Johann Wolfgang von Goethe kommt als Weltmann aus Italien zurück. Er stürzt sich in die Liebe seines Lebens - Christiane, sein Bettschatz. Er stürzt sich in die Lust seines Geistes - die Farbenlehre.
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Sie läuft über die Wiese, dass die Locken tanzen, rennt, rafft das Sommerkleid mit der Rechten, hält den Brief in der Linken, den Bittbrief vom Bruder. Der ist für Goethe. Sie passt ihn ab im Park, als er aus seinem Gartenhaus kommt. Braungebrannt noch von Italien. Er ist ja erst seit drei Wochen wieder in Weimar. Und sie rennt direkt auf ihn zu: Christiane Vulpius, die herbe Schöne mit den hohen Backenknochen und der Kerbe in den Lippen und den Haaren, die sich wild ums Gesicht ringeln.
Sie knickst und bittet für den Bruder, einen begabten Romanschreiber, der in finanzieller Notlage ist. Sie tut das nicht demütig, nicht kniefällig, sie bittet ernst und plaudert drauflos und lächelt ihn an aus braunen Augen. Ihr Blick schlägt ein bei ihm.
Endlich ein offenes Gesicht! Wie ist er denn empfangen worden im kleinkarierten Weimar? Kalt und steif. Und Frau von Stein war schwer beleidigt. Seine flehentlichen, fußfälligen Bitten, ihm die Rückkehr aus dem römischen Paradies doch zu erleichtern, hatte sie ohne Herz beantwortet. Goethe sei sinnlich geworden, sagt sie angewidert. Und sinnlich heißt bei ihr, die das Asexuelle zum Ideal erhoben, so viel wie aussätzig.
Und nun dieses Mädchen. Ein Naturwesen. Frisch, lachend, leicht erhitzt. Goethe ist bezaubert und beglückt. Sie werden noch am selben Tag miteinander schlafen. Es ist der 12. Juli 1788.
Ein Tag mit Folgen. Denn die 23-Jährige ist ein Mädchen aus dem Volk. Für den Hof unterste Kiste. Proletarierin. Arbeitet in der Fabrik. Näht Seidenblumen. Die Eltern tot. Der Bruder ohne Geld in Nürnberg. Tante und Halbschwester leben von dem, was Christiane verdient. Und nun ist sie die heimliche Geliebte von Goethe. Und der igelt sich oft für Stunden mit ihr im Gartenhaus ein.
Was macht der da bloß?, fragen die Herrschaften vom Hofe. Sie werden es bald in Hexametern lesen können, wie Christiane, wie sie des Tags mich erfreut, wie sie des Nachts mich beglückt.