Die jungen Wilden von Weimar

19. Februar 2001, 13:30 Uhr

Mit dem Regenten Carl August holt Goethe seine Pubertät nach. Sie raufen und saufen und regieren auch ein bisschen. Die prüde Hofdame Charlotte von Stein schürt seinen Hochmut, seine Schreiblust und seine platonische Leidenschaft

Mit dem Regenten Carl August holt Goethe seine Pubertät nach. Sie raufen und saufen und regieren auch ein bisschen. Die prüde Hofdame Charlotte von Stein schürt seinen Hochmut, seine Schreiblust und seine platonische Leidenschaft

Am Hirschgraben ist der Teufel los. Seit 'Werther' das berühmteste Buch in Europa ist, will jeder den Doktor Goethe sehen. Neugierige bleiben vorm Haus Nummer 23 stehen und gaffen in die Fenster. Der Postbote schleppt Fanbriefe an. Und jeden Tag kommen Freunde und Bekannte nach Frankfurt. Mutter Goethe blüht auf. Sie sonnt sich im Ruhme ihres Hätschelhans. Sie backt und brutzelt, putzt und kocht, trägt die besten Weine aus dem Keller hoch und ignoriert die vorwurfsvollen Blicke ihres gnadderigen Mannes. Soll der mal lieber zu seinen Akten gehen.

Sie tischt auf, sie unterhält die Leute, erzählt, wie früh der Bub schon geschrieben habe. Immer wenn ihm die Seele wehtat, musste es raus. Wie beim Werther jetzt, gell? Und schenkt nach, bezieht Betten für Nachtgäste, der Gelehrte Lavater kommt doch aus Zürich angereist, der alle Leute nur nach ihrem Schattenriss beurteilt, Jung Stilling kommt aus Straßburg, sogar der 18-jährige Erbprinz Carl August fährt mit seinem Tross im Hirschgraben vor, der frische Regent von Sachsen-Weimar.

Nicht, dass der so gerne Bücher liest, aber er hat einen guten Instinkt, ist gerade dabei, berühmte Köpfe für den Hof zu sammeln. Und Goethe, sagt er, muss unbedingt nach Weimar kommen. Versprochen? Augenzeugen sagen, der Herzog sei ganz verliebt gewesen in ihn.

Und Goethe steigt nach dem Essen mit seinen Freunden in den zweiten Stock hoch, in seine Mansarde. Da hocken sie dann zwischen Bett und Staffelei, Zeichnungen, Büchern, Schattenrissen und Manuskripten und lachen sich weg über all die Sittenwächter, die Goethe beschimpfen: Er verherrliche den Selbstmord und versetze die Welt in Sterbenswonne. Pfaffengewäsch, sagt Goethe und trägt mit Pathos ein paar satirische Nach-Werther-Verse vor, die er gerade frisch gemacht: ...hätt er geschissen so wie ich, / dann wär er nicht gestorben.

Auch die feine Frankfurter Gesellschaft öffnet ihre Tore. Goethe wird den Schönemanns vorgestellt, der bekannten Bankiersfamilie. Er fühlt sich dort wie ein Papagei auf der Stange, wird angestarrt und ist gehemmt, spürt auch Widerstand. Und Demoiselle Lili, die schöne Tochter des Hauses, ist so gewandt, so selbstbewusst und elegant, eben eine Dame von Welt. Nicht bequem, auch nicht vergeben - also alles höchst problematisch für Goethe.

Wenn sie allein sind, geht es. Dann reiten sie aus, küssen sich, mögen sich. Es wird eine heftige, feurige Liebe. In ihren Zimmern darf er zwischen Schachteln und Hüten, Kleidern und Pappdeckeln an ihrem Sekretär sitzen. Und was tut er da? Schreibt einen Liebesbrief an die 22-jährige Auguste, die Schwester seiner gräflichen Dichterfreunde Stolberg. Das ist meist so bei Goethe. Wenn er zu tief in eine Liebe gerät, braucht er ein Nebengeschöpf.

Goethe hat Gustchen nie im Leben gesehen, aber er schwört, dass sie das einzige Herz sei, das ganz in meinem Busen schlägt. Hingewühlte, verworrene, heitere, offene Briefe sind das. Er schreibt auch, was er gerade anhat und dass er umleuchtet sei vom unbedeutenden Prachtglanze der Wandleuchter und dass Lili eine niedliche Blondine sei, mit der er nachher auf den Ball will. Lili kommt! Ach nein. Sie will sich umziehen. Adieu Gustchen - der unruhig Goethe.

Lili und Goethe verloben sich, fallen einander bewegt in die Arme. wenn ich, Lili, dich nicht liebte, / wär, was wär mein Glück? Die Flucht natürlich. Wie immer, wenn's brenzlig wird. Er will doch gar nicht bürgerlich werden, er, der mit 'Götz' und dem 'Werther' zum Kopf des Sturm und Drang geworden ist.

Ehe, das ist doch wie Ende. Und er fängt doch erst an. O wenn ich jetzt nicht Dramas schriebe, ich ginge zu Grund, sagt er. Er hat jetzt auch einen Diener, Philipp Seidel, einen witzigen, hellen Kopf, noch nicht mal 20 geworden. Mit dem ist er in der letzten Zeit so herrlich herumgereist. An die Lahn, an den Rhein, nach Düsseldorf, in die Schweiz. Sie leben zusammen, schlafen zusammen in einem Zimmer. Und Goethe diktiert, und Seidel schreibt: Szenen für den Urfaust, für Clavigo, Stella, Egmont, auch Lili-Lieder und Wanderers Sturmlied. Wen du nicht verlässest, Genius...

Er verlässt Lili. Löst die Verlobung auf. Rettet sein Ego. Und nun? Irgendwo hin. Da ist doch noch diese Einladung nach Weimar. Herzog Carl August hat Goethe schon ein zweites Mal zu Hofe gebeten. Kammerherr von Kalb werde ihn abholen.

Wie das klingt! Fürstenhof. Adel. Macht. Der Vater warnt. Man mache sich nicht zum Diener dieser Herren. Und wo bleibt denn der von Kalb überhaupt? Noch immer nicht da. Man wolle sich doch nur lustig machen über ihn.

Goethe ist verunsichert. Vielleicht doch besser nach Italien? Also gut. Der Vater spendiert die Reise. Er packt. Er fährt. In Heidelberg hört er: Der Kammerherr warte im Hirschgraben. Goethe jagt zurück nach Frankfurt, und auf geht's nach Thüringen.

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