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18. November 2007, 11:09 Uhr

"Sie war die große Schwester der 68er"

Ein neues Buch über Ulrike Meinhof? Man weiß doch alles über die Terroristin! Von wegen. Jahrelang hat Jutta Ditfurth diese Reizfigur der Deutschen erforscht - und dabei eine unbekannte Frau und ein verstörendes Foto aus Stammheim entdeckt. Von Arno Luik

Zoom

Journalistin, Terroristin und "große Schwester der 68er": Ulrike Meinhof© Archiv Jutta Ditfurth

Sagen Sie mal, Frau Ditfurth, warum beschäftigen Sie sich sechs Jahre lang mit einer Frau, die so tot ist wie ihre Politik?

Was ist denn das für 'ne Frage? Sie sagen im Grunde ja, ich habe meine Zeit verschwendet, ich hab 'nen Sockenschuss.

Ja.

Ich gebe zu, dass ich mich eher zufällig Ulrike Meinhof angenähert habe. Aber je mehr ich mich auf diese Frau einließ, desto vielfältiger und vielschichtiger erschien sie. In Ulrike Meinhof verdichten sich einige Jahrzehnte deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Wirklich? Sie war eine Frau, die sich irgendwann das Recht herausnahm, andere zu töten. Die genau wusste, wer die Guten sind, wer die Bösen, die Richterin spielen wollte über Leben und Tod, Bomben legte und …

Das ist nun wirklich klischeehaft. Aber es stimmt wohl schon: Keine öffentliche Figur in diesem Land ist dermaßen unter Legenden, Mythen, Fälschungen begraben wie Meinhof. Was ist aber auch zu erwarten von einem Land, in dem 1976 nur ein einziger Friedhof bereit war, diese Frau zu beerdigen? Und dann auch noch so, dass in einem Umkreis von fünf Metern kein anderes Grab sein durfte? Dass ihre Schwester nicht einmal den Spruch auf den Grabstein meißeln lassen durfte, dass "die Freiheit nur im Kampf um Befreiung möglich ist"? Das ist doch eine Hysterie, eine Verteufelung, die …

… sich vielleicht so erklärt: Vielleicht ist Ulrike Meinhof, vielleicht ist die RAF für die Bundesrepublik so etwas Erschütterndes wie der 11. September 2001 für die USA. Es war das erste Mal, dass ein bewaffneter Angriff auf die Bundesrepublik stattfand - und das aus der Mitte der Gesellschaft.

Ein, wie ich finde, schräger Vergleich. Vielleicht liegt die allgemeine Verunsicherung in Sachen Meinhof auch darin, dass für einen ganz kurzen Augenblick das Gewaltmonopol des Staates infrage gestellt wurde.

Ja, klar. Sie war eine gute Bürgerin mit Bausparvertrag, mit Villa in Blankenese, Partys auf Sylt und in Hamburg mit Augstein und Bucerius. Und: Sie war eine der angesehensten Kolumnistinnen der 60er Jahre.

Einerseits stimmt das, was Sie hier sagen, ja, sie tanzte gern, für kurze zwei Jahre in ihrem Leben, von 1965 bis 1967, tanzte sie in der Hamburger Medienschickeria herum - na und? Andererseits sind Sie mit dieser verkürzten Sicht Opfer einer Meinhof- Darstellung, die sich in den letzten 30 Jahren verfestigt hat. "Die gefährlichsten Unwahrheiten", sagt Georg Christoph Lichtenberg, "sind Wahrheiten, mäßig entstellt." Und dieser Aphorismus von Lichtenberg trifft auf Meinhof zu.

Sie sprechen nun in Rätseln.

Nein. Ihr Leben und ihr Denken werden systematisch verfälscht. Ich habe das auch erst bei meiner Recherche bemerkt. Das geht damit los, dass ein Autor seit gut 20 Jahren die inhaltliche Hoheit, nein, viel mehr noch, das Monopol auf Meinhof und die RAF hat.

Wie bitte? Es gibt über hundert Bücher zu Meinhof und zur Geschichte der RAF.

Die meisten Autoren arbeiten oberflächlich, sie schreiben - und das ist richtig grauslig - die Legenden, die Geschichten, die Mythen aus einem sogenannten RAFKlassiker ab.

Ich nehme an, Sie meinen Stefan Austs "Der Baader Meinhof Komplex"?

Ja. Meine Arbeit hat auch deswegen so lange gedauert, weil ich versucht habe, alle Quellen, vor allem die Primärquellen, zu überprüfen. Ich habe niemandem geglaubt. Ich bin in die Archive. Und da war ich schon sehr verblüfft: So gut wie niemand hat sich vor mir diese Mühen gemacht, hat sich durch diesen gigantischen Wust von Dokumenten gearbeitet.

Ich bin beeindruckt.

Keinen Spott, bitte. Was ich gemacht habe, ist Grundlagenforschung. Ich habe gelernt, den so beliebten Zeitzeugen zu misstrauen. Es gibt wunderbare Zeitzeugen. Aber oft haben Zeitzeugen keine besondere Glaubwürdigkeit. Hans Magnus Enzensberger zum Beispiel. 1968 rief er zornig zur Revolte auf. Heute sagt er: Nein, ich war bloß "teilnehmender Beobachter", ich war eine Art Ethnologe. Das ist doch ein Witz!

Das mag sein. Aber was heißt das konkret in Sachen Meinhof?

Nehmen Sie mal Renate Riemeck, Ulrike Meinhofs Pflegemutter. Ihre eigene Nazi- Vergangenheit hat sie geleugnet, allen Biografen hat sie stets erzählt, die Meinhofs seien christliche Widerstandskämpfer gewesen, Ulrikes Vater habe sich den Faschisten verweigert. Falsch. Werner Meinhof war eifriges Mitglied der NSDAP, als Museumsdirektor in Jena hat er 1937 über 270 Kunstwerke für die Ausstellung "Entartete Kunst" ausgeliefert, darunter fast das gesamte grafische Werk Ernst Ludwig Kirchners. Zeitzeugen müssen oft ihr eigenes Handeln besser darstellen, sich für die Nachwelt selbst rechtfertigen.

Was stört Sie an Stefan Aust?

Ein kleines Beispiel. Er beschreibt, wie er die zwei Meinhof-Töchter in Süditalien vor ihrer Entführung in ein Palästinenser- Lager rettet. Aust, der Held.

So war es doch.

Ulrike Meinhof wollte ihre Kinder nicht zu Palästinensern bringen. Palästinenser? Die Andeutung ist doch klar: Diese böse Mutter will ihre Kinder zu Terroristen ausbilden lassen. Ein Monster. Sie wollte, dass sie bei ihrer Schwester leben.

Das sagen Sie. Das sind doch Scharmützel unter eitlen Autoren.

Von wegen. Es geht um ein wichtiges Stück Geschichte. Es geht um Dämonisierung von Widerstand. Letztendlich geht es um die Frage, wie die Rebellion der 68er zu sehen ist: Waren es durchgeknallte Jugendliche und Studenten, waren es Verrückte und Spinner, frustrierte Mittelschichtkids, die auf die Straßen gingen? Das ist ja eine Sicht, die sehr en vogue ist. Oder waren es aufgeweckte, hochpolitisierte Leute, die an den deutschen Verhältnissen beinahe verzweifelten und glaubten, sie ändern zu müssen und zu können?

Jan Philipp Reemtsma, der Mäzen des Hamburger Instituts für Sozialforschung, sieht das so: Nicht aus politischen Motiven hätten Meinhof und Co. gehandelt, sie seien von Größenwahn, Machtgier und Lust an Gewalttaten beseelt gewesen.

Reemtsma … tja, meine Großtante Helmtrudis war mal seine Gouvernante. Er kommt aus einer Familie, die vom Faschismus profitierte - und wo es, sicherlich auch für ihn, noch viel aufzuarbeiten gibt. Er selbst war Mitglied einer revolutionären Gruppe, die eine fundamentale Veränderung der Machtverhältnisse wollte. Später war er Opfer einer Entführung. Was er nun sagt, passt in den herrschenden Zeitgeist, nach dem radikale Opposition zum System, der Kampf um eine gerechtere Welt schlichtweg verrückt ist. Er psychiatrisiert Widerstand. Opposition als Krankenakte.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 46/2007

Das Buch

Das Buch Immer noch unfassbar: Warum geht eine der angesehensten Journalistinnen der 60er Jahre in den Untergrund? Ulrike Meinhof war kein junger Heißsporn, als sie zur Waffe griff. Sie war 35 Jahre alt, hatte zwei Kinder - nun legt sie Bomben. 1972 wird sie geschnappt, 1974 zu acht Jahren wegen Mordversuchs verurteilt. Für weitere Taten kann sie nicht mehr belangt werden. Nun im Handel: "Ulrike Meinhof. Die Biographie" von Jutta Ditfurth erscheint im Ullstein-Verlag, ISBN-10: 3550087284, ISBN-13: 978-3550087288, und kostet 22,90 Euro

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