Wie Kennedy die Revolte auslöste

14. November 2007, 15:01 Uhr

Fußpilz und Bildungsnotstand - Schuld daran sind die 68er. Sagen nicht nur konservative Geister. Doch diese Generation hat mehr erreicht, als ihre Kritiker glauben. stern-Auslandschef Peter Meroth war damals 17 Jahre alt und zieht zum Auftakt der neuen stern-Serie eine persönliche Bilanz. Teil I

21. Februar 1968, Rathaus Schöneberg, Berlin: 150.000 fordern Frieden und Freiheit©

Fußpilz, Kindermangel, Pornografie, Gewaltkriminalität, Dosenpfand - an allem sind die 68er schuld. "Ausdauer, Umgangsformen, Selbstbeherrschung - alles wurde als 'Unterdrückung' abgelehnt", stöhnte Edmund Stoiber jüngst bei seiner Abschiedsrede. Die 68er stünden für "Egozentrik, Mittelmaß und Faulheit", vor allem gehe "das Gutmenschentum auf ihre Kappe", wettert "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann. Der Politikwissenschaftler Franz Walter entwickelt gar den Vorwurf: "Ohne 68 wäre auch Kohl als Kanzler wahrscheinlich nur schwer möglich gewesen." Und CSU-Mann Markus Söder sagt: "Die APO-Opas und Alt-68er haben deutsche Tugenden verschmäht und das Land in eine geistige Krise geführt. Dadurch sind wir im internationalen Wettbewerb schlechter geworden. Das ist selbst im Fußball zu beobachten."

Kaum eine Diskussion ohne Blick zurück

Kaum eine Diskussion über die aktuellen Verhältnisse vergeht, ohne dass der Blick 40 Jahre zurück gerichtet wird. Inzwischen sind es seltener die Helden von einst, die ihre Taten rühmen, häufiger werfen jene die Zeitmaschine an, die noch einmal die alten Schlachten schlagen und die alte Ordnung retten wollen.

Sucht man nach Gründen für diesen manischen Hang zur Abrechnung, stößt man oft auf Kränkungen und verletzte Eitelkeit. Nicht dazu zu gehören zur Generation der verdammten Weltverbesserer, die falsche Lederjacke oder die falsche Meinung getragen zu haben, lässt den Diekmanns und den Westerwelles der Republik keine Ruhe. Sein Blatt sei kein Parallel-Universum, beschwört der "Bild"-Vorsteher die Leser im Vorwort zu seiner 68er-Schelte. "Auch ich greife wie selbstverständlich auf vieles zurück, was zumindest seit - nicht notwendig durch - Achtundsechzig zum Standard wurde. Ich bin, mag es auch viele verblüffen, oft selbst der 'Gutmensch', über den ich mich lustig mache." Und der FDP-Chef arbeit sich Interview für Interview an der Kränkung ab, dass er am Gymnasium zum Außenseiter wurde - in seinem Streben nach Höherem düpiert von "Kuschelpädagogen, die im Geduzt-Werden das Paradies der Egalität erblickten".

Da ist es wieder, das Klischee von den Alt-68igern, die im Öffentlichen Dienst durch die Flure schlurfen. Es wird immer wieder gern genommen, um den Linken einen Spiegel vorzuhalten. Sie wollten Revolutionäre sein, aber mit Pensionsberechtigung, höhnte Herbert Wehner, einst Fraktionsvorsitzender der SPD, über die Lehrer, Landschaftsplaner, Sozialpädagogen und anderen Sandalenträger. Doch genau besehen hat der Staat nach der Revolte die Diener bekommen, die er wollte. Die Aktivisten der Bewegung sperrte er mit dem Radikalenerlass aus, lieber eröffnete er den Mitläufern die Beamtenlaufbahn.

Die 68er bei stern.de

Die 68er bei stern.de Ab Donnerstag startet der stern die neue Serie "Die 68er - Wie eine Generation die Welt veränderte". In acht Teilen entwirft der stern das Porträt einer bewegenden Zeit: von Vietnam und Protest, von Autoritäten und Partys, von Rebellion und Befreiung.
stern.de und stern-shortlist begleiten die Serie mit Wissentests, Fotostrecken, Porträts, Interviews und shortlist-Listen. Auch Sie als Leser laden wir ein, daran teilzunehmen: Haben Sie die Zeit miterlebt? Dann schicken Sie uns Ihre Erlebnisse und Erinnerungen, Fotos und Videos. Schreiben Sie uns ihre Meinung zu der Zeit des Umbruchs.
an aktion@stern.de
stern.de wird Ihre Beiträge und Bilder sammeln und zum Abschluss veröffentlichen.

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KOMMENTARE (10 von 15)
 
mramorak (16.11.2007, 09:55 Uhr)
Heuler und Heuchler waren sie
Ja, als sie jung waren waren sie Heuler und Heuchler. Heute, nachdem sie durch die Institutionen zogen, sitzen sie auf allerlei hohen Stühlen und richten und regieren unser Land. Wo waren diese Heuler und Heuchler als die kommunistischen Truppen - auch deutsche - in die Tchechoslowakei eindrangen? Jetzt wird jeder, der nicht zu denen gehörte, als Faschist beschimpft. Wenn diese Heuler und Heuchler mit mir in einem Konzentrationslager und Zwangsarbeitslager, mehr als 9 Jahre, unter dem Kommunismus gewesen wärem, würden die heute auch nicht den Kommunismus loben. Ihr Schreiber war 17 als die linken Horden anfingen durch die deutschen Städte zu ziehen. Mit 17 war ich in einem kommunistischen Zwangsarbeitslager - schon das 7. Jahr. Vielzuviele Schreiber der deutschn Medien sind unerfahren und ungebildet - eingebildet ja!
waelder (15.11.2007, 04:08 Uhr)
68er - wer oder was ist das?
Bei der Demo am 11. Mai 1968 waren es 40,000; bei den Demos im Oktober 1981 und Juni 1982 war es rund 1,5 Millionen. Wenn nicht die Quantität, dann muß es die Qualität gewesen sein, die den historischen Unterschied bewirkte.
Das Hinterfragen von Amtsautorität ("ja, wenn es denn der Wahrheitsfindung dient..." Fritz Teufel) und das generelle Anzweifeln der Richtigkeit von Regierungs- und Verwaltungsentscheidungen, ohne die es keine Antiatombewegung und weitaus weniger andere Bürgerinitiativen gegeben hätte - das ist die Qualität. Die Erfahrung, dass man als Einzelner wichtige Bundesgesetzesänderungen anstoßen kann und nicht jede Eselei eines Schulleiters als gottgegeben hinnehmen muß, dass ist das, was ich daraus gelernt habe.
Ich bin Jahrgang 1945 und bin nicht nur von "1968" geprägt, sondern habe mitgemacht und manches bewirkt, auf das ich heute noch stolz bin (nicht nur, weil Leute wie Hilde Heinemann und Heinrich Böll uns Geld gaben. Das kam erst später.)
Und ich habe nie geglaubt, dass in Deutschland Faschisten an der Macht sind. Meiner Meinung nach ging es "den" Arbeitern in Deutschland so gut wie noch nie und sie wußten es. Meine Mahnung an die Randgruppenbewegung war, das es in Deutschland keine vor-revolutionäre Stimmung gäbe und dass das "System" sie, falls sie zur Waffe greifen würden, brutalst zerquetschen würde. Was es dann auch tat. Die Gruppe in Köln, die ich mitgegründet hatte, wurde erfolgreich aus dem Unsinn der RAF herausgehalten. Auch das ist etwas, worauf ich immer noch stolz bin.
Beruflich bin ich immer wieder an Wiederaufbau-Aktivitäten beteiligt (Uganda 1985-87, Philippinen 1998-99, Sierra Leone 2002-03, Liberia 2005-06, Aceh/Indonesien 2005 und 2007).
soderso (15.11.2007, 02:30 Uhr)
und trotzdem...
... haben wir ganz beachtliche fortschritte gemacht wie z. b. fritz teufels frage, ob aufstehen im gericht der gerechtigkeit diene? und haben hinterfragt, was nicht einsichtig war. und haben antworten erhalten, die nicht einsehbar waren. und haben weiter gebohrt bis auf den nerv der saturierten gesellschaft. das allein war's schon wert, falls es weiter existiert.
Dewerth (15.11.2007, 01:47 Uhr)
Ich bekenne mich schuldig....
für alle Fehler der aus der 68er -Generation resultierenden Zustände wie sie heute herrschen. Bei aller Liebe: Was sind eigentlich die Alt-68er? gibt es eigentlich auch Jung-68er? Sind wir Alt-68iger nicht auch Schuld an den Benzinpreisen? Wir superreichen angepassten
Alt-68er?
reinhard44 (14.11.2007, 23:48 Uhr)
Vietkong säuft Coca Cola
Na und.....Die Evolution schreitet voran. Heute stehen wir nicht mehr am atomaren sondern am ökologischen Abgrund.
Frieden und Freiheit wollen wir heute noch
Was wurde aber erreicht?und wer sind da eigentlich dieHelden?
Nordvietnam kassierte Tom Koenigs Erbe und der Vietkong säuft heute Anheuser und Coca Cola.
(Wer hat denn den Vietnamkrieg letztendlich gewonnen?)
Und Frau Dithfurth echauffiert sich völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit in..?..über was?
Der Artikel trieft von bräsig selbstgerechtem Pathos, ähnlich dem der Nachkriegsgeneration.
...........Übrigens ich war damals(1968) ca.25J
Nobilitatis (14.11.2007, 19:37 Uhr)
Mein Hut der hat 3 Ecken ...
Selbstbeweihräucherung ist das. Und da sucht man Kritik nun mal vergebens ...
"Es ist nicht alles schlecht gewesen ..." ;-)
LisaT (14.11.2007, 18:59 Uhr)
Gefasel ohne Substanz
Dieser Artikel ist reines Gefasel ohne Substanz: Man nehme ein paar Stichworte, werfe sie in einen Schüttelbecher, schüttle mal kurz und sehe, was rauspurzelt.
Und das arrogante Ende ("...voller Verachtung auf die Älteren zu blicken, ... feige und selbstgerecht...") eine Ohrfeige gegenüber der Nachkriegs-Generation.
Journalismus vom Billigsten!
Hannes73 (14.11.2007, 17:19 Uhr)
feige und fett ??
Der letzte Satz dieses Artikels lautet:
Wir begannen, voller Verachtung auf die Älteren zu blicken, die so tüchtig waren, aber auch so feige und selbstgerecht. Der Wiederaufbau der Nachkriegsjahre hatte die Menschen und die Gedanken fett gemacht.
Antwort darauf:
Wartet mal ab, mit welcher Verachtung die Jungen demnächst mal auf euch herabsehen werden. Es fängt ja jetzt schon an, wo die Reichen noch nie so reich waren wie heute und die Armen noch nie so arm. Und ihr 68er steht dabei kaum in den Reihen der Armen.
Und feige und fett? Da hat sich auch nichts zum Besseren getan. Zumindest das mit dem >fett<
ist ja sichtbar nicht besser geworden, das wird der Spiegel bestätigen, wenn so mache von
euch da mal reinschauen.
talkingkraut (14.11.2007, 16:43 Uhr)
68 durch 89 widerlegt
Immerhin gab es in der Bundesrepublik schon seit 20 Jahren einen demokratischen Rechtsstaat, da haben die 68er noch gegen Faschismus gekämpft, den sie überall witterten. Ihr Widerstand galt dem Faschismus tatsächlich lebten sie in einem Rechtsstaat. Da sind sie ja auch von verbrecherischen Zwangsregimen mit der Lüge versorgt worden, sie lebten in Wirklichkeit in einem Faschismus und übernahmen dabei noch die Ideologie verbrecherischer Zwangsstaaten, und eine Protestbewegung, die das macht, kann nur sch ... gewesen sein. Man sollte nicht so sehr nach den Errungenschaften der 68er fragen, sondern nach den Opfern ihrer verbrecherischen Ideologie. 89 ist für mich die Widerlegung der 68er, mit diesem Datum kamen auch die wenigsten von ihnen klar, dieses Datum zeigt die 68er doch allesamt als Kollaborateure von totalitären Herrschern.
ganzbaf (14.11.2007, 16:17 Uhr)
Das Establishment hat versagt...
...was immer offenkundiger wird. Nun sucht man einen Sündenbock, den alten Erzfeind: die 68er...!
Dabei haben nicht die die Politik der letzten 30 Jahre bestimmt, sondern so konservennaive Pappnasen wie "Saumagen" und McKinsey-Schröder... ;-D
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