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18. Februar 2004, 14:22 Uhr

Die frommen Rebellen machen Geschichte

Kaum haben die ersten Siedler in der Neuen Welt Fuß gefasst, entwickeln sie schon jene Eigenschaften, die später das Erfolgsmodell Amerika prägen. Für ihre Freiheit kämpfend, schaffen sie die erste Demokratie der Moderne.

George Washingtons Überfahrt des Delaware am Weihnachtsabend 1776© Ullstein

Die Rauchsäulen, die John White von der "Hopewell" aus sichtet, stammen wohl doch nicht von Freudenfeuern, sondern von einem Blitz, der Treibholz entzündet hat. Als das Segelschiff sich der Küste nähert, wächst in dem grauhaarigen Gouverneur das Gefühl von Leere und Niedergeschlagenheit. Keine Spur von den über 100 Bewohnern der Insel Roanoke. Niemand steht jubelnd am Strand und winkt. Nicht sein Schwiegersohn, nicht Whites Tochter Eleanor und auch nicht - er spürt einen Stich im Herzen - Virginia, seine Enkelin, die als erstes Siedlerkind auf amerikanischem Boden geboren wurde; neun Tage vor seiner Überfahrt nach Europa.

Drei Jahre zuvor, 1587, war White nach London abgesegelt. Hilfe sollte er holen, Kolonisten für die junge englische Siedlung auf dem neuen Kontinent, den die Spanier America nannten. Und neue Vorräte für Roanoke. Eigentlich wollte er spätestens nach einem Jahr zurück sein. Doch dann durchkreuzte Spaniens König Philipp II. alle Pläne. Erst als dessen Armada besiegt war, hatte Englands Königin Elizabeth wieder die Mittel, eine Hilfsexpedition in den hintersten Winkel der bekannten Welt zu entsenden.

Das Roanoke-Projekt

Das Fort mit seinen Erdwällen und Palisaden, in dem sich die Neuankömmlinge eingeigelt hatten, ist unzerstört. Doch seine Bewohner müssen es bereits vor längerer Zeit verlassen haben. Sie waren offenbar in Eile: White und seine Leute entdecken schwere Truhen und Eisengerät, das die Siedler nicht mit sich schleppen konnten. Oder wollten? Eingeritzt in einen Baumstamm findet der Gouverneur der Kolonie Roanoke das Wort "Croatoan", den Namen einer Nachbarinsel. Auf Croatoan lebt ein den Weißen freundlich gesinnter Indianerstamm. Haben seine Leute dort Zuflucht gefunden? White will am nächsten Tag auf die Suche gehen. Doch eine Schlechtwetterfront zwingt ihn und den Kapitän der "Hopewell", die tückischen Gewässer um die Sandbänke vor der Küste überstürzt zu verlassen. Der Sturm treibt das Schiff Hunderte von Seemeilen hinaus in den Atlantik. Es kehrt nie nach Amerika zurück. Und das Schicksal der ersten englischen Siedler in der Neuen Welt bleibt für immer ein Geheimnis.

Mit dem gescheiterten Roanoke-Projekt hätte England das Abenteuer Amerika als unergiebig abhaken können. Hätte das, was der Entdecker Christoph Kolumbus bis zu seinem Lebensende hartnäckig für die Rückseite Indiens hielt, den Spaniern überlassen können, die in ihrer Gier nach schnellem Reichtum schon Mittel- und Südamerika erobert hatten. Brutalen Desperados wie Francisco Vasquez de Coronado, der ab 1540 von Mexiko aus in den endlosen Ebenen zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains nach dem sagenhaften Goldland Cibola suchte und zu seiner Enttäuschung nichts weiter fand als riesige Büffelherden und das Weltwunder des Grand Canyon.

Der Abschaum soll die neue Welt besiedeln

Doch das Wort Gold hat auch in London einen zu verlockenden Klang. 1607 landen wieder drei Schiffe aus England mit einer Hundertschaft von Siedlern an der Küste von Virginia, rund 200 Kilometer nördlich von Roanoke. Die Ansammlung von Blockhütten, die sie noch kurz vor Wintereinbruch zusammenzimmern, nennen sie nach ihrem König Jamestown. "Es gab kein anderes Thema, keine andere Hoffnung, keine andere Arbeit als Gold graben, Gold waschen, Gold schmelzen und Gold verladen", bezeugt einer der Auswanderer in seinen Aufzeichnungen. Dieser erneute Anlauf, in Amerika Fuß zu fassen, wird von der "Virginia Company" getragen, einem Zusammenschluss wohlhabender Gentlemen. Sie wollen Profit sehen. Einer ihrer Gründer, der Ehrbare Oberste Richter Sir John Popham, hat allerdings zusätzliche Motive. Er will "Landstreicher" in "derlei Gegenden jenseits der Meere" abschieben und die Neue Welt "aus allen Gefängnissen Englands bestücken und besiedeln".

Das Goldfieber lässt bald nach: Die Siedler von Jamestown finden kein Edelmetall. Stattdessen befällt sie bald anderes Fieber - mehr als die Hälfte der Auswanderer überlebt das erste Jahr nicht. Und die "Wilden" oder "Heiden", wie die Indianer bei den Siedlern heißen, machen ihnen auch bald zu schaffen.

1614 schicken die Bewohner von Jamestown die erste Tabakernte nach England. Rauchen wird zur teuren Mode in Europa. Auch ohne Gold zu finden, kann man also in Virginia reich werden. Der Auswandererstrom schwillt an. Können sie mit den Ureinwohnern in Frieden leben, sind die Neuankömmlinge erleichtert. Aber sie schlagen gnadenlos zu, wenn die Wilden es wagen, sich ihren Kolonisationsplänen zu widersetzen. Dass sie, die Europäer, Eindringlinge und Landräuber sein könnten, dieser Gedanke ist ihnen völlig fremd.

Indianerhäuptling Opechancanough erkennt die Gefahr und will handeln, bevor die Weißen durch ihre bloße Zahl unbesiegbar werden. Am 22. März 1622 überfallen seine Krieger die Plantagen von Jamestown und massakrieren 347 Menschen. Die Siedler sind jedoch nicht mehr zu vertreiben.

Nach einem langen Kleinkrieg wird 1644 der alte Häuptling gefangen genommen und umgebracht. Von nun an behalten die neuen Herren für immer die Oberhand in Amerika. Bis 1640 dringen allein in die Küstenstriche, die später Neuengland-Staaten heißen werden, über 25 000 Weiße vor. Den Anfang machen die "Pilgerväter" auf der "Mayflower", die 1620 bei Cape Cod an Land gehen. Sie sind Puritaner. Zu Hause in England hat man sie wegen ihres fundamentalistischen Protestantismus verfolgt. In der Neuen Welt, fern der irdischen Macht des Königs und der verhassten Hierarchie der Anglikanischen Kirche, wollen sie ein "Neues Zion" streng nach den Geboten der Bibel errichten. "Wir haben keinen Zweifel, dass Gott mit uns sein wird", predigt Francis Higginson, einer ihrer Vordenker. "Und wenn Gott mit uns ist, wer kann sich dann gegen uns stellen?"

"God's own country"

Für die überzeugten Protestanten ist wirtschaftlicher Erfolg dabei das sichtbare Zeichen, dass Gott auf ihrer Seite steht. "Er wird uns Lob und Ruhm geben", sagt John Winthrop, Gründer der Massachusetts-Bay-Siedlung, "solcher Art, dass die Menschen über erfolgreiche Plantagen sagen werden: Der Herr möge sie gedeihen lassen wie die von Neuengland." Diese tiefe Überzeugung wird eine Konstante des amerikanischen Selbstgefühls bleiben. Genauso wie der Glaube daran, in "God's own country" zu leben, in Gottes auserwähltem Land.

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