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Beutekunst kehrt zurück

In den feuchten Kellern eines verlassenen Betonbaus in Tiflis schimmeln tausende von Büchern aus Deutschland vor sich hin - entführt von sowjetischen Trophäenbrigaden während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Nun will Georgien die wertvollen Stücke zurück nach Deutschland schicken.

Von Nico Wingert, Tiflis

Wolfgang Frühauf ist ein gewissenhafter Bibliothekar: Stundenlang zählt er die Bände. Regal für Regal und Regalboden für Regalboden. Sein Ergebnis: Rund 107.000 Bücher stammen aus deutschen Bibliotheken. Die Werke tragen die Eigentumsstempel von Hamburg, Boizenburg, Halle, und Jena.

"Es ist ein großer Bücherschatz", sagt der Dresdner Experte für Bucherhaltung und Restitution über den Fund in den Kellerräumen eines ausgedienten Betonbaus am Stadtrand von Tiflis. Dort schimmeln Bücher und Konvolute bei einer Luftfeuchtigkeit von knapp 65 Prozent (in Wohnräumen sind 45 bis 55 Prozent normal) und bei einer Temperatur von 15 Grad wie alte Schinken vor sich hin. Überzogen mit dickem gelblich-weißen, grünen und braunen Schimmel.

Doch bei vielen Büchern ist der Schimmel nur äußerlich, "das Buchinnere ist oft noch in Ordnung", so Frühauf nach einer ersten Begutachtung. "Zehn Prozent der Bücher sind nicht mehr zu retten", sagt der Fachmann. Entweder hat der Schimmel längst das Buchinnere erreicht, oder die Buchseiten sind feucht und verklebt - wie nasses Klopapier. Das sind vor allem diejenigen, die nicht in den Metallregalen lagern, sondern auf dem feuchten Fußboden. Immerhin: "Bei 80 bis 90 Prozent bin ich mir ziemlich sicher, dass sie erhaltbar sind", sagt Frühauf.

Viele Bücher stammen aus den Beständen von Adelsbibliotheken. Sie tragen die Eigentumsvermerke der Familie "Fürst von Schönburg Waldenburg", der "Gräflichen Stollbergischen Bibliothek" in Wernigerode oder der Herzoglich Meiningschen Bibliothek. Weitere Bücher ließen sich nur durch eine "wappenkundliche" Bestimmung den verschiedenen Adelshäusern zuordnen.

Um die Bücher vom Schimmel und von dessen für Menschen gefährlichen Sporen zu befreien, müssen sie mit Gammastrahlen beschossen werden. Das kostet rund ein bis zwei Euro pro Buch.

Russen verschleppten Millionen von Bücher

Ab 1946 wurden die Bücher von den Trophäenbrigaden der Roten Armee und der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) in Güterzügen von Berlin-Rummelsburg ins damalige Leningrad und nach Moskau verfrachtet. Die Entführungserlaubnis hatte Stalin den Allierten auf der Konferenz in Teheran 1943 abgerungen. Sie diente auch der Rechtfertigung für die zahlreichen Kunstraube durch die Nazis. 1944 hatten die Russen bedeutende deutsche Kunstschätze und Bücher detailliert in ihren Listen erfasst. Die Schätzungen, wie viele Bücher insgesamt von den Russen verschleppt wurden, variieren: Zwischen sechs bis zehn Millionen Bücher glauben die Experten. Spätestens 1952, so geht aus den georgischen Stempeln in den deutschen Büchern hervor, müssen die Bücher aus Moskau oder Leningrad im georgischen Tiflis angekommen sein.

Beutebücher sollten Akademien auffrischen

Ein Grund für die Buchräuberei war, die in den vierziger Jahren gegründeten nationalen Akademien der Sowjetunion mit Millionen von Beutebüchern "aufzufrischen". Doch Republiken wie Georgien konnten mit den fremdsprachlichen Werken, etwa in deutsch nicht viel anfangen. Deswegen wurden sie nach und nach ausgelagert.

Zum andere´n spielte ein Streit auf höchster Führungsebene im Umgang mit der Beutekunst eine Rolle: Stalin ließ höchst persönlich seinen Marschall Georgi Schukow, damals Oberkommandierender der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, wegen persönlicher Bereichung mit Hilfe von Kunstschätzen vor Gericht stellen. Auch sein Nachfolger Nikita Chrustschow war persönlich für den Raub von 500 Gemälden aus der Dresdener Gemäldegalerie im Sommer 1945 verantwortlich.

Der Major widersetze sich dem Befehl eines Generals

Der Streit zwischen den autark agierenden Trophäenbrigaden und den Sowjetgenerälen um Marschall Schukow lässt sich auch konkret an den verschleppten Büchern der halleschen Leopoldina nachverfolgen: Denn bei einem feierlichen Festessen zur Wiedereröffnung der halleschen Hochschule Anfang 1946 erklärte Generalmajor Kotikow, sowjetischer Militärchef für Sachsen zwar, dass die Bibliothek der Uni Halle zur Verfügung stehen werde, doch aus dem Schreiben des lokalen Sonderbeauftragten der Trophäenbrigaden geht hervor, dass die Bücher mit dem Zug abtransportiert werden. Dieser Major widersetzte sich dem Befehl eines Generals - sicher nicht ohne höchste Rückendeckung zu haben.

Noch befinden sich Millionen Bücher in unbekannten Depots

Noch sind nicht alle geraubten Bücher der Leopoldina in Tiflis aufgefunden worden. Dafür Teile verschiedenster Bibliotheken aus ganz Deutschland, vor allem jene, die aus Angst vor den alliierten Bombenangriffen ab 1943 vor allem in mitteldeutschen Salzbergwerken eingelagert wurden.

Das die Bibliotheken auf die ehemaligen Sowjetrepubliken aufgeteilt wurden, bedeutet auch, dass sich noch Millionen Bücher in irgendwelchen unbekannten Depots befinden müssen. Bislang glaubten viele Bibliothekare, nur die wertvollen Bücher seien nach Moskau gekommen und der Rest wurde verteilt. Außerdem dürfte es schier unmöglich gewesen sein, die sechs bis zehn Millionen Bücher einzeln durchzusehen und nach Wertigkeit - und das noch in einer Fremdsprache - zu beurteilen.

Auch in Tiflis konnte Wolfgang Frühauf das eine oder andere wertvolle Buch entdecken, beispielsweise ein Buch, das die Königin von Sizilien August dem Starken gewidmet hatte, sowie ein altes Testament von 1721 und ein handcolouriertes Buch, das mehrere 10.000 Euro wert sein soll. Den Gesamtwert schätzt der Experte auf "mindestens 30 Millionen Euro, vielleicht auch mehr".

Bücher sollen im Herbst 2009 zurückkommen

Der georgische Chefbibliothekarin Tamar Nemisverdize sagte, dass die Bücher im Herbst 2009 nach Deutschland zurückkommen werden. Im Gegenzug will Deutschland im Sommer zwei georgische Bibliothekare in Restauration ausbilden.

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