Was 1789 mit der Erstürmung der Bastille als Volksaufstand begonnen hatte, wächst sich zu einer der größten Umwälzungen der Geschichte aus: Ein König wird geköpft

Mon cher ami: Bevor dieses ungestüme Jahrhundert zur Neige geht, möchte ich die Gunst der Stunde nutzen, frei über jene Ereignisse zu sprechen, an denen ich teilnehmen durfte, ohne dieses Privileg, wie so viele andere, mit dem Leben bezahlt zu haben. Die Furcht um dieses armselige Leben hat mir bisher die Lippen versiegelt. Doch seit auch das letzte Überbleibsel der Großen Staatsumwälzung, das Direktorium, im Handstreich von General Napoleon Bonaparte hinweggefegt worden ist, finden die Taten, die unser Leben, das Schicksal unserer Nation und die Zukunft unseres Planeten unwiderruflich verändert haben, meine Worte wieder gegen eine Flut von Irreführungen. Meinen Gedanken sind sie nie fern gewesen.
Im Sommer des Jahres 1789 befand sich Frankreich im Taumel zwischen Elend und Hoffnung und stürmte mit dem Mut der Verzweiflung gegen das Ancien régime, an dessen oberster Spitze Ludwig XVI. stand. Ihn hätte man ob seiner Einfalt und seines Ungeschicks bedauern können, wäre er nicht der König - also der Tyrann - gewesen. Unter seiner Herrschaft war Frankreich verkommen und verarmt, aus Kriegen geschwächt und dennoch unablässig und unbarmherzig von zweien seiner drei Stände, Klerus und Adel, ausgesaugt worden. Der Dritte Stand, dem gut 24,5 Millionen von 25 Millionen Franzosen angehörten, war, wie der Abbé Sièyes es formulierte, »nichts und erstrebte, etwas zu werden«, nämlich ein Volk frei von blaublütigen Parasiten und drückenden Steuern, von Rechtlosigkeit und Hunger. Frankreichs Volk darbte im Sommer 1789, denn auch der Allmächtige hatte noch mit Frost, Dürren und Missernten zu seinem Unheil beigetragen.
Im Bemühen, die Staatsfinanzen vor dem Bankrott zu retten, berief der König erstmals seit 1614 die Generalstände ein, in denen der Dritte Stand so stark vertreten war wie die beiden anderen zusammen. Der Dritte Stand sagte sich alsbald los von den Feinden jeder Reform und begründete eine Nationalversammlung, beseelt von den großen Gedanken der Freiheit, wie sie Voltaire und Rousseau in den vergangenen Jahrzehnten geprägt und wie sie die nordamerikanischen Kolonisten, ironischerweise mit Frankreichs Hilfe gegen den viel erträglicheren englischen König Georg III., in einer neuen Staatsform verwirklicht hatten. Eine demokratische Verfassung wie die Amerikaner, das wollten wir auch, doch Ludwig XVI. hintertrieb sie. Als er Truppen gegen die Versammlung in Versailles und das aufrührerische Volk von Paris zusammenzog, kochte der Topf über.
Mein Freund Camille Desmoulins, wortgewaltiger Advokat des Dritten Standes, schürte das Gerücht, der König rufe fremde Truppen zu Hilfe. Am 12. Juli sprang er im Café de Foy beim Palais Royal auf einen Tisch und brüllte: »Die Deutschen ziehen heute Nacht in Paris ein und schlachten alle Einwohner ab.« Er rief die Kaufleute, Handwerker und Tagelöhner zu den Waffen. Man nannte sie, weil sie keine vornehmen Kniebundhosen trugen, sondern weite, bunt gestreifte Beinkleidung, Sansculottes. Waffen besorgten sie sich aus dem Zeughaus. Aber die Munition, erfuhren die Plünderer von Anwohnern, war längst zur Bastille geschafft worden. So lautete der Schlachtruf: »À la Bastille!« Um jene Festung, die sich bedrohlich über die Wohnhäuser der Vorstadt Saint-Antoine erhob, sammelten sich am Vormittag des 14. Juli 1789 unzählige Staatsbürger, Waffen und Munition fordernd. Obwohl zu diesem Zeitpunkt nur noch sieben Gefangene in der Bastille einsaßen, war sie uns allen als Symbol der Unterdrückung aufs Tiefste verhasst.
Ihr Gouverneur, Marquis Bernard de Launay, hatte die Tore schließen und Kanonen in Stellung bringen lassen. Dennoch empfing er Vertreter des Rathauses und des Bezirks und ließ ihnen sogar ein Frühstück servieren. Kaum aber waren sie mit Launays Friedensangeboten gegangen, brach in Paris der Krieg aus. Die Menge bedrängte immer ungestümer die Vorbauten der Burg und drohte, das nur durch eine niedrige Mauer und eine kleine Zugbrücke geschützte Wohnhaus des Gouverneurs in Brand zu stecken. Launay bot an, eine Abordnung in den Vorhof einzulassen, um Munition zu übergeben. Kaum war jedoch die Zugbrücke herabgelassen, da kannte die Meute kein Halten mehr.
In diesem Moment verlor der Marquis de Launay alle Geistesgegenwart. Obwohl die Festung mit ihrer großen Zugbrücke, ihrem Eisengittertor, ihren acht Türmen und 22 Kanonen für die schlecht bewaffneten Eindringlinge uneinnehmbar gewesen wäre, gab er um 13.30 Uhr Befehl zu feuern. Er ließ zudem eine Kanone mit Eisenstücken abbrennen. Tote und Verwundete blieben im Vorhof liegen, derweil die Menge in Panik flüchtete. Ihre Wut stieg nun ins Unermessliche: »Verrat! Verrat!«