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Mit müder Stimme über den Verrat

Vor gut 30 Jahren standen in Stammheim die Anführer der Roten Armee Fraktion (RAF) vor Gericht. Nun sind Tonbandprotokolle aus dem Prozess aufgetaucht - sie vermitteln einen neuen Eindruck von der Verfassung der Angeklagten.

Spiegel-Chef Stefan Aust und seine Mitarbeiter sind bei ihren Recherchen für einen TV-Zweiteiler auf einige vergessene Tonbänder aus dem Stammheimer RAF-Verfahren gestoßen. Auf den Mitschnitten nuschelt etwa der RAF-Frontmann Andreas Baader, dass sein Richter auch an seinem eigenen Urteil arbeite. Ulrike Meinhof , die Ex-Journalistin und RAF-Mitbegründerin, spricht mit müder Stimme über Verrat, Tod und Folter. Nur ganz selten ist ein Hauch Emotion spürbar. Baaders Kampf- und Lebensgefährtin Gudrun Ensslin übernimmt im Namen der Gruppe sachlich und ruhig die Verantwortung für Anschläge.

Die Tondokumente füllen die seit langem bekannten Wortlautprotokolle des Mammutverfahrens mit neuem Leben. Vor allem Baader klingt anders, als es das von ihm vor der Haft inszenierte Bild des draufgängerischen Stadtguerillas vermuten lässt. Alle Angeklagten, die dem Staat vorwarfen, sie durch die Haftbedingungen brechen zu wollen, wirken deutlich mitgenommen. Die Atmosphäre ist fast geschäftsmäßig - offenbar hat der von harten Auseinandersetzungen geprägte Prozess die Erregung auf allen Seiten gedämpft.

Irgendwann scheint die ungewöhnliche Auseinandersetzung des Staates mit seinen erbitterten Gegnern im Gerichtssaal für die Beteiligten zu einer Art Routine geworden zu sein. "Das vermittelt schon eine eigene Qualität", sagte der stellvertretende Leiter des Staatsarchivs Ludwigsburg, Stephan Molitor, stern.de. "Inhaltlich bieten die Bänder aber nichts Neues." Denn erstellt wurden sie, um davon Abschriften anzufertigen - und die liegen im Bundesarchiv, wo sie zugänglich sind und bereits vielfach ausgewertet wurden. Die jetzt aufgetauchten Bänder stammen aus den Jahren 1975 und 1976. Durch ein Versehen wurden sie anders als vorgesehen nach der Abschrift nicht vernichtet.

Der Stammheimer Prozess begann im Frühjahr 1975 und endete zwei Jahre später mit lebenslangen Haftstrafen für die Angeklagten Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe. Ulrike Meinhof nahm sich im Mai 1976 in ihrer Zelle das Leben. Die Befreiung der anderen Häftlinge war das Hauptziel der RAF im Herbst 1977. Um sie freizupressen entführte die Gruppe unter anderem Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Arabische Terroristen unterstützten die RAF durch die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut". Nach der Befreiung der „Landshut“ durch die Grenzschutz-Elteeinheit GSG 9 in Mogadischu begingen Baader, Ensslin und Raspe Selbstmord. Schleyer wurde von seinen Kidnappern ermordet.

sts

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