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Die jungen Wilden von Weimar

Mit dem Regenten Carl August holt Goethe seine Pubertät nach. Sie raufen und saufen und regieren auch ein bisschen. Die prüde Hofdame Charlotte von Stein schürt seinen Hochmut, seine Schreiblust und seine platonische Leidenschaft

Mit dem Regenten Carl August holt Goethe seine Pubertät nach. Sie raufen und saufen und regieren auch ein bisschen. Die prüde Hofdame Charlotte von Stein schürt seinen Hochmut, seine Schreiblust und seine platonische Leidenschaft

Am Hirschgraben ist der Teufel los. Seit 'Werther' das berühmteste Buch in Europa ist, will jeder den Doktor Goethe sehen. Neugierige bleiben vorm Haus Nummer 23 stehen und gaffen in die Fenster. Der Postbote schleppt Fanbriefe an. Und jeden Tag kommen Freunde und Bekannte nach Frankfurt. Mutter Goethe blüht auf. Sie sonnt sich im Ruhme ihres Hätschelhans. Sie backt und brutzelt, putzt und kocht, trägt die besten Weine aus dem Keller hoch und ignoriert die vorwurfsvollen Blicke ihres gnadderigen Mannes. Soll der mal lieber zu seinen Akten gehen.

Sie tischt auf, sie unterhält die Leute, erzählt, wie früh der Bub schon geschrieben habe. Immer wenn ihm die Seele wehtat, musste es raus. Wie beim Werther jetzt, gell? Und schenkt nach, bezieht Betten für Nachtgäste, der Gelehrte Lavater kommt doch aus Zürich angereist, der alle Leute nur nach ihrem Schattenriss beurteilt, Jung Stilling kommt aus Straßburg, sogar der 18-jährige Erbprinz Carl August fährt mit seinem Tross im Hirschgraben vor, der frische Regent von Sachsen-Weimar.

Nicht, dass der so gerne Bücher liest, aber er hat einen guten Instinkt, ist gerade dabei, berühmte Köpfe für den Hof zu sammeln. Und Goethe, sagt er, muss unbedingt nach Weimar kommen. Versprochen? Augenzeugen sagen, der Herzog sei ganz verliebt gewesen in ihn.

Und Goethe steigt nach dem Essen mit seinen Freunden in den zweiten Stock hoch, in seine Mansarde. Da hocken sie dann zwischen Bett und Staffelei, Zeichnungen, Büchern, Schattenrissen und Manuskripten und lachen sich weg über all die Sittenwächter, die Goethe beschimpfen: Er verherrliche den Selbstmord und versetze die Welt in Sterbenswonne. Pfaffengewäsch, sagt Goethe und trägt mit Pathos ein paar satirische Nach-Werther-Verse vor, die er gerade frisch gemacht: ...hätt er geschissen so wie ich, / dann wär er nicht gestorben.

Auch die feine Frankfurter Gesellschaft öffnet ihre Tore. Goethe wird den Schönemanns vorgestellt, der bekannten Bankiersfamilie. Er fühlt sich dort wie ein Papagei auf der Stange, wird angestarrt und ist gehemmt, spürt auch Widerstand. Und Demoiselle Lili, die schöne Tochter des Hauses, ist so gewandt, so selbstbewusst und elegant, eben eine Dame von Welt. Nicht bequem, auch nicht vergeben - also alles höchst problematisch für Goethe.

Wenn sie allein sind, geht es. Dann reiten sie aus, küssen sich, mögen sich. Es wird eine heftige, feurige Liebe. In ihren Zimmern darf er zwischen Schachteln und Hüten, Kleidern und Pappdeckeln an ihrem Sekretär sitzen. Und was tut er da? Schreibt einen Liebesbrief an die 22-jährige Auguste, die Schwester seiner gräflichen Dichterfreunde Stolberg. Das ist meist so bei Goethe. Wenn er zu tief in eine Liebe gerät, braucht er ein Nebengeschöpf.

Goethe hat Gustchen nie im Leben gesehen, aber er schwört, dass sie das einzige Herz sei, das ganz in meinem Busen schlägt. Hingewühlte, verworrene, heitere, offene Briefe sind das. Er schreibt auch, was er gerade anhat und dass er umleuchtet sei vom unbedeutenden Prachtglanze der Wandleuchter und dass Lili eine niedliche Blondine sei, mit der er nachher auf den Ball will. Lili kommt! Ach nein. Sie will sich umziehen. Adieu Gustchen - der unruhig Goethe.

Lili und Goethe verloben sich, fallen einander bewegt in die Arme. wenn ich, Lili, dich nicht liebte, / wär, was wär mein Glück? Die Flucht natürlich. Wie immer, wenn's brenzlig wird. Er will doch gar nicht bürgerlich werden, er, der mit 'Götz' und dem 'Werther' zum Kopf des Sturm und Drang geworden ist.

Ehe, das ist doch wie Ende. Und er fängt doch erst an. O wenn ich jetzt nicht Dramas schriebe, ich ginge zu Grund, sagt er. Er hat jetzt auch einen Diener, Philipp Seidel, einen witzigen, hellen Kopf, noch nicht mal 20 geworden. Mit dem ist er in der letzten Zeit so herrlich herumgereist. An die Lahn, an den Rhein, nach Düsseldorf, in die Schweiz. Sie leben zusammen, schlafen zusammen in einem Zimmer. Und Goethe diktiert, und Seidel schreibt: Szenen für den Urfaust, für Clavigo, Stella, Egmont, auch Lili-Lieder und Wanderers Sturmlied. Wen du nicht verlässest, Genius...

Er verlässt Lili. Löst die Verlobung auf. Rettet sein Ego. Und nun? Irgendwo hin. Da ist doch noch diese Einladung nach Weimar. Herzog Carl August hat Goethe schon ein zweites Mal zu Hofe gebeten. Kammerherr von Kalb werde ihn abholen.

Wie das klingt! Fürstenhof. Adel. Macht. Der Vater warnt. Man mache sich nicht zum Diener dieser Herren. Und wo bleibt denn der von Kalb überhaupt? Noch immer nicht da. Man wolle sich doch nur lustig machen über ihn.

Goethe ist verunsichert. Vielleicht doch besser nach Italien? Also gut. Der Vater spendiert die Reise. Er packt. Er fährt. In Heidelberg hört er: Der Kammerherr warte im Hirschgraben. Goethe jagt zurück nach Frankfurt, und auf geht's nach Thüringen.

Am 7. November 1775 kommt er mit Hallihallo in Weimar an. Er trägt Werther-Kluft, den blauen Frack und gelbe Hosen in Stulpenstiefeln. Sieht ja toll aus. Viel besser als die faltigen Seidenstrümpfe in Schnallenschuhen. Die herzogliche Schneiderei ist voll ausgebucht, denn die Kluft ist ab sofort offizielle Hoftracht.

Mit Goethes Einzug, schreibt Peter Merseburger in seinem 'Mythos Weimar', beginnt die wilde, stürmische Zeit der sogenannten Kraftgenies, die ihren Rousseau gelesen haben.

Die Stadt ist ein Nest zwischen Äckern, Weiden und Wäldern, wo Hühner rumwetzen und Schweine sich suhlen. Das Schloss ist seit einem Jahr abgebrannt, der Herzog lebt mit seiner jungen Frau in einer Villa, wo die Balken faulen, die Herzoginmutter - die bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes die Geschäfte geführt hatte - in einem ärmlichen Palais. Ein Regierungsgebäude gibt es nicht. Die Hofküche ist im Nebenhaus, die Speisen werden über die Straße getragen.

Macht nichts. Carl August ist kein Gourmet. Er ist grob, vergnügungssüchtig und meist unterwegs. Mit Goethe. Der ist vom ersten Tag an sein Favorit. Sie jagen auf ihren Gäulen durchs Revier, abends manchmal eingehüllt in Bettlaken. Sollen die Bauern ruhig an Gespenster glauben!

Am Morgen spreizen sie sich auf dem Marktplatz. Stehen breitbeinig da in ihren Stulpenstiefeln und knallen mit der langen Hetzjagdpeitsche stundenlang um die Wette. Wer kann am lautesten?

Und dann fegen sie mit ein paar Jägern wieder los zum Ettersberg hin, schießen und brutzeln die Beute am offenen Feuer, schlafen in Jagdhütten oder irgendwo in einem Dorf. Manchmal liegen sie auf Strohsäcken unter Weimars Sternenhimmel, kriegen Flöhe und quatschen bis zum Morgen über Wind und Weiber. In solchen Nächten duzt der Herzog seinen Favoriten. Und der nennt ihn Jupiter.

Sie reden dann wie Götz von Berlichingen. Der Herzog findet den wüsten Ritterston in Goethes Stück einfach genial. Er aber, sag's ihm, er kann mich...! Götz dritter Akt. Das ist der neue Genieton, die neue Hofsprache.

Aber dann sitzt Goethe auch allein am Hang des Ettersberg und schreibt: Ach ich bin des Treibens müde! / Was soll all die Quaal und Lust. / Süsser Friede, / komm ach komm in meine Brust!

Aber er zieht natürlich doch wieder los mit seinem Busenfreund, und der qualmt eine Pfeife nach der anderen, was der lebenslange Nichtraucher Goethe eigentlich ganz schrecklich findet. Und ewig diese Riesenköter mit dem ekligen Speichelfluss um Carl August herum. Goethe hasst Hunde, vor allem bellende.

Und der Herzog säuft. Oft, bis er umfliegt. Manchmal fliegt er auch im Galopp vom Pferd, weil er ein schlechter Reiter ist. Und er hurt rum, zeugt in den nächsten Jahren eine stattliche Anzahl von Kindern. Also da macht Goethe nicht mit. Er hat doch ewig diese Angst vor Syphilis. Im übrigen ist da ja schon eine Angebetete, die Hofdame Charlotte von Stein.

Aber er miselt, wie er das Rumturteln nennt, natürlich auch und hilft dem Herzog, wenn dessen Mädchen mit einem Mädchen niederkommen. Er sorgt dann dafür, dass die irgendwo untergebracht werden. Die männlichen Kegel kommen allesamt zu den Förstern und Jägern. Da werden sie aufgezogen und haben später gleich einen ordentlichen Beruf.

So. Und nun muss ja auch mal regiert werden. Im Sommer 1776, ein halbes Jahr nach Goethes Ankunft, beschließt der junge Herzog, alle wichtigen Ämter mit seinen Freunden zu besetzen. Sein Frankfurter Liebling, dem er im April das hübsche kleine Gartenhaus an den Ilmwiesen geschenkt hat, wird zum Geheimen Legationsrat ernannt. Goethe sitzt damit im Ministerium. Sein Gehalt beträgt 1200 Taler im Jahr. Das zweithöchste im Land. Goethe leistet den Amtseid und geht mit silbernem Degen und silbernen Schnallen an den Schuhen zur ersten Sitzung.

Widerstand gegen den Günstling wird nicht geduldet. Der Mann, sagt Carl August den Höflingen mit älteren Rechten, sei ein Genie. Und wer die Talente eines Genies nicht gebrauche, der missbrauche sie. Basta.

Also wen kann er noch einstellen? Der Dichter Wieland ist schon da. Der ist Erzieher bei Hofe. Herder!, sagt Goethe. Der wäre doch was für die Stelle des Generalsuperintendenten, des höchsten geistigen Amtes im Land. Zehn Pastoren bewerben sich zwar schon, aber der Herzog will was Junges, Berühmtes. Und Herder soll ja ein richtiger Spötter sein, ein scharfer Prediger. Umso besser! Bei seinem Lebenswandel kann der Herzog keinen frommen Pfaffen brauchen. Also der Herder soll kommen.

Herder sagt zu. Und Goethe mistet, wie er ihm schreibt, schon mal die Dienstwohnung aus. Das heißt, er setzt den jetzigen Pastor mit dessen zehn Kindern vor die Tür.

Liliput-Weimar wird von Halbstarken regiert. Herzog Carl August ist 18, seine Frau Luise 18, sein Bruder Constantin 17. Seine Entourage ist relativ jung: die verwitwete Herzogin Anna Amalia 36, Charlotte von Stein 33, Kammerrat August von Kalb 28, Herder 31. Und mittendrin Goethe mit 26 Jahren. Regieren!, notiert er im Tagebuch. Und Wieland schreibt: Unser Goethe ist Favorit-Minister, Faktotum und trägt die Sünden der Welt.

Seine eigenen scheinen leichtes Gepäck. Der spätpubertierende Goethe und sein Duodez-Freund sind der Schrecken der Stadt. Jeden Morgen das knallende Ritual auf dem Markt. Und dann gucken sie mal beim tumben Krämer Elias Glaser vorbei, rollen dessen Fässer vom Hof, die abschüssige Straße hinunter, und während der Kaufmann seiner Habe hinterher rennt, verspeisen Durchlaucht und sein Favorit in der Stube, was aufgetischt ist. Dann schneidet Goethe aus dem Porträtgemälde an der Wand den Kopf heraus, und als Glaser zurückkommt, glotzt er ihn durchs zerschnittene Öl an und grinst. Und der Untertan hat sich am Ende der Verwüstung noch zu verbeugen.

Zeitgenosse Karl August Böttiger, Direktor des Gymnasiums und glänzender Beobachter, hat viel vom Geniegehabe der beiden notiert und später in Preußen veröffentlicht. Goethe hat das rasend geärgert, weil solche Geschichten natürlich dem Image schaden. Alles erfunden!, wird er behaupten. Aber es gibt Zeugen.

Jupiter und sein Jünger zertrümmern Fensterscheiben, werfen tote Katzen in Butterfässer, prügeln sich auf Landpartien, bis Blut fließt, lösen Pfefferkuchen in Wasser auf, gießen die braune Sauce ins Bett eines Höflings und brüllen: Seht die Sau!

Wer Ordnung und Anstand nicht mit Füßen treten wollte, schreibt Böttiger, war ein Spießbürger. Ein solcher Spießbürger ist für das Horrorduo Friedrich Johann Justin Bertuch, Schriftsteller und Unternehmer, ein Investor für Weimar, den die Stadt so dringend braucht, weil er Arbeitsplätze schafft.

An dem Abend, als der seine junge Frau in die sehr luxuriöse Wohnung nach Weimar bringt, erscheinen auch Goethe und sein Herzog. Mit Degen und mit Peitsche. Bertuch sei ja verdammt spießig eingerichtet! Mit diesen Spiegeln und dem feudalen Nachtstuhl! Und knallen mal die Peitsche drüber. Und durchstechen mal die Tapeten in allen Zimmern. Und zünden mal das Buch auf dem Sekretär an.

Wie vom Donner gerührt steht das Ehepaar da - bis die zwei johlend abziehen. Bertuch erkrankt darauf schwer. Als der Arzt von Todesgefahr spricht, erscheinen die Hofgenies und entschuldigen sich. Goethe ging mit Thränen aus der Kammer.

Es ist Charlotte von Stein, die den Dichterrowdy in die Zucht nimmt, die ihm Manieren beibringt, die ihn zum Minister erzieht und zum Liebhaber ohne Lust auf das Letzte.

Acht Tage nach seiner Ankunft lernt Goethe sie kennen. Die Hofdame ist 33, der Poet 26. Sie ist ein nervöser Typ, klein und mager, schwarze Haare, dunkle Augen, brauner Teint mit roten Wangen. Immer weiß gekleidet. Immer ein bisschen leidend.

Elf Jahre ist sie nun schon mit dem feschen, vermögenden Oberstallmeister des Herzogs verheiratet. Eine gute Partie, aber keine glückliche Ehe. Die zarte Seele ekelt sich vor der Derbheit ihres Mannes. Ihr Körper ist kaputt von sieben Geburten. Vier Töchter sind gestorben, drei Söhne leben. Sie ist verbraucht, kühl, frigide.

Da kommt Goethe. Und es beginnt eine zehnjährige Liaison, die am Hofe mit Wollust verfolgt wird. Alles ist doch öffentlich damals. Jeder Brief geht durch viele Hände. Jedes Gespräch wird weitererzählt. Jeder Koch und jeder Lakai tratscht. Hat Carl August mit seiner Frau geschlafen? Meist hat er nicht. Das weiß man alles.

Wer nachts einen Liebesbrief zur Angebeteten trägt, wird erkannt. Es gibt ja keine Straßenbeleuchtung. Man läuft doch mit der Laterne vor der Nase los. Goethe hat 1700 Briefe, Billets und Zettelchen an Frau von Stein geschrieben. Also jeder bei Hofe fragt sich, wie weit sind die zwei? Und haben sie schon? Nein, sie haben nicht.

Aber Goethe hat ein Stück geschrieben. Eine Fingerübung für das Hoftheater. 'Die Geschwister' heißt der Einakter. Und es hat für unser Gefühl etwas Seltsames, schreibt Richard Friedenthal in seiner Goethe-Biografie, diese höchst persönlichen Dinge da vor einem Kreis vorgetragen zu denken, der um die Beziehung der beiden wusste.

Die Geschichte: Wilhelm und Marianne lieben sich. Aber sie dürfen nicht zueinander kommen, weil sie Bruder und Schwester sind, das denkt sie. Aber er weiß, dass Marianne die Tochter seiner früheren Geliebten ist. Aus deren Ehe. Diese Frau hätte er so gern geheiratet. Nur die Verhältnisse waren nicht so. Die Angebetete ist dann gestorben, die Erde war sie nicht wert.

Dieser Traumfrau gibt Goethe ganz ungeniert den Namen Charlotte. Und Wilhelm bekennt im Stück einem Freund, dass er durch diese Charlotte ein ganz anderer Mensch geworden sei. Er liest ihm sogar einen Brief der Angebeten vor. Und Friedenthal schließt nicht aus, dass Goethe - wie er's ja auch schon im 'Werther' getan - da einen echten Brief der Charlotte von Stein ins Spiel gebracht hat. Vor einem halben Jahr, heißt es darin, war ich so bereit zu sterben, und bins nicht mehr.

Dabei findet Frau von Stein Goethe zunächst flegelhaft und ungezogen. Ein verwöhnter Bursche, dem der Ruhm eines Bestsellers zu Kopf gestiegen ist. Kokett, arrogant, linkisch, keine Achtung vor Frauen, keine Ahnung vom Tanzen. Trotz aller Stunden, die er nimmt. Er wird's nie lernen. Und immer diese leicht devote Haltung vor Ranghöheren. Und dann wieder rein in den Fettnapf: Na, Ihr Semmelköpfe!, sagt er zu den strohblonden Fürstensöhnchen aus Gotha. Unglaublich, dieses Benehmen.

Und wie lebt er überhaupt? Vor den Toren Weimars im Gartenhaus. Wie ein Naturbursche. Springt nackt in die Ilm, verschreckt die Spaziergänger, reist in billigen Klamotten inkognito so in der Gegend rum, horcht, was die Leute über Goethe und Weimar sagen, kommt verwildert zurück und fühlt sich wie Harun al Raschid: Er weiß nun, wie das Volk denkt.

Und dann dieser Diener, dieser junge Philipp Seidel. Schlafen in einem Zimmer. Merkwürdig. Und diese Ansichten! Goethe ist ja wenigstens für Despotismus, wenn auch für einen aufgeklärten. Aber Seidel ist für Freiheit. Und das sagt er auch noch laut. Erlaubt ist, was gefällt, wird Goethe seinen Tasso sagen lassen. Und die Prinzessin, Frau von Steins Alter Ego, wird antworten: Erlaubt ist, was sich ziemt.

Am 3. April 1776 erhält Goethe einen Zettel aus dem Gasthof: Der lahme Kranich ist da und weiß nicht, wohin er seinen Fuß setzen soll. Der Lenz ist da. Jakob Michael Reinhold Lenz. Goethe kennt das kleine wunderliche Ding aus Straßburg, diesen hübschen, zarten, nervösen, hochbegabten Dichter vom 'Hofmeister' und den 'Soldaten'. Ein bisschen meschugge war er schon immer. Wollte damals, als Goethe aus Sesenheim floh, Friederike Brion heiraten - oder sich umbringen. Schwärmte auch Goethes Schwester Cornelia an. Er hielt sich doch für Goethes Zwilling. 'Unsere Ehe' hieß ein Text aus jener Zeit.

Also großes Hallo. Der Herzog jubelt ebenfalls. Langsam füllt sich ja der Musenhof. Der wilde Friedrich Maximilian Klinger war inzwischen eingetroffen, dieser Dramatiker, der immer rohes Fleisch kaute. Alle Kraftgenies leben aus der Schatulle des Herzogs. Vom Charme des Lenz sind sie bezaubert. Aber benehmen kann der sich auch nicht.

Schmuggelt sich auf einen Ball en masque und wirbelt das Fräulein von Lasberg quer durch den Saal, eben dieses junge Ding, das sich bald wegen einer unglücklichen Liebe in der Ilm ertränken wird - mit Goethes Werther in der Tasche.

Also Lenz, das geht nicht! Der Tanz des Bürgerlichen wird gestoppt. Der Herzog verweist ihn. Aber dann lacht er sich auch wieder weg, als der Dichter ihm vorschlägt, seine kleine Armee mit einem Amazonenkorps von Edelhuren zu reformieren. So ist der Hof in Weimar: eine Mischung aus Einschüchterung und Zügellosigkeit, aus Feudalismus und Aufklärung.

Goethe aber ist verschnupft. Er kann es schlecht vertragen, wenn ihm einer in die Quere kommt. Und wie gut Lenz sich mit Charlotte von Stein versteht! Englischstunden gibt er ihr. 'Frau von Stein findet meine Methode besser als Deine', schreibt er Goethe. Und der kocht. Und dann begleitet Lenz Charlotte auch noch auf ihren Sommersitz nach Kochberg. Ich verbitte mir auch alle Nachricht von Ihnen oder Lenz, schreibt Goethe ziemlich beleidigt.

Dann aber muss irgendetwas passiert sein. Am 26. November 1776 notiert Goethe im Tagebuch: Lenzens Eseley. Am 1. Dezember wird Lenz vom Herzog des Landes verwiesen. Nein, es gibt kein Pardon! Was war passiert? Man weiß es nicht genau. Die Akte Lenz ist verschwunden. Goethe selbst hat sie vernichtet. Lenz soll Intimitäten ausgeplaudert haben über Charlotte von Stein und Goethe. Der Psychoanalytiker Eissler allerdings glaubt eher, der scharfsinnige Lenz habe Goethes Neigung zur Gattin des Herzogs entdeckt.

Auch Klinger muss weg aus Weimar. Er stellte im Gang des herzoglichen Wohnhauses - wo man immer rumballerte - ein Porträt von Goethe hin, kaute wie immer auf einem rohen Fleischbrocken und schoss auf den Favoriten. So was kann Goethe nicht verzeihen. Spaß versteht er nur, wenn er ihn macht.

Er kann vor allem keine Götter haben neben sich. Und wer ausgedient hat, wird ausgemustert. Auch, wenn er Freund Lenz noch am 5. Juni '75 ins Stammbuch geschrieben hatte: Zur Erinnerung guter Stunden, / Aller Freuden, aller Wunden, / Aller Sorgen, aller Schmerzen, / In zwei tollen Dichter Herzen . . .

Hier ist ein Dichter zu viel. Also weg mit ihm. Und er will noch mehr lernen von dem, was Charlotte von Stein so perfekt beherrscht: Konvention, Pflichtbewusstsein, Distanz und Kühle bis zur Kälte.

Will er alles lernen. Und so stürzt er sich ihr zu Füßen, nennt sie: Wohltäterinn, Seelenführerinn, Schutzgeist, Ancker zwischen diesen Klippen. Er schreibt ihr brennende Briefe, jubelt seinen Wunsch hinaus, von ihr geformt zu werden, und Pygmalion Charlotte knetet Galatea Goethe zu dem, was er zehn Jahre in Weimar sein wird: Legationsrat, Diplomat, Kriegsminister, Wegebaukommissar, Geheimer Rat, Finanzminister, Kammerpräsident und endlich - Adeliger.

Als er am 3. Juni 1782 zum ersten Mal in seinem herrlichen neuen Haus am Frauenplan - auch ein Geschenk seines Herzogs - aufwacht, bringt der Schlossbote das Adelsdiplom, bewilligt von Kaiser Franz Joseph II. in Wien. Welch ein Tag!

Endlich muss er bei Hofe nicht mehr am Katzentisch für Bürgerliche sitzen. Endlich darf der Doktor Wolfgang v o n Goethe an der Tafel mitessen. Hat alles Carl August gerichtet. Höher geht's nun nicht mehr.

Dafür schuftet Goethe denn auch fleißig, frisst sich durch Aktengebirge, eignet sich den umständlichen Kanzleistil an, von dem er glaubt, der gebe Beschlüssen und Gesetzen mehr Gewicht. Er kümmert sich um die Strumpfmanufaktur in Apolda, räumt am 30. Geburtstag zu Hause auf und verbrennt mal wieder alle alten Schaalen. Nach dem Autodafe der Jugendsünden in Leipzig nun also die Sünden von Weimar.

Er steigt in Ilmenau in die stillgelegten Bergwerkstollen, die ganz unrentabel waren, egal, er hat einen faustischen Plan: Er will das Werk wieder in Gang setzen. Sagenhafte Schätze sollen da zu heben sein, Kupfer, Schiefer, vor allem aber Silber will er schürfen lassen für die leere Staatskasse. Er liest Bücher, alchimistische, chemische, kümmert sich Jahre um sein Lieblingsprojekt, das Gelder verschlingt und nach einem Wassereinbruch schließlich ersäuft.

Und wieder schleppt Goethe eine neue Geliebte an, die Naturforschung. Er sammelt Steine, Pflanzen, Tierschädel, beschäftigt sich auch wieder mit Anatomie in Jena. Seziert Schädel, arbeitet hinter verschlossenen Türen, heimlich, heimlich. Und dann eines Tages ein Jubelbrief an Herder: Ich habe gefunden - weder Gold noch Silber, aber das os intermaxillare am Menschen!, den Zwischenkieferknochen.

Herder solle um Gottes willen den Mund halten. Alles müsse geheim bleiben bis zur Veröffentlichung. Er muss doch noch den Unterschied zwischen Mensch und Tier beschreiben. Aus Kassel lässt er sich einen Elefantenschädel kommen, den versteckt er, damit man mich nicht für toll halte. Ach, er ist so stolz, Columbus Goethe. Seine erste Entdeckung. Und dann die bittere Nachricht: Vier Jahre zuvor, 1780, hat ein Franzose das Knöchlein schon gefunden.

Also dann wieder regieren. Goethe rüstet ab, reduziert die kümmerliche Infanterie auf die Hälfte, hatte vor Jahren schon - wie der amerikanische Professor Daniel Wilson jetzt in seinem 'Goethe-Tabu' schreibt - den Verkauf von Zuchthäuslern bewilligt, die als Söldner für den Unabhängigkeitskrieg nach Amerika verschifft wurden. Offenbar störte den Juristen Goethe dieser Rechtsbruch nicht. Er lässt die Herzogtümer vermessen und Karten zeichnen und Straßen nach Erfurt und Jena bauen. Er verhandelt um Bier- und Fleischpfennige, mustert Rekruten, sitzt auch mit Zeichenblock dabei und macht Skizzen, lässt die Husaren Steuern eintreiben und legt fest, dass die Lederhosen fürs Elitekorps vier Jahre getragen werden müssen.

Goethe ist ein Pedant. Auf Formeln und Riten legt er allergrößten Wert. Wo der Herzog für Vereinfachung plädiert, besteht Schulwebel Goethe auf der umständlichen Formulierung. Aktenbögen, die fehlerhaft beschrieben sind, werden vom berühmtesten Dichter der Zeit - der gerade seine 'Harzreise' im freien Odenstil gedichtet - pingelig korrigiert: Unter Hochderoselben Unterschrift sollte wohl heißen: Höchstderoselben!

Ja, er ist bei der Sache. Er regiert gern. Das Herzogtum ist genau der Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesicht steht. Aber irgendwie bleibt der Erfolg so klein. Er ist Finanzminister, soll sparen, aber der Herzog schmeißt mit dem Geld nur so um sich: für Theater, Feste, Bälle, Präsente, Redouten, Gelage, Weiber. Und die Höflinge - immer im Schlepptau. Goethe nennt sie Kröten, und wo man auch hintrete, man trete auf lauter Kot.

Da fragt er sich schon, was er hier eigentlich macht. Er ist ein Dichter, der nicht dichtet. Wieland hat es vorausgesehen, dass der schreibende Goethe in Weimar auf viele Jahre für die Welt verloren ist. Die Unruhe treibt ihn in pathetische Bekenntnisse: Nur Charlotte halte ihn hier noch.

Er lebt mit ihr fast wie in einer Ehe. Kommt täglich ins Haus, isst auch bei ihr, Herr von Stein speist ja bei Hofe. Goethe, der bis dahin noch nie mit einer Frau geschlafen hat - darin sind sich alle wichtigen Biografen einig -, also Goethe schmachtet nach Charlottes Liebe, nicht, um das Äußerste zu erreichen, eher, um das Äußerste seiner Gefühle formulieren zu lernen.

So buhlt und bettelt er, aber mehr als Küsse gibt es nicht. Und es gibt einen Ring. Und er bekommt ihren jüngsten Sohn, den Fritz. Der darf mit Goethe leben, wird von ihm erzogen, quasi als ihrer beider Kind. Fritz ist sein Bote, sein Schreiber, sein Vorleser, sein Kassenwart.

Und täglich trägt der Junge Briefe und Billets vom Ziehvater zur Mutter und retour. Und Goethe bittet seine Angebetete untertänig: Vollende dein Werk, mache mich recht gut.

Am 28. November 1783 wird die Kindsmörderin Anna Catharina Höhn auf dem Marktplatz von Weimar hinge richtet. An diesem Todesurteil ist der 34-jährige Goethe als zuständiger Minister direkt beteiligt.

Die Schriftstellerin Sigrid Damm hat diesen Fall - der in kaum einer Goethe-Biografie erwähnt wird - in ihrer großen Recherche 'Christiane und Goethe' minutiös nachgezeichnet. Das Dokument liegt im Staatsarchiv vor ihr: dass auch nach meiner Meinung räthlich seyn mögte die Todtesstrafe beyzubehalten. Geschrieben mit der klaren Handschrift des Geheimrats.

Die blutjunge Angeklagte, die, wie ihr Verteidiger sagt, offenbar keine Ahnung hatte, dass sie schwanger war, hat ihr Kind kurz nach der Geburt umgebracht. Wohl in Panik. Tut nichts, der Richter verhängt die Todesstrafe.

Das Urteil muss von Herzog Carl August bestätigt werden. Der schlägt eine lebenslange Zuchthausstrafe vor. Er ist aufgeklärt und will die Todesstrafe abschaffen. Mitentscheiden soll dennoch sein dreiköpfiges Geheimes Conseil, darunter Goethe. Es ist das oberste Beratungsorgan des Herzogs, die letzte Instanz, wie Goethe es nennt. Alle drei sollen ein Votum abgeben. Schriftlich.

Sie zögern. Sie seien keine Richter, sagen sie. Von Goethe taucht sogar ein sehr ungewöhnliches Wort auf: Er getraue sich nicht. Er wolle dem Herzog stattdessen einen kleinen Aufsatz vorlegen.

Nach Monaten mahnt der Herzog die Voti seiner Minister an. Der erste spricht sich jetzt für die Todesstrafe aus. Der zweite dagegen. In dreißig Dienstjahren habe er erst vier solcher Fälle erlebt. Also er unterstütze des Herzogs Reform.

Und Goethe? Schweigt. Er wird gemahnt. Da legt er endlich seinen Aufsatz vor und gibt zu den Akten: Da das Resultat meines unterthänigst eingereichten Aufsatzes mit den anderen Voti übereinstimme, empfehle er die Todesstrafe.

Wie? Hat er den eindeutigen Text seines Kollegen nicht gelesen? Oder ist dem Geheimrat ein kleiner Unfall passiert. So im Schlendrian der Geschäfte?

Sein Aufsatz ist verschwunden. Das kann Zufall sein, oder Goethe. Schließlich hat er ja auch die Akte Lenz nach dessen Verbannung aus Weimar gezielt vernichtet.

Die Hinrichtung ist somit beschlossen. Hundert Mann Miliz sollen bey dem Halsgerichte, also dem öffentlichen Abschlagen des Kopfes, für Ordnung sorgen. Das Dokument ist auch von Goethe unterzeichnet.

Der Herzog verlässt die Stadt. Und Goethe, schreibt Sigrid Damm, bestätigt sich, dass sein Erziehungswerk am Herzog gelungen sei, denn er notiert: Der Herzog ist sehr brav.

Das schreibt der Politiker Goethe. Der Dichter schreibt zur gleichen Zeit jene Verse, die später einmal in allen deutschen Poesiealben stehen werden.

Edel sei der Mensch, / Hilfreich und gut! / Denn das allein / Unterscheidet ihn / Von allen Wesen / Die wir kennen.

In jener Zeit schreibt Goethe auch an 'Wilhelm Meisters theatralischer Sendung'. Und da taucht im 2. Buch des 5. Kapitels ein Absatz über Exekutionen auf. Die Menge verabscheue das Halsabschneiden, möchte es aber nicht missen. Das sprudelnde Blut, das den bleichen Nacken des Schuldigen färbt, besprengt die Einbildungskraft der Zuschauer mit unauslöschlichen Flecken.

Goethe - die Doppelexistenz. Er kann das trennen. Er schreibt: Ich habe mein politisches und gesellschaftliches Leben ganz von meinem moralischen und poetischen getrennt.

Manchmal überschneidet es sich. Der 'Urfaust' ist längst geschrieben damals. Gretchen, die Kindsmörderin, verurteilt. Dem Wahnsinn nah, wartet sie im Kerker auf ihre Hinrichtung. Es ist die große, anrührende Schlussszene des Dramas. Genau so wie später im 'Faust'. Nur ein Wort fehlt. Im 'Urfaust' ruft Mephisto kalt: Sie ist gerichtet! Das gerettet! wird Goethe erst als alter Mann hinzufügen.

Am 28. November 1783 wird Anna Catharina Höhn auf dem Schinderkarren zum Richtblock geführt. Goethe ist in der Stadt. Er wird über dieses Ereignis nie eine Zeile schreiben.

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