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Wie Kennedy die Revolte auslöste

Fußpilz und Bildungsnotstand - Schuld daran sind die 68er. Sagen nicht nur konservative Geister. Doch diese Generation hat mehr erreicht, als ihre Kritiker glauben. stern-Auslandschef Peter Meroth war damals 17 Jahre alt und zieht zum Auftakt der neuen stern-Serie eine persönliche Bilanz. Teil I

Fußpilz, Kindermangel, Pornografie, Gewaltkriminalität, Dosenpfand - an allem sind die 68er schuld. "Ausdauer, Umgangsformen, Selbstbeherrschung - alles wurde als 'Unterdrückung' abgelehnt", stöhnte Edmund Stoiber jüngst bei seiner Abschiedsrede. Die 68er stünden für "Egozentrik, Mittelmaß und Faulheit", vor allem gehe "das Gutmenschentum auf ihre Kappe", wettert "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann. Der Politikwissenschaftler Franz Walter entwickelt gar den Vorwurf: "Ohne 68 wäre auch Kohl als Kanzler wahrscheinlich nur schwer möglich gewesen." Und CSU-Mann Markus Söder sagt: "Die APO-Opas und Alt-68er haben deutsche Tugenden verschmäht und das Land in eine geistige Krise geführt. Dadurch sind wir im internationalen Wettbewerb schlechter geworden. Das ist selbst im Fußball zu beobachten."

Kaum eine Diskussion ohne Blick zurück

Kaum eine Diskussion über die aktuellen Verhältnisse vergeht, ohne dass der Blick 40 Jahre zurück gerichtet wird. Inzwischen sind es seltener die Helden von einst, die ihre Taten rühmen, häufiger werfen jene die Zeitmaschine an, die noch einmal die alten Schlachten schlagen und die alte Ordnung retten wollen.

Sucht man nach Gründen für diesen manischen Hang zur Abrechnung, stößt man oft auf Kränkungen und verletzte Eitelkeit. Nicht dazu zu gehören zur Generation der verdammten Weltverbesserer, die falsche Lederjacke oder die falsche Meinung getragen zu haben, lässt den Diekmanns und den Westerwelles der Republik keine Ruhe. Sein Blatt sei kein Parallel-Universum, beschwört der "Bild"-Vorsteher die Leser im Vorwort zu seiner 68er-Schelte. "Auch ich greife wie selbstverständlich auf vieles zurück, was zumindest seit - nicht notwendig durch - Achtundsechzig zum Standard wurde. Ich bin, mag es auch viele verblüffen, oft selbst der 'Gutmensch', über den ich mich lustig mache." Und der FDP-Chef arbeit sich Interview für Interview an der Kränkung ab, dass er am Gymnasium zum Außenseiter wurde - in seinem Streben nach Höherem düpiert von "Kuschelpädagogen, die im Geduzt-Werden das Paradies der Egalität erblickten".

Da ist es wieder, das Klischee von den Alt-68igern, die im Öffentlichen Dienst durch die Flure schlurfen. Es wird immer wieder gern genommen, um den Linken einen Spiegel vorzuhalten. Sie wollten Revolutionäre sein, aber mit Pensionsberechtigung, höhnte Herbert Wehner, einst Fraktionsvorsitzender der SPD, über die Lehrer, Landschaftsplaner, Sozialpädagogen und anderen Sandalenträger. Doch genau besehen hat der Staat nach der Revolte die Diener bekommen, die er wollte. Die Aktivisten der Bewegung sperrte er mit dem Radikalenerlass aus, lieber eröffnete er den Mitläufern die Beamtenlaufbahn.

Für Tausende endete der Traum vom angstfreien, selbstbestimmten Arbeiten im Blues des Berufsverbots. Die aufmüpfigen Studenten galten als Kinder von Marx und Coca-Cola, als Salonsozialisten im Wohlstandsstaat. Tatsächlich riskierten sie mehr als alle Jahrgänge vor und nach ihnen in der jungen Bundesrepublik: Sie nahmen den Bruch mit der Familie in Kauf, setzten ihre Karriere aufs Spiel, tauschten die Sicherheit und die Geborgenheit ihres bürgerlichen Lebens ein gegen die Chance, ihre Fantasien auszuleben.

Manche legten ihre Adelstitel ab, wie Jutta Ditfurth, andere verzichteten auf Vermögen, wie der Bankierssohn Tom Koenigs, der sein Erbe dem Vietcong vermachte. Im Unterschied zu den 80er und 90er Jahren, als Szene-Köche die "Neue Deutsche Bescheidenheit" auf die Speisenkarte setzten (Kaviar unter Blattsalaten) und Zeitgeist-Autoren Stilfragen zu existenziellen Konflikten hochschrieben, ging es beim "in" oder "out" in den Jahren der Revolte wirklich um Existenzielles. Eintrag im Strafregister oder in den Akten der Verfassungsschützer, Rausschmiss aus dem Betrieb, Ausschluss aus der Gewerkschaft, Relegation von der Uni, Kündigung der WG-Wohnung.

Während sie im eigenen Land wie Aussätzige behandelt wurden, erlebten deutsche Jugendliche eine nie gekannte internationale Solidarität. 1968 ist die Chiffre für die erste weltumgreifende Protestbewegung. Von Ankara bis Zürich gingen die Studenten auf die Straße. In Paris und Prag, Berlin und Belgrad, Rom und Rio besetzten sie Universitäten, lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Auch im Senegal und in Uruguay erschallte der Ruf nach Frieden und Freiheit.

Die Legende will, dass dies eine neue sozialistische Internationale gewesen sei. Es findet sich einiges an Literatur, die belegt, dass sich der Protest in Deutschland aus der Kampagne gegen die Wiederaufrüstung und den Atomtod entwickelte, aus den Reihen der verbotenen Kommunistischen Partei oder anderen linken Widerstandsnestern. Doch viele klagten zunächst nur die Freiheit ein, die der Westen als hehres Ziel verkündete, den Bürgern aber verwehrte, wenn deren Forderungen nicht genehm waren. Kritik galt als systemverändernd.

Mit den Tod Kennedys begann die Aufwallung

So kam es, dass die Revolte, die später als Aufwallung des puren Anti-Amerikanismus erschien, ihren Ausgang ausgerechnet am 22. November 1963 hatte. Es war der Tag, an dem in Dallas der amerikanische Präsident John F. Kennedy erschossen wurde. Mit ihm starb der Versuch, die Staaten des Westens durch Erneuerung der politischen Klasse zu modernisieren. Ein Fackelzug zum Amerikahaus in Heidelberg zum Gedenken an JFK sei seine erste Demonstration gewesen, schreibt Joscha Schmierer, der spätere Chef des Kommunistischen Bundes Westdeutschland, einer der härtesten K-Gruppen. "Halb Achtundsechzig ging damals zum ersten Mal auf die Straße." Die Lage war ernst.

Lyndon B. Johnson, Kennedys Nachfolger, war 55. Konrad Adenauer war 87, einen Monat zuvor erst hatte er das Kanzleramt widerwillig dem "jungen" Ludwig Erhard überlassen, der war 66. Heinrich Lübke war 69, unser Bundespräsident, der mit peinlichen Sprüchen durch die Weltgeschichte taperte.

Es stimmt schon, Kennedy hatte den Invasionsversuch der USA in der kubanischen Schweinebucht zu verantworten, viel von seiner Jungenhaftigkeit war inszeniert, sein Stab hatte eigens Fotografen angeheuert, damit Aufnahmen entstanden wie jene vom kleinen John, der unterm Schreibtisch krabbelt, während sein Daddy oben lächelnd regiert. Es ging ums Image, doch allein schon dieses Wort war aufregend neu, wie überhaupt die ganze Welt, die sich dem staunenden Publikum offenbarte. Neben Kennedy, 46, sah selbst Brandt, 49, alt aus, als sie 1963 im offenen Wagen durch Berlin fuhren.

Was hatte Rut Brandt mit Jackie Kennedy gemein?

Willy Brandt hatte so viel mit JFK gemein wie Rut Brandt mit Jackie Kennedy oder Wibke Bruhns mit Marilyn Monroe. Der Regierende Bürgermeister der Frontstadt, seine kluge Frau oder die erste Nachrichten-Moderatorin im deutschen Fernsehen (das Gerücht von ihrer angeblichen Affäre mit Brandt beflügelte erst später die Fantasien) - sie verkörperten die Politik der kleinen Schritte. Und von der Macht in Bonn war Brandt noch meilenweit entfernt. Wir aber sehnten uns nach Aufbruch und Veränderung. Wir verlangten nach strahlenderen Helden, Ikonen der Neuzeit, die uns von den grauen Eminenzen befreien sollten. Das Wort Revolution hätte mich erschreckt; ich ahnte nicht, wie schnell sich das ändern würde.

Wir lebten am atomaren Abgrund. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte war die Menschheit in der Lage, sich komplett selbst zu vernichten. "Massive Retaliation", die Militärdoktrin der eisigsten Jahre, spukte noch in den Köpfen der Kalten Krieger. Jede Regung Moskaus sollte mit einem Vernichtungsschlag vergolten werden. Kennedy hatte nur mit Mühe eine neue Strategie durchsetzen können.

"Eve of Destruction" war der Protestsong des Jahres 1965. Ein Lied wie Donnergrollen, gegen Vietnamkrieg, Atomrüstung, Rassentrennung und die Heuchelei der christlichen Mittelschicht. Es gab intelligentere, politischere Texte und schönere Melodien im neu entstandenen Genre der rebellischen Balladen. Aber Barry McGuires Hit traf mit dumpfem Pathos das Gefühl, in einer Endzeitstimmung zu leben.

Bildungsnotstand war das große Thema, eine Rezession erschütterte das deutsche Wirtschaftswunder. In Spanien herrschte der Faschist Franco, in Portugal das Salazar-Regime, in Griechenland putschte das Militär. Und in Bonn brütete die Große Koalition Notstandsgesetze aus: Einschränkung von Grundrechten, Einsatz der Bundeswehr im Innern. Die Nachrichten waren der reinste Horror.

Musik gab es kaum

Und Musik gab es kaum. Songs von John Mayall, den Beach Boys oder James Brown spielte die Landesrundfunkanstalt je eine Stunde am Dienstag und Sonntagabend und zwei Stunden am Mittwochnachmittag. Hin und wieder funkten ein paar Piratensender dazwischen, von Schiffen, die außerhalb der Hoheitsgewässer ankerten. Es war die Stunde von Radio Luxemburg. Der werbefinanzierte Sender, auf dem auch Heino und Heintje dudelten, schaffte die wundersame Verbindung von Protest und Kommerz und wurde für die deutschen Hörer zum Zentralorgan der Pop-Revolution. Da liefen die wahren Hits. Da stampfte "Satisfaction" aus dem Lautsprecher, bevor die Platte in Europa auf dem Markt war.

Egal, was Mick Jagger in den drei Strophen besang, man musste den Text nicht verstehen. Der hämmernde Beat drückte genau das Gefühl aus, das die Jugend jener Jahre verband. Wir begannen, voller Verachtung auf die Älteren zu blicken, die so tüchtig waren, aber auch so feige und selbstgerecht. Der Wiederaufbau der Nachkriegsjahre hatte die Menschen und die Gedanken fett gemacht.

Lesen Sie im Teil 2: Von den Schwabinger Studentenkrawallen 1962 über die Wahl zwischen SDS und SDH und einer gefühlten Revolte, deren Auswirkungen auch 40 Jahre später noch heiß diskutiert werden

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