Während die Städte langsam zu wachsen beginnen, entwickelt sich das Reich zu einer Art mittelalterlicher EU. Es ist ein loser Verbund von Fürstentümern, den der Kaiser mit Mühe zusammenhält. Erst 1356 wird seine Stellung in der Goldenen Bulle geregelt - dem ersten deutschen Grundgesetz. Von Marc Goergen
Der Kaiser kommt zu spät. Am 25. November 1355 steht Karl IV. mit seinem Gefolge endlich vor den Stadtmauern Nürnbergs - zehn Tage nach der geplanten Eröffnung seines Reichstages. In der Handelsstadt, dem Zentrum zwischen Ost und West, Nord und Süd, will er sein ehrgeizigstes Projekt verabschieden. Sein Reich braucht eine Verfassung. Die Königswahl muss klar geregelt werden, kein Herrscher soll sich mehr mit Gegenkönigen abmühen müssen, und vor allem: Nie wieder soll ein deutscher König gezwungen sein, nach Rom zu pilgern, um vom ungeliebten Pontifex zum Kaiser gesalbt zu werden.
Diese demütigende Tortur hat der 39-Jährige aus dem Hause der Luxemburger gerade hinter sich. Auf Trampelpfaden hatte er sich über die Alpen gequält, die italienischen Fürsten bestochen, endlich Rom erreicht, dort inkognito als Pilger verhandelt - caput mundi, das Haupt der Welt, war zwischenzeitlich arg heruntergekommen. Schließlich, am Ostersonntag, man schrieb den 5. April im Jahre des Herrn 1355, hatte er die Kaiserweihe vom Papst empfangen, bevor er sich nach einem üppigen Gelage auf den Weg nach Norden machte.
Und wer, wenn nicht er, sollte nun die dringend notwendigen Reformen durchsetzen? Unangefochten steht Karl an der Spitze des Heiligen Römischen Reiches, jenes riesigen mitteleuropäischen Staatsgebildes, in dem die deutschen Nationen leben. Karls Residenzstadt Prag blüht auf. Der Palast auf dem Hradschin wird erweitert, der Bau einer weiteren Burg ist begonnen - später werden hier die Reichsinsignien Reichsapfel, Krone, die Lanze mit dem Nagel vom Kreuze Christi aufbewahrt, Karl hat sogar eigenhändig im März 1348 vor versammelter Fürstenschaft den Grundstein zum Bau einer neuen Stadtmauer gelegt und damit Prag flugs um das Dreifache erweitert. Jeder, der in den neuen Vierteln ein steinernes Haus baut, erhält zwölf Jahre Steuerfreiheit. Nur einen Monat später gründet er in Prag die erste Universität nördlich der Alpen - und damit auch die erste deutsche Hochschule: Junge Männer aus Böhmen, aus Mähren, aus Bayern studieren hier Theologie oder die Rechte. Karl ist der mächtigste deutsche Herrscher seit Jahrzehnten. Auf dem Reichstag in Nürnberg will er diese Stärke zu Pergament bringen.
Die Stadt ist gerüstet. Seit Wochen strömen die Gesandten an die Pegnitz: die mächtigen Erzbischöfe aus Trier, Mainz, Köln; der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg, alle mit prächtigen Standarten und mehreren Hundert Mann starkem Gefolge. Allein bei einem Treffen der Erzbischöfe von Trier und Köln wenige Tage vor Beginn des Reichstags werden zwei Ochsen, zwei Kälber, vier Hammel, zwei Schweine, 26 Hähnchen und 450 Liter Wein vertilgt. Dazu versammeln sich die Vertreter der Städte von Konstanz bis Lübeck, die Schreiber, Diener, Boten und Köche, die Handwerker, Händler, Huren - kurz: alle, die sich von den weit gereisten Gästen ein gutes Geschäft versprechen. Man bezieht Quartier. Am 25. November 1355 beginnen die Verhandlungen.
Hier also, in der Stadt, die er selbst die "fürnehmste des Reichs" nennt, will Karl die Rechte des Königs stärken, will er die Querelen mit Papst und Fürsten beenden, die immer wieder den Bestand des Heiligen Römischen Reiches gefährden. Seit 400 Jahren leben Franken, Bayern, Schwaben, Sachsen und andere Völker in diesem Staatsverbund, dem Vorläufer Deutschlands. Und seit 400 Jahren stellen sie seine Existenz infrage.
Am Anfang des Reiches stand ein bärtiger Hüne: König Otto I. Es war das Jahr 962, Karl der Große seit 150 Jahren tot, das fränkische Reich vom Atlantik bis zur Elbe, von Italien bis zur Nordsee zerbrochen, Karls mühsam erworbene Kaiserkrone seit Jahrzehnten verwaist. Otto herrschte seit 936 in Ostfranken, und spätestens seit er bei Augsburg ein Heer der Ungarn niedergemetzelt hatte, "unter so großem Blutvergießen", wie die Annalen berichten, "dass niemals ein solcher Sieg bei den Unsrigen erhöhrt oder geschehen ist", feierte ihn sein Heer als "Vater des Vaterlandes", und Chronisten bezeichneten ihn als "leuchtendste Sonne nach der Dunkelheit". Anders gesagt: Otto galt als einer, der das Reich nach vorn bringen würde.
Allein sein Aussehen nötigte den Zeitgenossen Respekt ab: Sein Haupt sei bedeckt gewesen mit ergrautem Haar, schreibt sein Chronist Widukind, "die Augen funkelnd und gleißend wie ein Blitz, der plötzlich aufleuchtet, das Gesicht rötlich und der Bart reichlich niederwallend. Die Brust war wie mit einer Löwenmähne bedeckt, der Bauch nicht zu dick. Sooft er aber die Krone tragen musste, bereitet er sich, wie man für wahr versichert, stets durch Fasten vor".
So ernst nahm es Otto aber mit der Schmalkost wohl nicht, denn sein Hof verzehrte, glaubt man den Schilderungen eines Zeitgenossen, jeden Tag 1000 Schweine und Schafe, 1000 Malter Getreide, acht Ochsen, zehn Fuder Wein und Bier, dazu Hühner, Ferkel, Fische und Gemüse.
Das alles hatten die Städte und Klöster zu stellen, die der königliche Tross auf seinen Reisen von Pfalz zu Pfalz durchquerte. Eine Hauptstadt gab es nicht, aber Städte seiner sächsischen Heimat wie Magdeburg oder Quedlinburg fühlten sich durch die häufigen Besuche Ottos ein wenig wichtiger. Der König regierte das Reich aus dem Sattel. Nur durch eigene Anwesenheit konnte ein Herrscher seine Macht durchsetzen. Mit Tausenden von Soldaten, Handwerkern, Schreibern, Priestern, Köchen und Stallboten wälzte sich der königliche Lindwurm durchs Land - eine beschwerliche Angelegenheit.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 46/2006