. .
Geschichte & Historie
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
7. Mai 2004, 11:13 Uhr

Wo das Ende der Eiszeit begann

Der Tag ging in die Geschichte ein: als erstes Treffen eines Regierungschefs der BRD mit einem aus der DDR. Als sich Willy Brandt und Willi Stoph 1970 in Erfurt trafen, jubelten tausende Bürger - ein Schock für die SED-Spitze.

Willy Brandt und Willi Stoph auf dem Weg zum Hotel "Erfurter Hof": Der Tag ging in die Geschichte ein als erstes Treffen eines Regierungschefs der Bundesrepublik mit einem Ministerpräsidenten der DDR© DPA

"Willy, Willy" - so tönt es am 19. März 1970 in Sprechchören auf dem Erfurter Bahnhofsplatz. Tausende DDR-Bürger jubeln, als sich Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph am Hotel "Erfurter Hof" treffen. Damit keine Missverständnisse aufkommen, ergänzt die Menge: "Willy Brandt ans Fenster". Brandts Auftritt dauert nur Sekunden. Der Tag geht in die Geschichte ein - es ist das erste Treffen eines Regierungschefs der Bundesrepublik mit einem DDR-Ministerpräsidenten. Damit wird auch der Name des Hotels berühmt.

Kehrseite des historischen Ereignisses

"Damals wurden etliche Menschen verhaftet", erinnert sich der heute 53 Jahre alte Wolfang Hase, seinerzeit Fotograf, an die Kehrseite des historischen Ereignisses. Die Sicherheitskräfte hätten mit einem quer gestellten Bus versucht, die Massen aufzuhalten. "Eine Polizeikette wäre umgerannt worden." Hase hörte die Sprechchöre auf dem Bahnhofsvorplatz. Bevor er zu den Menschen durchdringen konnte, nahmen Polizisten ihn fest. "Sie waren der Meinung, ich hätte Auftraggeber im Westen." Zwei Tage saß Hase in Haft. Er bekam später als "staatsfeindliches Element" keine Arbeit mehr als Fotograf.

Der überwältigende Brandt-Empfang schockte die SED-Spitze, wie aus Archivdokumenten hervorging. Das DDR-Fernsehen sprach angesichts der Hochrufe für den SPD-Politiker aus dem Westen von "bestellten Provokateuren". Linientreue SED-Jubler mussten auch Willi Stoph hochleben lassen. In Sprechchören skandierten sie die Parole: "Forderung an Willy Brandt - DDR wird anerkannt". Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht hatte Stoph mit dem Ziel nach Erfurt geschickt, die volle völkerrechtliche Anerkennung der DDR durchzusetzen.

"Man kam wieder ins Gespräch"

Das politische Ergebnis des Brandt-Besuchs empfand Hase als enttäuschend: "Ich hätte mir eine Änderung, eine Öffnung erwartet." Auch Brandt selbst bezeichnete das Treffen als unergiebig: "Stoph beeindruckte mich nicht sonderlich. Was am Verhandlungstisch gesagt wurde, in der Regel vorgelesen wurde, war den Aufwand nicht wert." Sie hätten sich abseits des Verhandlungstischs aber über simple Sachfragen verständigt wie etwa zum Postwesen. "In Erfurt wurde die deutsch-deutsche Eiszeit beendet", sagt die Erfurter SPD-Politikerin Ulla Kalbfleisch-Kottsieper. "Man kam wieder ins Gespräch."

Trostloser Anblick: das Hotel "Erfurter Hof" gegenüber dem Hauptbahnhof der thüringischen Landeshauptstadt© DPA

Bei einem zweiten Treffen am 21. Mai 1970 in Kassel reagierte Stoph zwar ungehalten auf den 20-Punkte-Plan Brandts für eine vertraglich geregelte Annäherung. Der deutsch-deutsche Dialog mündete 1972 aber in den Abschluss des Grundlagenvertrags zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Darin wurden auch praktische Vereinbarungen zur Familienzusammenführung und zu Reiseerleichterungen festgeschrieben. 1971 regelten Ost- und Westdeutschland mit dem Transitabkommen den zivilen Personen- und Güterverkehr zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin.

Hohe Gäste aus dem In- und Ausland

Der "Erfurter Hof" existierte noch bis 1995 als nobles Hotel. Werner Lusche, der dort 1969 als Kellnerlehrling begann, erinnert sich an zahlreiche hohe Gäste aus dem In- und Ausland. In dem Haus ließ DDR-Staatschef Erich Honecker zum Beispiel das damalige rumänische Staatsoberhaupt Nicolae Ceausescu oder Teilnehmer der Staatsjagd bewirten. Bis zu 350 Mitarbeiter boten höchste Qualität und Leistung. "Wir fühlten uns wie eine Familie", erzählt Lusche.

Inzwischen sind die Fenster des Gebäudes schmutzig, der Eingang ist verschlossen, darüber turteln Tauben. Die Zukunft des Hauses ist offen. Das Land entschied sich für die Förderung eines neuen Fünf- Sterne-Hotels am Erfurter Dom.

Blutende Herzen

Der traurige Anblick des "Erfurter Hofs" lässt Einheimischen das Herz bluten. "Von dem früheren Glanz des Hauses ist kaum noch etwas zu spüren", sagt Ulla Kalbfleisch-Kottsieper. Sie gehört zum Freundeskreis "Willy-Brandt-Zimmer im Erfurter Hof", der 25 Gleichgesinnte vereint. Am 18. Dezember wollen sie Brandts 90. Geburtstag in dem Haus feiern.

Der SPD-Politiker blickt übrigens noch heute aus dem "Erfurter Hof" - von einem Fenster aus, in dem ein lebensgroßes Foto hängt.

Bettina Grachtrup/DPA