Mit 24 will er sich umbringen, mit 25 ist er weltberühmt. Sein ganzes Leben ist ein Rausch zwischen Macht und Frauen, Kunst und Krieg, Lust und Flucht, Dichtung und Wahrheit.

Über seinem Bett hängt der Schattenriss von Lotte. Neben seinem Bett liegt der wohlgeschliffene Dolch. Er nimmt ihn, bevor er die Kerze löscht, und setzt die scharfe Spitze auf seine Brust. Goethe ist 24. Er ist beseelt vom Gedanken, die Erde zu verlassen. Er hat es doch bei Montesquieu gelesen: Helden und große Männer haben ein Recht, den 5. Akt ihrer Tragödie selbst zu bestimmen. Ja, ja, er weiß, er ist kein Held, ihn zeichnet eher ein Mangel an Taten aus, und fünf Akte hat er auch noch nicht durchlebt. Aber der Schmerz ist doch da, die Pein, das Liebesleid.
Goethe durchdenkt alle Todestechniken: Gift? Strick? Adern öffnen? Oder raffiniert sterben durch den Biss einer Natter? Nein. Ein Selbstmord muss mit der Freiheit des Geistes getan werden. Nicht wie der griechische Held Ajax, der seinen Körper ins Schwert fallen lässt. Wohl aber wie der römische Kaiser Otho, der sich den Dolch, den er am Bette liegen hat, mitten ins Herz stößt.
Wer das nicht kann, sagt Goethe, darf sich nicht erlauben, die Welt zu verlassen. Und so versucht er denn Abend für Abend, bevor er das Licht löscht, seinen Dolch - behutsam - ein paar Zoll tief in die Brust zu stoßen. Es geht nicht. Natürlich. Und so lachte ich mich zuletzt selbst aus, schreibt er 40 Jahre später in 'Dichtung und Wahrheit', warf alle hypochondrischen Fratzen hinweg, und beschloß zu leben. Aber wie?
Da kommt ihm der Tod zu Hilfe: Ein junger Mann, den er ein paarmal getroffen hat, erschießt sich aus unerfüllter Liebe zu einer verheirateten Frau. Das ist es doch. Das kennt er doch. Auch er liebt doch Lotte, die ebenfalls vergeben ist. Das will er erzählen in den 'Leiden des jungen Werthers'. Es ist die Geburt des größten deutschen Bestsellers.
Goethe schreibt das Buch in ein paar Wochen. Er schüttet seine wunde Seele hinein. Taumelnd und lyrisch, sanft und süchtig, wild und wuchtig. Und am Ende hämmert er die Sätze wie Nägel aufs Papier: Um zwölfe mittags starb er Man fürchtete für Lottes Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.
So etwas hat es noch nicht gegeben. Ein Roman rauscht im Triumph durch Europa. Man kleidet sich wie Werther, trägt blauen Frack zur gelben Hose, sprüht Eau de Werther drüber, trinkt Tee aus Tassen mit Werthers Porträt, und wer so unglücklich liebt wie Werther, erschießt sich auch wie Werther.
Und Goethe? Der braucht den Dolch nicht mehr, der schreibt sich mit der Feder auf den Olymp.
Vor dem Tod aber hat er bis zu seinem Lebensende eine Heidenangst. Er spricht nicht über ihn, schreibt nicht über ihn, geht zu keiner Beerdigung, nicht zu den Eltern, nicht zu seiner Schwester, seiner Frau und dem Herzog, nicht zu Herder, Wieland, Schiller und Charlotte von Stein. Ihr Sarg poltert an seinem Arbeitszimmer vorbei. Und als er die Nachricht vom Tod seines Sohnes erhält, sagt er: Ich wußte immer, daß ich einen Sterblichen gezeugt. Goethe will unsterblich sein.
Dabei kommt er am 28. August 1749 so gut wie tot zur Welt. Drei Tage dauert die Geburt. Als er endlich mittags ans Licht gezerrt wird, ist er schon blau. Eine hilflose Hebamme stiert auf das atemlose Wesen. Da greift die Großmutter ein, massiert die Herzgrube des Jungen mit Wein und schüttelt ihn ins Leben.
Wolfgang und seine Schwester Cornelia sind Überlebende. Vier ihrer Geschwister sterben bald nach der Geburt. Nur Jakob hält ein paar Jahre durch. Als auch ihn der Tod holt, vergießt der 10-jährige Goethe keine Träne. Ob er denn den Bruder nicht geliebt habe, fragt die Mutter. Da läuft der Junge in seine Kammer, kramt unterm Bett einen Haufen Papiere mit Geschichten und Lektionen hervor und sagt: Das habe alles er gemacht, um es dem Bruder beizubringen.
Da ist schon der Oberlehrer Goethe, der immer alles besser weiß. Der auch seiner schwermütigen Schwester sagt, wie sie schreiben und was sie lesen soll. Als er in Leipzig studiert, bittet er Cornelia, in ihren Briefen einen breiten Rand zu lassen - für seine Korrekturen. Wenn du willst, daß ich für dich sorgen soll, schreibt er, so mußt du mir folgen.
A ber noch leben die zwei zusammengeklettet im reichen Haus am Frankfurter Großen Hirschgra ben 23, ein paar Schritte von der Hauptwache entfernt. Der Vater, Kaiserlicher Rath im Magistrat, sorgt für Zucht und Ordnung und den besten Unterricht.
Die Kinder lernen leicht: Latein, Griechisch, Italienisch, Französisch, Religion. Wolfgang auch Fechten und Reiten. Geschichte mag er nicht. Geschichte ist für den späteren Politiker ein Mischmasch von Irrtum und Gewalt. Geometrie wandelt er ab ins Tätige, bastelt und klebt kleine Häuser mit Türen und Treppen. Seine Handschrift ist schön und sauber bis zum Lebensende. Aber die Wörter schreibt er, wie's ihm gerade passt. Interpunktion interessiert ihn nicht. Er überlässt das später seinen Schreibern.