Fußpilz und Bildungsnotstand - Schuld daran sind die 68er. Sagen nicht nur konservative Geister. Doch diese Generation hat mehr erreicht, als ihre Kritiker glauben. stern-Auslandschef Peter Meroth war damals 17 Jahre alt und zieht zum Auftakt der neuen stern-Serie eine persönliche Bilanz. Teil I

21. Februar 1968, Rathaus Schöneberg, Berlin: 150.000 fordern Frieden und Freiheit© Joachim Barfknecht
Fußpilz, Kindermangel, Pornografie, Gewaltkriminalität, Dosenpfand - an allem sind die 68er schuld. "Ausdauer, Umgangsformen, Selbstbeherrschung - alles wurde als 'Unterdrückung' abgelehnt", stöhnte Edmund Stoiber jüngst bei seiner Abschiedsrede. Die 68er stünden für "Egozentrik, Mittelmaß und Faulheit", vor allem gehe "das Gutmenschentum auf ihre Kappe", wettert "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann. Der Politikwissenschaftler Franz Walter entwickelt gar den Vorwurf: "Ohne 68 wäre auch Kohl als Kanzler wahrscheinlich nur schwer möglich gewesen." Und CSU-Mann Markus Söder sagt: "Die APO-Opas und Alt-68er haben deutsche Tugenden verschmäht und das Land in eine geistige Krise geführt. Dadurch sind wir im internationalen Wettbewerb schlechter geworden. Das ist selbst im Fußball zu beobachten."
Kaum eine Diskussion über die aktuellen Verhältnisse vergeht, ohne dass der Blick 40 Jahre zurück gerichtet wird. Inzwischen sind es seltener die Helden von einst, die ihre Taten rühmen, häufiger werfen jene die Zeitmaschine an, die noch einmal die alten Schlachten schlagen und die alte Ordnung retten wollen.
Sucht man nach Gründen für diesen manischen Hang zur Abrechnung, stößt man oft auf Kränkungen und verletzte Eitelkeit. Nicht dazu zu gehören zur Generation der verdammten Weltverbesserer, die falsche Lederjacke oder die falsche Meinung getragen zu haben, lässt den Diekmanns und den Westerwelles der Republik keine Ruhe. Sein Blatt sei kein Parallel-Universum, beschwört der "Bild"-Vorsteher die Leser im Vorwort zu seiner 68er-Schelte. "Auch ich greife wie selbstverständlich auf vieles zurück, was zumindest seit - nicht notwendig durch - Achtundsechzig zum Standard wurde. Ich bin, mag es auch viele verblüffen, oft selbst der 'Gutmensch', über den ich mich lustig mache." Und der FDP-Chef arbeit sich Interview für Interview an der Kränkung ab, dass er am Gymnasium zum Außenseiter wurde - in seinem Streben nach Höherem düpiert von "Kuschelpädagogen, die im Geduzt-Werden das Paradies der Egalität erblickten".
Da ist es wieder, das Klischee von den Alt-68igern, die im Öffentlichen Dienst durch die Flure schlurfen. Es wird immer wieder gern genommen, um den Linken einen Spiegel vorzuhalten. Sie wollten Revolutionäre sein, aber mit Pensionsberechtigung, höhnte Herbert Wehner, einst Fraktionsvorsitzender der SPD, über die Lehrer, Landschaftsplaner, Sozialpädagogen und anderen Sandalenträger. Doch genau besehen hat der Staat nach der Revolte die Diener bekommen, die er wollte. Die Aktivisten der Bewegung sperrte er mit dem Radikalenerlass aus, lieber eröffnete er den Mitläufern die Beamtenlaufbahn.
Die 68er bei stern.de Ab Donnerstag startet der stern die neue Serie "Die 68er - Wie eine Generation die Welt veränderte". In acht Teilen entwirft der stern das Porträt einer bewegenden Zeit: von Vietnam und Protest, von Autoritäten und Partys, von Rebellion und Befreiung.
stern.de und stern-shortlist begleiten die Serie mit Wissentests, Fotostrecken, Porträts, Interviews und shortlist-Listen. Auch Sie als Leser laden wir ein, daran teilzunehmen: Haben Sie die Zeit miterlebt? Dann schicken Sie uns Ihre Erlebnisse und Erinnerungen, Fotos und Videos. Schreiben Sie uns ihre Meinung zu der Zeit des Umbruchs.
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