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2. Oktober 2004, 15:25 Uhr

Marsch in den Abgrund

Vor 90 Jahren taumelte Europa in einen Krieg von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß. Neu entdeckte Farbfotos ermöglichen einen ungewohnten Blick auf die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts".

Westfront, 1917: Franzosen und ein Belgier posieren für die Kamera. Oft liegen sich die verfeindeten Armeen für viele Monate gegenüber, nur durch ein paar Meter getrennt© Hans Hildenbrand/Galerie Bilderwelt

Ein kleines Mädchen, engelsgleich in hellem Blau, hält seine Puppe im Arm. Daneben lehnen, braun und bedrohlich, zwei Gewehre an der Wand. Es herrscht Krieg. Reims in Frankreich, 1917. Das große Sterben ist nicht weit. Von Belgien bis zur Schweizer Grenze zerschneiden Schützengräben das Land. Allein bei Verdun - Symbol für den Wahnsinn des Stellungskriegs - sind im Jahr zuvor mehr als 700 000 Menschen getötet oder verwundet worden.

Erster Weltkrieg - das bedeutet Grauen, Leid, Tod im Graben. Vor 90 Jahren begann das Gemetzel. Auf den Bildern, die der stern zum Jahrestag präsentiert, leuchtet die Welt in Farbe. Der Himmel ist blau, rote Streifen zieren die Uniformhosen. Man sieht den Schlamm an den Stiefeln des französischen Soldaten, der mit hängenden Schnurrbartspitzen auf dem Pflaster hockt. Unter dem gallischen Hahn und dem amerikanischen Stars-and-Stripes-Banner in Rot und Blau und Weiß stapeln sich erbeutete Geschütze in tristem Grau. Und die vom Geschosshagel zerstörten Wälder zeigen in der Farbaufnahme, dass alles Grün aus ihnen verschwunden ist.

Ungewöhnlicher Blick auf den Krieg

Die lange unbekannten Aufnahmen ermöglichen einen ungewöhnlichen Blick auf den Krieg. Denn unser Bild vom Ersten Weltkrieg wird geprägt von Schwarzweißaufnahmen, die in leicht verblichenen Grautönen Detonationen, Gräben und Gasangriffe zeigen. Jahrzehnte lagen die Farbbilder unbeachtet in Archiven und Sammlungen. Das Interesse am Inferno von 1914 bis 1918 schien, zumindest in Deutschland, gering.

Die Auseinandersetzung mit Hitler und Holocaust ließ wenig Raum für eine Besinnung auf das Grauen, das ihnen vorausging. Vielen fürchteten auch, sich eingestehen zu müssen, dass schon vor dem angeblichen "Betriebsunfall" der Nazi-Herrschaft von Deutschland Krieg und Gewalt ausgingen. Doch im Abstand von 90 Jahren ist, wie die Flut neuer Bücher und Filme zeigt, der Krieg des Kaiserreiches auch hierzulande wieder aktuell. Zu Recht: Er ist die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", wie der Historiker und Diplomat George F. Kennan schrieb.

Fast 70 Millionen Soldaten werden in diesen Kampf geschickt, nahezu neun Millionen sterben. Und mit ihnen das alte Europa der Kaiser und Zaren und Vielvölkerreiche. Als die Waffen endlich schweigen, ist der deutsche Kaiser im Exil, der Zar tot, sind Lenins Bolschewiken siegreich, die USA eine global agierende Militärmacht. Und Deutschland? Dort entsteht eine Republik, die den Keim des Untergangs bereits in sich trägt. Bald wird der ehemalige Frontkämpfer und Postkartenmaler Adolf Hitler in Bierkellern gegen den Frieden von Versailles wettern.

Nicht nur die politische Ordnung des 19. Jahrhunderts wird durch den Krieg hinweggefegt, ebenso einschneidend sind die Veränderungen durch den Fortschritt der Technik. Auf den Schlachtfeldern wendet er sich mit ungeheurer Wucht gegen die Soldaten. Im Frieden verspricht er ein besseres Leben: Es gibt elektrisches Licht, Autos, immer mehr Eisenbahnen. Neue Industrien entstehen, die Lebenserwartung steigt, es sterben weniger Kinder, die Lebensmittel werden besser.

Aufbruch in ein technisches Zeitalter

Auch die Fotografie ist Teil des Aufbruchs in ein technisches Zeitalter. Schon in den Vorkriegsjahren dringt sie in den Alltag der bürgerlichen Schichten ein. Sogar ein sündhaft teures Verfahren zur Herstellung von Farbbildern verbreitet sich. Gepresste Kartoffelstärke macht es möglich, Bilder in erstaunlich natürlichen Farben herzustellen.

Allerdings sind dazu Belichtungszeiten von mehreren Sekunden nötig. Bewegung lässt sich auf den so genannten Autochromen daher schlecht einfangen. So ist es nicht der ganze Krieg, den die bunten Bilder von den Schlachtfeldern festhalten. Viel von seinem Schrecken fehlt. Oft geben die Aufnahmen gestellte Szenen aus ruhigen Minuten an und hinter der Front wieder.

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