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8. November 2006, 14:04 Uhr

Die Germanen, die ersten Deutschen?

Sie konnten weder lesen noch schreiben, aber vertrieben im Jahre 9 die Römer aus ihren Wäldern. In den folgenden Jahrhunderten brachten sich die verschiedenen Stämme am liebsten gegenseitig um. Und noch Karl der Große regierte 800 Jahre später ein Vielvölkerreich. Von Teja Fiedler

Die Feinde waren groß, blond und grausam. Die Wälder waren dicht, unheimlich und trieften vor Nässe. Hier konnten die Römer ihre Kriegskunst nicht entfalten. Die Germanen griffen in kleinen Gruppen an, schlugen, stießen und schossen die in Schlachtordnung angetretenen Legionäre nieder. Der durchweichte Heerwurm quälte sich ziellos und zermürbt durch das fast undurchdringliche Dickicht, in dem die Gegner nach jeder Attacke wieder verschwanden.

Drei Tage leisteten die Legionen des römischen Statthalters Varus dieser Guerilla-Taktik Widerstand. "Der Feldherr hatte mehr Mut zum Sterben als zum Kämpfen", schrieb der römische Historiker Velleius. "Getreu dem Vorbild seines Vaters stürzte er sich in sein Schwert." Neben ihm versank ein Soldat mit seiner Standarte freiwillig im tiefen Sumpf. Der geheiligte Legionsadler sollte nicht in die Hände der Barbaren fallen. Dem toten Varus ließ der Sieger Arminius den Kopf abschlagen und schickte ihn an einen Germanenfürsten - als makabre Aufforderung, beim Krieg gegen die Eindringlinge mitzumachen. 15 000 Römer blieben als Leichen auf dem Schlachtfeld. Verzweifelt stieß der greise Kaiser Augustus in Rom den berühmten Satz aus, der laut durch seinen Palast hallte: "Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!"

Die Eroberung Germaniens und seine Eingliederung ins Römische Weltreich war mit dieser Niederlage im Jahr 9 nach Christus gescheitert, ein Mythos geboren: der von Hermann dem Cherusker, der durch seinen Sieg im Teutoburger Wald Deutschland rettete. (Auch wenn der Sieger nie Hermann genannt wurde, die Varus-Schlacht wahrscheinlich am Kalkrieser Berg bei Osnabrück stattfand und ewig lange niemand von Deutschland sprach.)

Mehr als 1800 Jahre später dichtete noch Heinrich Heine - nicht ohne Ironie: "Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann, mit seinen blonden Horden, so gäb' es die deutsche Freiheit nicht mehr, wir wären römisch geworden." Für Europa wäre das wahrscheinlich einfacher gewesen. Denn es hätte weder die deutsche Freiheit noch überhaupt Deutschland - und die Deutschen - gegeben.

Germanien - grob gesprochen damals das Gebiet zwischen Rhein, Elbe und Donau - wäre römische Provinz gewesen, und die "blonden Horden" hätten ihre Bärenfelle, ihre Sitten und ihre Götter langsam abgelegt. So wie es 50 Jahre zuvor die keltischen Gallier nach der Eroberung ihres Landes durch Cäsar getan hatten. Die Germanen wären in den Genuss der römischen Zivilisation gekommen: Städte, Bibliotheken, Theater, Thermen, gepflasterte Straßen, geordnetes Gerichts- und Münzwesen, aber auch Steuern und Steuereintreiber, Gladiatoren und Prostituierte. Die Weltsprache Latein hätte die einheimischen Stammessprachen bis auf wenige Reste allmählich verdrängt, wie es im heutigen Frankreich und auf der Iberischen Halbinsel geschah. Dort, wo heute Deutschland ist, würde ein weiteres romanisches Volk leben.

Der Sieg des Arminius-Hermann hingegen bewahrte den Germanen die "angestammte Freiheit" und die "ihre Heimat schirmenden Götter", wie Tacitus lobend erwähnt - und machte sie zur Dauerbedrohung der zivilisierten Welt. Nicht bereit, in der romanischen Kultur aufzugehen, aber doch immer magisch angezogen vom Reichtum und vom Luxus ihrer Nachbarn im Westen und Süden. Und darum stets geneigt, mit Gewalt daran teilzuhaben: durch Überfälle, Beutezüge, Unterwerfung.

Sie blieben zurück in tiefen Wäldern ohne Weg und Steg. Laut Tacitus, der den Germanen durchaus Sympathie entgegenbrachte, "jener Teil der Erde, der so völlig ohne landschaftlichen Reiz ist, so rau im Klima, trostlos zum Leben und trostlos zum Anschauen für jeden, dem er nicht gerade die Heimat ist".

Urbanem Leben standen diese germanischen Bauern höchst misstrauisch gegenüber. Städte waren zum Plündern und Brandschatzen da. Leben wollten sie dort auf keinen Fall. Sie hausten in Einzelgehöften oder winzigen Dörfern. Untereinander waren die einzelnen Stämme meist heillos zerstritten. Gemeinschaftsgefühl, das über die Zugehörigkeit zum eigenen Stamm hinausging, eine Art frühdeutsches Nationalbewusstsein, gab es nicht.

Oft kämpfte bei den zahlreichen Grenzkriegen entlang dem Rhein ein germanischer Stamm als Verbündeter des Römischen Reichs gegen seine germanischen Nachbarn. Sogar der Bruder des Arminius verdingte sich im römischen Heer und verlor für Kaiser und Reich ein Auge. Und Arminius selbst war wegen seiner Verdienste als Befehlshaber germanischer Hilfstruppen im Solde Roms mit dem Ehrentitel "Ritter" bedacht worden, bevor er zum Freiheitshelden mutierte.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 45/2006

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