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"Ihr Völker der Welt ... schaut auf diese Stadt"

Die Worte seiner Rede zur Berliner Luftbrücke 1948 sind noch heute unvergessen. Vor 50 Jahren verstarb der damalige regierende Bügermeister von Berlin Ernst Reuter.

Er gilt als einer der berühmtesten Berliner des 20. Jahrhunderts - doch geboren wurde er 1889 im damals noch preußischen Apenrade (heute Dänemark). Untrennbar ist der Name Ernst Reuter aber mit dem Schicksal Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Wie kein anderer deutscher Politiker kämpfte der damalige SPD-Oberbürgermeister 1948 nach der sowjetischen Blockade um das Überleben der geteilten Stadt.

Die Luftbrücke

Ernst Reuter war es, der die drei alliierten West-Besatzungsmächte überredete, in der größten Luftoperation der Geschichte die über zwei Millionen West-Berliner aus der Luft zu versorgen. Hunderttausende dankbare Menschen erwiesen dem vor dem Rathaus Schöneberg aufgebahrten Regierenden Bürgermeister am 1. und 2. Oktober 1953 die letzte Ehre. Unauslöschlich hatte sich Reuter in den Herzen der Bevölkerung der Frontstadt des Kalten Kriegs verankert.

Seine berühmte Rede vom 9. September 1948 ("Ihr Völker der Welt ... schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt) bewegte die Welt. "Dieser große Berliner war die erste Stimme dieser Stadt", schreibt der heutige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Geleitwort zur Ausstellung. "Sie hat den Berlinern in schwerer Stunde Mut zugesprochen und die Herzen in aller Welt für Berlin geöffnet - so kurz nach dem Krieg und den in deutschem Namen begangenen Verbrechen eine einzigartige Leistung."

"Geburtsstunde der Demokratie"

Der frühere Daimler-Chef Edzard Reuter spricht seinem Vater das Verdienst zu, die Grundlage für die "Geburtsstunde der deutschen Demokratie" gelegt zu haben. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges fiel dem damals 59-Jährigen eine Aufgabe zu, die zuvor niemals ein Stadtoberhaupt zu lösen hatte. Als Reaktion auf die Einführung der D-Mark in den Westzonen versuchten die Sowjets, mit der Blockade aller Verkehrswege zur "Insel Berlin" und dem Stopp aller Lieferungen aus der Sowjetzone am 24. Juni 1948 der Millionenstadt den Lebensnerv abzuschnüren. Gegen Bedenken der Alliierten setzte Reuter die Luftbrücke durch.

"Selbst wenn wir nichts anderes erreichen, als der Welt zu zeigen, dass es Menschen gibt, die für die Freiheit eintreten, dann werden wir etwas Gewaltiges geleistet haben", erklärte er damals. In den elf Monaten der Blockade bis zum 12. Mai 1949 transportierten die berühmten "Rosinen-Bomber" in rund 277 000 Flügen etwa 1,8 Millionen Tonnen Güter nach Berlin - von Kohle bis zu Lebensmitteln.

Richtiger Mann am richtigen Platz

Sein Biograf Walther Oschilewski rühmt Reuter als den richtigen Mann am richtigen Platz in einer schweren Zeit. "Er hatte diplomatisches Geschick, war vielseitig gebildet, von kühler Besonnenheit, wagemutig, tolerant, ohne profillos zu sein, dazu begabt mit einer von Herzen kommenden Güte, und er besaß die Kraft, den Schwankenden das Gesetz seines weitausgreifenden Willens aufzuzwingen."

Dieses Lob musste sich Reuter schwer erarbeiten. Vielen selbst in der eigenen Partei - wie dem ersten SPD-Vorsitzenden nach dem Krieg, Kurt Schumacher - galt Reuter als allzu kritischer Geist. Der Germanist und Nationalökonom hatte aus den bitteren Lehren des Ersten Weltkriegs eigene Lehren gezogen und eine kurze, aber rasante Karriere in der Kommunistischen Internationale gemacht. Nach seiner Begeisterung für die russische Oktober-Revolution, die er in der Kriegsgefangenschaft erlebte, empfahl Lenin ihn 1918 Clara Zetkin zum Gründungsparteitag der KPD mit den Worten: "Der junge Reuter ist ein brillanter und klarer Kopf, aber ein wenig zu unabhängig."

Ins Konzentrationslager

Als erster KPD-Generalsekretär wetterte er gegen die kritiklose Unterwürfigkeit vieler deutscher Genossen gegenüber Moskau. Kaum aus der KPD ausgeschlossen, kam er zur SPD. Die Nazis steckten den unerschrockenen Sozialdemokraten schon 1933 ins Konzentrationslager. Englische Quäker erwirkten 1934 seine Freilassung. 1935 folgte Reuter einem Angebot der türkischen Regierung als Berater des Wirtschaftsministers. Bis 1946 blieb Reuter in der Türkei, ehe seine große Zeit in und für Berlin begann. Ernst Reuter starb am 29. September 1953 im Alter von nur 64 Jahren unerwartet an einem Herzinfarkt.

Kirsten Baukhage/DPA

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