Als der ungarische Außenminister Gyula Horn am 10. September 1989 im Fernsehen verkündete, Ungarn lasse alle DDR-Bürger ausreisen, geschah alles Schlag auf Schlag. Tausende reisten in den Westen.

Der Ost-Berliner Kantinenbetreiber Gerhard Meyer zeigt am Kontrollpunkt Passau die Ausweise vor: Als erster DDR-Bürger erreichte er mit Frau und Kindern am 11. September 1989 um kurz nach drei Uhr Morgens die Grenze© Karl Staedele/DPA
Seit Wochen hatten sich tausende DDR-Bürger in Ungarn versammelt und forderten das Recht auf freie Ausreise in den Westen. Dann wurde ihr Traum plötzlich Wirklichkeit. Am 11. September 1989 wurde Hegyeshalom ins Rampenlicht der Weltgeschichte katapultiert, als Ungarn den kühnen Beschluss fasste, mit den Verbündeten im Warschauer Pakt zu brechen.
Es geschah Schlag Mitternacht vom 10. auf den 11. September: Eine DDR-Familie im rostbraunen Lada passierte ungehindert den Übergang Hegyeshalom-Nickelsorf und fuhr Richtung Wien, gefolgt von vielen Tausend Bürgern aus dem sozialistischen Deutschland. Wenige Stunden zuvor hatte der ungarische Außenminister Gyula Horn im Fernsehen seines Landes verkündet, Ungarn lasse alle DDR-Bürger in den Westen ausreisen. Die Regierungen in Ost-Berlin, Tschechien und Rumänien protestierten heftig. Allein vom 11. bis zum 13. September reisten etwa 12 000 DDR-Bürger über Ungarn in den Westen. Insgesamt nutzten 145.000 Menschen Ungarn als Sprungbrett für die Ausreise aus einem der repressivsten Staaten Osteuropas. Eine Gruppe von Jugendlichen hielt ein Plakat hoch mit einer Botschaft an Erich Honecker, den Staatsratsvorsitzenden der DDR: "Gib auf, Erich!"
"Es herrschte ekstatische Freude", erinnert sich Robert Hushegyi, der an diesem Abend die Aufsicht über die Grenztruppen in Hegyeshalom führte. Wenig später fielen sich auch an anderen Grenzübergängen die Menschen in die Arme.
Vorher hatte Budapest die damalige sowjetische Führung über die bevorstehende Grenzöffnung informiert. Vorausgegangen waren zudem geheime Beratungen zwischen Horn, dem damaligen Ministerpräsidenten Miklos Nemeth und ihren deutschen Kollegen Hans-Dietrich Genscher und Helmut Kohl in Gymnich. Nach ergebnislosen Verhandlungen mit Ost-Berlin beschloss Budapest, die Ausreise der DDR-Bürger einseitig zu genehmigen. Dafür wurde ein Abkommen mit der DDR von 1969 "vorläufig" außer Kraft gesetzt.
Die Entscheidung Ungarns warf ein Schlaglicht auf die tiefen Erschütterungen im damaligen Ostblock. In Moskau erzwang Präsident Michail Gorbatschow unter dem Schlagwort Perestroika Reformen zu mehr Demokratie und Marktwirtschaft. Auch Polen befreite sich unter der ersten nichtkommunistischen Regierung von den starren Strukturen der Vergangenheit. Aber noch waren nicht alle zum Wandel bereit. Die DDR widersetzte sich dem Reformkurs ebenso wie Rumänien, die Tschechoslowakei und Bulgarien.
Miklos Nemeth, damals ungarischer Ministerpräsident, erinnert sich, wie sich der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu weigerte, ihn auf dem Warschauer-Pakt-Treffen im Juli 1989 als Genossen anzureden. Stattdessen wählte er die Anrede "Herr Nemeth". Die Hardliner hatten noch nicht erkannt, dass ihre Zeit vorbei war. Bulgarien, die Tschechoslowakei, Rumänien und die DDR sprachen auf dem Treffen das Problem "abweichender Entwicklungen" in Ungarn und Polen an, wurden aber von Gorbatschow abgewiesen. "Gorbatschow drehte sich zur ungarischen Delegation um und blinzelte uns lächelnd zu", sagt Nemeth.
Im Sommer 1989 waren die Zeichen der Krise offensichtlich. Der Plattensee war schon lange ein Ferientreffpunkt von Deutschen aus Ost und West. Aber 1989 bemerkte Nemeth, dass etwas anders war als sonst: Die DDR-Bürger hatten ihre Zelte nicht nur auf den Campingplätzen aufgestellt, sondern auch am Seeufer und entlang der Straße. "Es war klar, dass sie ihre Entschlossenheit demonstrierten zu bleiben." Bis Anfang August war auch Budapest zu einem riesigen Flüchtlingslager geworden. Vor der Botschaft der Bundesrepublik campierten DDR-Bürger ebenso wie in Studentenwohnheimen oder Kirchen.