Deutsche Ritter im Baltikum

31. März 2004, 17:22 Uhr
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Walter von Plettenberg, Reichsfürst in Riga, als Skulptur in der lettischen Hauptstadt©

Wolter von Plettenberg ist erst 14, als für ihn eine lebenslange Mission beginnt: Anno 1464 zieht er von der Burg Meyerich bei Soest ins ferne Livland, um dort die Reihen der Kreuzritter zu verstärken, die seit dem 13. Jahrhundert mit dem Segen des Papstes weit im Osten für die Ausbreitung des Christentums kämpfen. In der deutschen Adelswelt galt es als vornehm, einen Sohn an die Front der Frommen zu schicken. Allein der Plettenberg-Clan stellte neun Ordensmänner. Mit 31 wird Wolter "Schaffer" - Finanzverwalter im Schloss von Riga. Mit 39 wird er Landmarschall - oberster Befehlshaber des Deutschen Ordens in Livland, das in etwa die Gebiete des heutigen Lettland und Estland umfasste. Litauen entwickelte sich unabhängig davon zu einem Großreich, das sich schließlich 1569 mit Polen vereinigt.

Im Jahr 1501 führt von Plettenberg am Fluss Serica mit 4000 Reitern und 2000 Landsknechten einen spektakulären Präventivschlag gegen ein 40 000 Mann starkes russisches Heer. 1502 erlangt der Spross eines westfälischen Adelsgeschlechts Feldherrnruhm, als er die Russen am Smolina-See erneut besiegt.

In Tallinn und Riga wurde bis 1885 Deutsch gesprochen

Livland, das zuvor ständig russischen Angriffen ausgesetzt war, erblüht in der Periode des Friedens. Sie währt, bis Zar Iwan der Schreckliche den Livländischen Krieg entfacht. Danach beherrscht Russland die Ostsee-Provinzen zwar jahrhundertelang, doch die baltendeutsche Oberschicht bleibt im Lande - Kaufleute, Ritter, Geistliche. In den Hansestädten Tallinn (Reval) und Riga wurde bis 1885 Deutsch gesprochen. Johann Gottfried Herder predigte im Dom von Riga.

Erst 1939 müssen die Baltendeutschen gehen - "heim ins Reich", wie es nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts heißt, in dessen Folge Estland, Lettland und Litauen ihre erst 1918 erklärte Unabhängigkeit verlieren und unter Sowjetdiktatur geraten.

Wieder beginnt für die Balten eine Periode von Unterdrückung, Besetzung und Freiheitskampf, in dem sie sich unter anderem mit großen Musikfesten Gehör verschaffen. 1991 folgt auf ihre "singende Revolution" die erneute Unabhängigkeit.

40 Jahre lang umsichtige Politik

Unter den Statthaltern der gut 300-jährigen deutschen Kolonialzeit im Baltikum war Wolter von Plettenberg eine herausragende Figur. 40 Jahre lang erwies sich der Ordensmeister und spätere Reichsfürst als umsichtiger Politiker, regierte 70 Kilometer von Riga entfernt auf einer Burg in der Kleinstadt Wenden, dem heutigen Cesis.

Dort war er in seinen letzten 15 Lebensjahren mit der aufkeimenden Reformation konfrontiert, die er als Mann des Vatikans eigentlich hätte bekämpfen müssen. Doch er hielt sich aus den Glaubenskämpfen heraus und versuchte, die Konflikte friedlich beizulegen. 1535 starb Plettenberg 85-jährig in Wenden und wurde in der St. Johanniskirche beigesetzt.

Zeittafel 6000-3000 v. Chr.: Finno-ugrische Volksstämme besiedeln Lettland und Estland
2000 v. Chr.: Baltische Stämme beginnen, das heutige Litauen zu besiedeln
ab 500 v. Chr.: Bernsteinhandel mit Südeuropa
1180: Kaufleute der Hanse gründen Handelsposten
ab 1201: Vordringen des Deutschen Ordens ins Baltikum
ab 1236: Kleinreiche bilden Litauen
1346: Aus Lettland und Estland entsteht der Staatenbund Livland
1558-1582: Livländischer Krieg
1569: Vereinigung von Polen und Litauen
1721: Nach dem Großen Nordischen Krieg fällt ganz Livland ans russische Zarenreich
1914-1918: Im Ersten Weltkrieg besetzt Deutschland das ganze Baltikum
1918: Estland, Lettland und Litauen erklären ihre Unabhängigkeit
1940: Zwangsanschluss an die UdSSR
1991: Moskau anerkennt Unabhängigkeit der baltischen Staaten

Tilman Müller