Mit Gewalt und Raffinesse kommen die Nazis an Macht. Nachdem die Demokratie in Flammen aufgegangen ist, kommt das "Ermächtigungsgesetz". Über den mutigen Auftritt der Männer und Frauen, die dagegen stimmten.
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In jenen Tagen nur noch eine Kulisse ohne Funktion: In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 ging das Parlament in Flammen auf© AP
Die Turbulenzen der Revolution erlaubten keine parlamentarische Arbeit, die dem bürgerlichen Ordnungssinn des Reichskanzlers Friedrich Ebert entsprochen hätte. Im Plenarsaal tagten die Soldatenräte, die sich nicht immer wie Musterschüler aufführten. Lange Monate war der Reichstag vom Militär besetzt: verwüstet und von Ungeziefer verseucht, das man - ein anderes wirksames Mittel schien es nicht zu geben - durch die völlige Stillegung des Gebäudes auszurotten versuchte.
Als Anfang Januar 1919 Berlin vom Spartakus-Aufstand heimgesucht wurde, feuerten vom Dach des Wallot-Baus Maschinengewehre eines Freicorps, das den Namen "Regiment Reichstag" trug, in die tobende Menge. Es gab Tote und Verletzte.
Das war ein bitterer Preis, den Ebert und die Seinen für den Versuch bezahlten, das Chaos in Schach zu halten. Schon am 10. November 1918 hatte der Kanzler ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung geschlossen, 'um die Ausbreitung des terroristischen Bolschewismus in Deutschland zu verhindern', wie Hindenburg in einem Telegramm an die Armee-Kommandeure verkündete. Dieser Entschluß, schrieb der Historiker Gordon Craig, habe in den späteren Urteilen alles überschattet, was Ebert leistete. Wie oft wurde ihm hernach der Vorwurf entgegengeschleudert, er habe die Revolution geopfert!
Was blieb ihm anderes? Matthias Erzberger, der es auf sich genommen hatte, den Waffenstillstand mit den Alliierten auszuhandeln, war gezwungen worden, sich den härtesten Bedingungen zu unterwerfen. Es gab kaum einen Zweifel: Wäre Deutschland in der Anarchie versunken oder hätte die bolschewistische Minderheit triumphiert, wie es den Erwartungen Lenins entsprach - die Alliierten hätten nicht gezögert, das Reich zu besetzen. Das deutsche Heer wäre nicht mehr fähig gewesen, ihnen Widerstand entgegenzusetzen. Das mußte verhindert werden. Überdies war auch die Republik für Ebert nur als Staat der Ordnung und des Rechtes denkbar. Er mußte es dulden, daß weißer Terror und roter Terror aufeinanderprallten.
Ein finsterer Beginn, in der Tat. Dennoch: Das Volk wollte die Demokratie. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung, die ins stille Weimar einberufen wurde, stimmten drei Viertel der Bürger für die Sozialdemokratie, das Zentrum und die (liberal-bürgerliche) Deutsche Demokratische Partei. Der Geist Goethes sollte die Verfassung und den künftigen Staat der Deutschen prägen. Friedrich Ebert forderte, es gelte 'den Übergang vom Imperialismus zum Idealismus' zu vollziehen, 'von der Weltmacht zur geistigen Größe'. Er rief jedoch ebenso dazu auf, daß man - im Sinne Goethes - nicht ins Unendliche schweife und sich nicht im Unendlichen verliere.
Stephan Speicher bemerkte in seiner Studie über den Reichstag, in diesem Satz sei 'ein anti-revolutionärer Impetus' sichtbar geworden, auf den die Unabhängigen Sozialdemokraten mit Unruhe reagierten. Zugleich aber 'fand der alte Wunsch der Arbeiterbewegung Ausdruck, sich Deutschlands größter Traditionen zu versichern': der 'Glaube an die Macht von Bildung, Geist, Humanität' habe - vor dem späteren Blick auf das Scheitern der Republik von Weimar - 'etwas Rührendes', ja 'fast Kindliches' gehabt.
Über die Vereidigung Eberts als erster Reichspräsident schrieb Harry Graf Kessler in seinem Tagebuch: 'Die Orgel spielte, und alles drängte sich im schwarzen Rock zwischen Blattpflanzen wie bei einer besseren Hochzeit.' Er fügte hinzu, das Bild variierend: 'Alles sehr anständig, aber schwunglos wie bei einer Konfirmation in einem gutbürgerlichen Hause.'
Die Bänke der Deutschnationalen und der Unabhängigen Sozialdemokraten waren bei der Zeremonie leer geblieben: ein Signal, das besagte, daß die demokratische Mitte von Beginn der Republik an in Gefahr war, zwischen den Extremen zerrieben zu werden. Schon bei den Wahlen im Juni 1920 erlitten die drei Parteien der Koalition von Weimar bittere Verluste. Besonders hart traf es die Sozialdemokraten, denen nur noch 102 statt 163 Sitze im Reichstag zufielen. Gustav Stresemanns Deutsche Volkspartei, der beträchtliche Subventionen aus Industriekreisen zukamen, nahm von 19 auf 65 Sitze zu. Die Deutschnationalen aber steigerten sich von 44 auf 71 Mandate.
Grollend zogen sich die Sozialdemokraten, den Mahnungen Eberts trotzend, aus der Mitverantwortung zurück - als hätten sie nichts Eiligeres zu tun, als sich in die Opposition zu flüchten, aus der sie sich nur noch zweimal lösten: für eine knappe Frist im Jahre 1923 durch die Große Koalition unter der Kanzlerschaft Stresemanns und 1928, als es Herrmann Müller zufiel, ein letztes Bündnis der Parteien des Verfassungsbogens von Weimar zu führen. Die Lust an der Ohnmacht schien von jeher die Versuchung der SPD zu sein, auch in der Bundesrepublik, trotz Kurt Schumachers herrischem Machtwillen, bis sie ihr von Willy Brandt ausgetrieben wurde.
Immerhin konnten sich die Sozialdemokraten dank der Wahl Paul Löbes zum Präsidenten des Parlamentes als eine Hausmacht etablieren. Der gelernte Schriftsetzer erwies sich als ein Glücksfall: Er waltete mit Autorität und flexibel zugleich seines Amtes. Hinter den Kulissen war er unermüdlich bestrebt, das Gespräch zwischen den Repräsentanten der demokratischen Fraktionen im Hohen Hause nicht abreißen zu lassen.
Der Terror schlug immer unerbittlicher zu. Nach dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die von einer barbarischen Soldateska hingerichtet wurden, suchte die Gewalt als ersten Hugo Haase heim, den Führer der Unabhängigen Sozialdemokraten, der im November 1919 einem Attentat erlag, das man einem Geistesgestörten zuschrieb. Beim nächsten Mord gab es an der Handschrift keine Zweifel: Matthias Erzberger wurde im August 1921 bei einer Wanderung im Schwarzwald von zwei ehemaligen Offizieren exekutiert. So wurde die Tapferkeit eines Politikers gestraft, der couragiert genug war, einen Waffenstillstand auf sich zu nehmen, den die Oberste Heeresleitung gefordert hatte, selber zu feige, sich zu der Niederlage zu bekennen.