstandskinder

Ihr 68er wolltet revoltieren? Ihr habt doch nur Türen eingerannt, die längst offen standen! Ihr 68er wolltet die Vergangenheit bewältigen? Was ist mit Eurer eigenen selbtsverliebten Haltlosigkeit? Hört endlich auf mit Euren falschen Heldengeschichten. Eine Abrechnung von Tilman Gerwien

Da hopsen sie gerade nicht, aber so riskant wird die Teilnahme an dieser Demo in Berlin 1968 nicht gewesen sein© Giehr/Picture-Alliance

Entschuldigung, darf ich hier überhaupt mitreden? Es geht doch um 68, um Dutschke und Cohn-Bendit, Kommune 1 und die schöne Uschi O. - und ich bin ja nur Jahrgang 64, in Euren Augen also viiieeel zu jung. Ich kann, das höre ich immer wieder, alles gar nicht richtig nachvollziehen.

Das trifft sich gut, denn da sind wir schon bei der ersten Merkwürdigkeit: Keine Generation hat über die eigenen Väter und Mütter mit solch gnadenloser Härte gerichtet wie Ihr. Ganz selbstverständlich habt Ihr das Recht beansprucht, den letzten kleinen Nazi-Mitläufer moralisch an die Wand zu nageln. Aber was Eure eigene Vergangenheit betrifft, verbittet Ihr Euch jede Einmischung: Nur 68er dürfen über 68er schreiben, reden, diskutieren. Jüngere haben zu huldigen - oder zu schweigen. Vergangenheitsbewältigung? Gibt es für Euch nur als Begeisterung für Euch selbst.

Mit glänzenden Augen sitzt Ihr in Talk-Shows und TV-Dokus und plappert von Eurer Revolte, lasst Euch als zweite Staatsgründer feiern, die Adenauers Mief weggepustet haben. Ich kann das tatsächlich nicht richtig nachvollziehen. Denn als 64er habe ich Euch früh kennen gelernt: in Gestalt des duzenden Oberstufenlehrers.

Abstoßende Mischung aus Macht und Harmoniesucht

Ihr wart damals mit Euren peinlichen Umhängetaschen auf dem Marsch durch die Institutionen, Schwerpunktfächer: Deutsch, Geschichte. Ihr kamt immer so angeschmiert. "Du, ich finde es nicht gut, dass Du Dich nicht mehr am Unterricht beteiligst." Was soll man da sagen? "Duzen Sie mich nicht! Oder haben wir schon mal zusammen an der Pissrinne gestanden?" Geht ja wohl schlecht. Und genau das wolltet Ihr: Widerspruch wegkuscheln. Macht haben - aber gemocht werden, was eine ziemlich abstoßende Mischung ist. In Eurem Fundus gibt es dafür einen schönen Ausdruck: Repressive Toleranz.

Zum Glück endete Euer Marsch oft im warmen Nest der Frühpension. Denn was konnte man lernen? Deutsche Geschichte ist Tätergeschichte, fängt 39 an und ist 45 zu Ende. Linker Trivialkitsch von Wallraff bis Böll ist hohe Literatur. Der 30-jährige Krieg? Der unerreichbar große Thomas Mann? Für Euch alles Fußnoten. Ganze Schülergenerationen habt Ihr betrogen.

Dann die Revolte - was für eine Revolte? Die große Bildungsexpansion begann schon in den frühen 60-ern. Miniröcke, Pille und Stones - alles war vor Euch da. Ihr habt Türen eingerannt, die längst offen standen. Ihr habt das Land durchlüftet? Mit den unsortierten Dutschke-Traktaten, bei deren Lektüre Marx im Grab rotieren würde? Ihr habt das Land sexuell befreit? Mit den lächerlichen Nacktärschen der Kommune 1, in der - wie es sich gehört - nur das Alpha-Männchen die schöne Uschi O. begatten durfte? Kann es sein, dass Ihr Euer höchst durchschnittliches und gar nicht so abenteuerliches Leben nachträglich ein wenig veredeln wollt?

Denn viele haben es sich später in genau jenem Schweinesystem gemütlich gemacht, das sie zuvor mit Verachtung gestraft hatten: als Uni-Dozent, Akademieleiter, Gleichstellungsbeauftragte. Schöne Jobs - und schön langweilig. Nein, Eure Abenteuer waren keine; sie waren Flegeljahre verwöhnter Wohlstandskinder - und so billig zu haben in einer Zeit von Vollbeschäftigung und fetten Renten.

Zuneigung zu fernen Diktatoren

Hört also endlich auf mit Euren falschen Heldengeschichten! Ja, es gab die Schüsse auf Ohnesorg und Dutschke - aber die meisten von Euch sind nur auf dem Kurfürstendamm zu Ho-Ho-Ho-Chi Minh! herumgehopst, was ja wohl so wahnsinnig riskant nicht war. Übrigens: Dass ein paar Kilometer weiter an der Berliner Mauer Menschen wie Hasen abgeknallt wurden, hat Eure sonst stets abrufbare Empörung komischerweise nie stimuliert. Nicht eine Träne war Euch das wert! Dafür war kaum ein ferner Diktator vor Zuneigung sicher: der tolle Fidel, Mao. Später sogar: Pol Pot.

Müsste man da nicht mal was aufarbeiten, um eins Eurer Lieblingswörter zu benutzen? Warum wurde der Brandbombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus 1969 von Ex-Mitgliedern der Kommune 1 verübt? Warum war es einer aus der Frankfurter Studentenbewegung, der Jahre später bei der Flugzeugentführung in Entebbe Pässe einsammelte und Geiseln selektierte: in Nichtjuden (freilassen) und Juden (festhalten)? Warum war Euer Antikapitalismus stets so merkwürdig antisemitisch durchsäuert? Woher kam die romantische Politikverachtung, die Hybris Eures Weltrettertums, der schneidende Ton des pietistischen Pfarrhauses in Euren Traktaten und Reden? Wart Ihr am Ende nicht doch - eine sehr deutsche Bewegung?

Man braucht die von Euch verachteten Sekundärtugenden

Genug Stoff also für genau jene Vergangenheitsbewältigung, die Ihr von anderen immer so rigoros eingefordert habt. Zu reden wäre dann auch über Eure selbstverliebte Halt- und Verantwortungslosigkeit, die Jahre später noch einmal aufblitzte - in der Sympathie für Oskar Lafontaines Attacke auf bürgerliche "Sekundärtugenden" wie "Pflichtgefühl und Standhaftigkeit", mit denen man "auch ein KZ betreiben" könne. Ich verrate Euch jetzt mal was: Man braucht diese Sekundärtugenden. Ja, man braucht Pflichtgefühl und Standhaftigkeit. Denn man kann damit auch etwas ganz Besonderes schaffen. Etwas, das Ihr mit Eurem Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!-Gehopse nie hingekriegt hättet: Man kann damit ein KZ befreien.

Lesen Sie mehr zu den 68ern ...

Lesen Sie mehr zu den 68ern ... ... in der großen stern-Serie über die Generation, die die Welt veränderte. Im aktuellen Teil: Elite? Nein danke! - wie an Universitäten, Schulen und Kinderläden an einem neuen Menschenbild gearbeitet wird.

Tilman Gerwien ist stern-Reporter im Berliner Büro
 
 
KOMMENTARE (10 von 23)
 
vondervogelwheyde (11.12.2007, 22:03 Uhr)
Damals wars....
Sicherlich ist der Artikel von Herrn Diekmann mit Polemik durchsetzt. Und ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass Herr Diekmann auf irgendwen sauer sein muss. Auf seine ehemaligen LehrerInnen? Vielleicht auf einen Alt68er, der jetzt sein Vorgesetzter ist? Für mich kann ich nur sagen, dass ich von der Begegnung mit den sogen. 68ern profitiert habe, auch wenn ich damals nicht alles verstanden habe.
Raknarak (11.12.2007, 11:12 Uhr)
ich finde der autor trifft es sehr gut...
...gemeckert wurde viel, aber erreicht wurde von ihnen nichts.
hört sich an wie eine diskusion zwischen ewig gestrigen (bisher habe ich diese nur als altnazis bezeichnet).
die zeit ist vorbei und sie wird auch nie, nie, nie wieder kommen!
das gelabere was 68´ger besser machen würden sollte sich in 40 jahren doch zu einem "gemacht haben" übergegangen sein. aber ausser weiterer aufplusterei ist nichts geschehen.
achja, nen tripper von uschi, und die pädophile philosophie in komunen, braucht heute auch kein mensch mehr...
detass (11.12.2007, 09:46 Uhr)
Das Denken ist falsch!
Es gibt keine Generation der 68 oder 80 oder wie auch immer. Es gibt Zeiten in denen Neues entsteht und Individuen die gewissen Prozessen mehr oder weniger folgen. Diese Gleichmacherei und Gruppeneinteilung hat es immer gegeben und ich hatte 1968 als Tischlerlehrling keinen leichten Stand mit langen Haaren und Blümchenhose, aber wenn ich mir ansehe was so ein Joschka angerichtet hat, als er was bewirken konnte, sehe ich nur bestätigt was ich sage. Menschen werden geprägt durch Eigenliebe, nicht durch Jahrgänge.
ganzbaf (07.12.2007, 09:48 Uhr)
Ok. Einer geht noch... ;-P
Na gut. Schauen wir halt noch mal genauer hin.
Wo sind denn die ganzen 68er in Top-Positionen in Wirtschaft und Politik? Hmm...(O;
Also dann: CDU/CSU/FDP = NULL 68er.
Weder heute noch früher irgendwas in der Richtung feststellbar.
Halt, Stopp: Heiner Geißler redet und denkt fast wie ein originaler 68er! Wenn auch mehr aus einer ehrlichen christlichen Überzeugung heraus. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, sehr löblich der Mann.
SPD? Na ja. Ein paar gewendete, ein paar Hinterbänkler, wenn überhaupt..
Der letzte „echte" 68er der SPD war Willy Brandt! (-: Und selbst der kam nicht aus der Bewegung, sonder war natürlich eher eine Art „Gesinnungs-68er"... Das allerdings sehr erfolgreich und überzeugend. Nie ging es Deutschland, nie ging es der Gesellschaft besser, wie unter seiner Regie als bekennender "demokratischer Sozialist".
Linkspartei? Lafontaine? Andere? Vielleicht schon. Aber niemand von der Linkspartei (oder PDS) war ja bisher in einer echten Top-Position.
Grün? Fischer, Trittin, Roth, Kühnsat = 68er?
Fischer wohl kaum. Vielleicht in seinen Anfängen ein bisschen, Trittin und die Roth schon ein bisschen mehr. Aber besonders überzeugend wirken sie in dieser „Funktion" heute auch nicht mehr.
Nichtsdestotrotz waren die Grünen als ausgewiesene „68er-Partei" gerade mal 7 Jahre als Juniorpartner von Atze Schröder, dem echt Ungefärbten, an der Regierung beteiligt. Das langt sicherlich kaum, um ihnen die Versäumnisse der letzten 35 Jahre vorzuhalten. Zumal solche „echten" 68er, wie Ströbele(!) oder Bärbel Höhn stets eine untergeordnete Rolle spielten.
Sonstige „68er" Angeordneten, Minister, Kanzlerr o.ä.?... Fehlanzeige.
Mithin haben wir bisher ca. anderthalb „68er" in wirklich prominenter politischer Position in Deutschland dingfest machen können. Darunter - als wichtigsten - den „68er Gesinnungs-Opa" Willy Brandt vor gut 35 Jahren!... ;-Pp
Das wars. Leider.
Aber die Idee des „demokratischen Sozialismus" und dem Ansatz, „mehr Demokratie wagen zu wollen" bleibt bestehen. Und dazu fordert uns unser Grundgesetz auch ausdrücklich auf.
Die Wirtschaftsnaivlinge der etablierten Parteien der letzten Jahrzehnte haben komplett versagt. Sie haben die Republik mitsamt Bevölkerung und ihren Idealen verraten und verkauft. Bleibt zu hoffen, dass es zu einer großen Allianz der linken, progressiven Kräfte in Deutschland kommt, um wieder mehr Gerechtigkeit, mehr Anstand, und eine umfassende Direktdemokratie in Deutschland einzuführen!
Heureka, meine lieben Freundinnen und Freunde...;-D
ganzbaf (07.12.2007, 00:06 Uhr)
(M)Eine Abrechnung mit Tilman Gerwien
...und anderen Geistesgrößen... ;-)
ganzbaf (06.12.2007, 23:59 Uhr)
Ich meine,
...wer hat denn mit allen Mitteln das Verblöd-Fernsehen eingeführt? Die Abzocker-Eliten gefördert? Schon vor 20 Jahren zum permanenten Lohnverzicht aufgefordert? Die Verbrauchersteuern ständig erhöht? Gleichzeitig Unternehmer und Millionäre entlastet? An Schulen, Bildung, Sozialarbeit immer weiter gespart? Die Arbeit so dämlich verteilt, dass ein Teil sich kaputt arbeitet und seine Kinder nie sieht, der andere Teil ohne Job zu Hause sitzt, und sich gar keine Kinder leisten kann?...
Und wer hat die ausländischen Billigarbeiter ins Land geholt? Sie nie anständig integriert? Wer konnte und wollte sich nie durchsetzten? Gegen die Autoindustrie, oder die Ärzte, oder Lobbyisten aus Wirtschaft und Kapital? Weil man selbst von profitablen Neben- und Nachsorgejobs profitiert hat?...
Wer hat für Hungerlöhne und Hungerrenten in Deutschland gesorgt? Und dafür, dass es weder Chancengleichheit noch eine grundsätzlich halbwegs gerechte Einkommens-/Vermögensverteilung in Deutschland gibt? Etc. pp...?
Die 68er...! ;-PPpPpPppp
ganzbaf (06.12.2007, 18:50 Uhr)
"Wech, mit der 68ern...
aus leitenden Postionen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft! Jetzt sind wir dran, und wir sind besser!
Gruß..."
---
Ja. Schöne Grüße nach Schilda ;-P
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Seit Willy Brandt bestimmen rechte Konservennaive die Politik Deutschlands und haben uns edgültig in den Rang einer 1A Bananenrepublik gehievt.
Nichts war/ist so peinlich, wie das schlicht gestrickte Weltbild von Kohl/Schöder/Merkel, mit ihrem naiven Glauben an das bedingungslos Gute in der Wirtschaft und des Großkapitals.
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PS: "Ihr" seid schon lange dran. Viel zu lange...;-Pp
bR4iNST0RM (06.12.2007, 18:13 Uhr)
Lustig!
Es ist lustig zu lesen, wie die „68er“ anfangen zu quicken, wenn einer das ausspricht, was Phase ist. Ein Kommentator hat auch sofort auf „namentliche Beweise“ in der Politik gesetzt; was allerdings vergessen wurde: sicher, an der Spitze ist fast niemand der „68er-Gilde“, aber genügende in den „hinteren“ Reihen. Und diese dekadenten „anti-autoritären“ blockieren artig bis zum heutigen Tag die Politik. Und wie einer geschrieben hat: „Die alten weil sie immer noch sauer sind das die "68er" damals die tollen Frauen abschleppten…“, genau das lässt ja schon tief blicken!
Das sollten wir mal in aller Ruhe bei einer Runde Hagebuttentee ausdiskutieren! *lol*
atride (06.12.2007, 18:02 Uhr)
das einzige, was die 68er nach-
haltig hervorgebracht haben, ist doch die abschaffung von Tischmanieren. wenn diese "anti-autoritären" kinder essen, kann man doch nur wegrennen.
gehtdoch (06.12.2007, 17:57 Uhr)
Noch einer
Bringt doch bitte , mehr Berichte über das Wetter da hat auch jeder seine Meinung,und die Diskussion ist wenigstens Zeit nah sinnlos.
:-)
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