Bourgeoisie, Kommunismus, Orgasmustheorien: 1968 öffneten sich beinahe täglich neue Welten. stern-Auslandschef Peter Meroth war damals 17 Jahre alt und zieht zum Auftakt der neuen stern-Serie eine persönliche Bilanz. Teil II

Gingen mit ihrem Muff-Spruch in die Geschichte ein: Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer 1967 und 1997© DB
"Keine Experimente" lautete der Slogan, mit dem Adenauers CDU 1957 die absolute Mehrheit holte. Erhard ging noch einen Schritt weiter. Sein Konzept der "Formierten Gesellschaft", das den Interessengegensatz von Arbeitgebern und Arbeitnehmern überwinden wollte, versprach den Bürgern Wohlstand, wenn sie nur stillhielten im autoritären Staat. Dementsprechend dressierten sie ihre Kinder.
An den Schulen war noch die Prügelstrafe erlaubt. Ein Pfarrer aus Hildesheim, der für seine Schläge berüchtigt war, haute 1966 einem Schüler einen Haselnussstock auf den Kopf, bis das Holz zerbrach. Als die Mutter des Zehnjährigen Anzeige erstattete, drohte der Geistliche, die Taufe des Kindes, mit dem sie demnächst niederkommen würde, zu verweigern. Trotz aller Einsprüche durfte der Prügelpädagoge weiter unterrichten.
Als der stern berichtete, dass Lars, Sohn von Willy Brandt, bei der Verfilmung des Grass-Buchs "Katz und Maus" nackt mit einem Eisernen Kreuz am Hals auftritt, löste das eine Flut von Leserbriefen aus. "Ein Vater, welcher öffentlich bekennt, dass er es sich in seiner Position nicht leisten kann, seine Söhne zu kommandieren, gehört abgesetzt. Lars, diese Missgeburt an Frivolität, sollte man des Landes verweisen oder wenigstens sterilisieren", schrieb Hans Weber, ein Kaufmann aus Ulm.
In dem Wahn der Ordnung und Unterordnung, in dem Eltern Jeans verboten ("Zieh dir eine anständige Hose an"), Lehrer gegen Make-up vorgingen ("Malstunde ist erst morgen"), war es leicht, den Außenseiter zu geben. Es genügte, eine verwaschene "Levi's" zu tragen, dazu einen Parka, die Uniform der Kriegsgegner, und die Mähne wachsen zu lassen. Ein Mitschüler, gut zehn Jahre jünger, stets beste Noten, sagte mir später, seine Eltern und Großeltern hätten ihn gewarnt, nur ja nicht so zu werden wie ich (Danke, Charly, so haben wir uns das damals gewünscht).
Zu den Schwabinger Studentenkrawallen 1962 kam es, weil ein Pärchen barfuß zum Spiel zweier Gitarristen twistete. Aus dem Widerstand gegen die Festnahme der Straßenmusiker entwickelten sich stundenlange Schlachten, in deren Verlauf die Jugendlichen von der Polizei systematisch zusammengeschlagen wurden.
1964 verursachte der Film "Das Schweigen" mit drei Sexzenen, die -alles züchtig verhüllt - zusammen keine zwei Minuten dauern, einen im Bundestag diskutierten Skandal. Bis 1973 war noch der Kuppeleiparagraph in Kraft. Wer einem unverheirateten Paar Räume zur Verfügung stellte, dem drohte Gefängnis. Das galt auch für Eltern, die ihrer Tochter gestatteten, den Freund über Nacht mitzubringen. Vermieter ließen sich nicht nur den Trauschein vorlegen, sondern kontrollierten auch die Bettlaken. Und dann gingen die Frauen plötzlich ohne Büstenhalter. Überall regte sich Protest.
Manche hatten schon im Oktober 1964 den aufziehenden Sturm gespürt, als Hunderttausende in Rom Palmiro Togliatti zu Grabe trugen, den legendären Parteichef der italienischen Kommunisten. Für andere war das kalifornische Berkeley das Fanal, wo 6000 Studenten nach einem Redeverbot für den radikalen Bürgerrechtler Malcolm X im Dezember die Universität besetzten.
Die 68er bei stern.de Ab Donnerstag startet der stern die neue Serie "Die 68er - Wie eine Generation die Welt veränderte". In acht Teilen entwirft der stern das Porträt einer bewegenden Zeit: von Vietnam und Protest, von Autoritäten und Partys, von Rebellion und Befreiung.
stern.de und stern-shortlist begleiten die Serie mit Wissentests, Fotostrecken, Porträts, Interviews und shortlist-Listen. Auch Sie als Leser laden wir ein, daran teilzunehmen: Haben Sie die Zeit miterlebt? Dann schicken Sie uns Ihre Erlebnisse und Erinnerungen, Fotos und Videos. Schreiben Sie uns ihre Meinung zu der Zeit des Umbruchs.
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