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Die Tischmanieren der DDR-Elite

Man sprach mit vollem Mund und schenkte dem Personal kaum einen Blick. Der langjährige Butler von DDR-Spitzenfunktionär Erich Honecker enthüllt, wie sich die Elite immer tiefer in ihrer Welt vergrub.

  Sekt für den ersten Deutschen im All: Kosmonaut Sigmund Jähn lässt sich von Lothar Herzog (M) 1978 bei einem Empfang in Berlin ein Gläschen servieren.

Sekt für den ersten Deutschen im All: Kosmonaut Sigmund Jähn lässt sich von Lothar Herzog (M) 1978 bei einem Empfang in Berlin ein Gläschen servieren.

Erich Honecker trank Büchsenbier aus dem Westen und ließ sich am liebsten Buletten und Kassler auftischen. Der DDR-Spitzenfunktionär kippte auch jeden Morgen den Saft einer Zitrone hinunter. "Um sich vor Grippe zu schützen", schreibt sein damaliger Butler Lothar Herzog in seinem Erinnerungsbuch "Honecker privat", das jetzt - knapp 23 Jahre nach dem Mauerfall - in den Buchhandel kommt.

Der heute 68-Jährige war zwölf Jahre lang persönlicher Kellner und einer der Stasi-Personenschützer von Honecker. Der Mächtige, den er auf Reisen in rund 30 Länder begleitete, habe nie ein persönliches Wort mit ihm gewechselt. "Ich war eine Art sozialistisches Mainzelmännchen", schreibt Herzog.

Es sind Innenansichten eines Systems, dessen Spitze sich ungeniert am "Volkseigentum" bediente. Wohl eher unfreiwillig wird deutlich, wie abgehoben die Funktionärselite lebte, und dass sie ihr Volk nur aus der Perspektive abgeschotteter Orte und getönter Autoscheiben wahrnahm.

Essen auf "Wartburg"-Rädern

Auch im Urlaub deckte Herzog für die Honeckers den Tisch. Für dessen Frau, Volksbildungsministerin Margot, mussten immer HB-Zigaretten da sein. Eine weiche Seite suchte der Butler an seinem Arbeitgeber vergeblich."EH zeigte nie Gefühle." Erst mit Enkel Roberto sei der menschlich einsame Honecker milder geworden.

Es ist keine selbstkritische Bilanz des Kellners, der es bis zum Stasi-Hauptmann brachte. Er habe seinen Auftrag erfüllt, den Genossen die Wünsche von den Augen abzulesen - trotz deren Anflügen von Gutsherrenmentalität. "Es war halt so", schreibt der Rentner. Den Mauerfall erwähnt er in seinem Buch nicht. In Wandlitz, dem Wohnsitz des obersten SED-Führungszirkels, hielt sich Herzog mehr als 20 Jahre auf.

Die DDR-Führung ließ sich in ihren hermetisch abgeriegelten Jagd- und Ferienhäusern rundum bedienen. Nach Speisekarten bestellten die Funktionärsfamilien dort ihr Essen zum Wochenende. Gekocht und geliefert wurde für jedes Haus extra - zuerst mit einem Dienst-Wartburg. Als es Beschwerden über dessen Lautstärke gab, sei ein VW-Transporter angeschafft worden, erinnert sich Herzog. In den 70er Jahren vergrößerte sich die Schar der Lieferfahrzeuge: "Ein Auto wartete nur, um Honecker-Wünsche zu erfüllen."

DDR-Elite rülpste und schlürfte bei Tisch

Anfängliche Bescheidenheit habe sich immer mehr verloren, berichtet Herzog. Für die Repräsentanten galt: "Alles wurde beschafft, mochte es auch noch so schwierig sein." Im Gegensatz zu anderen habe Honecker aber fast nichts Hochprozentiges getrunken.

Zu lesen ist auch über die DDR-Bemühungen um internationale Anerkennung und die Besuche westdeutscher Politiker im Jagdschloss Hubertusstock in der Schorfheide. Als 1981 der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) kam, kredenzte Herzog Kartoffelsuppe.

Die Tischmanieren des Politbüros seien "verbesserungsbedürftig" gewesen - es sei geschlürft, gerülpst und mit vollem Mund gesprochen worden, erinnert sich der DDR-Serviermeister. Honecker, der am 25. August dieses Jahres 100 Jahre alt geworden wäre, habe sein Essen in enormem Tempo hinuntergeschlungen: "Ein Genussmensch war er bestimmt nicht."

Herzog verlor seinen Job, weil seine Tochter mit dem Westen telefonierte

Honecker starb 1994 im Alter von 81 Jahren im Exil in Santiago de Chile. Der krebskranke Politrentner hatte wenige Monate zuvor Deutschland verlassen, nachdem der Prozess wegen der Toten an der Mauer gegen ihn eingestellt worden war.

Herzog wurde 1984 aus dem Honecker-Dunstkreis abgezogen. Seine Tochter hatte von zu Hause aus mit einem Freund in West-Berlin telefoniert. Die Stasi hörte mit - und witterte wohl Verrat.

von Jutta Schütz, DPA/DPA

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