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"Gier nach dem großen Geld"

Die Veröffentlichung der angeblichen Hitler-Tagebücher war vor 25 Jahren für den stern ein Desaster. In einem neuen Buch beschreibt jetzt ein ehemaliger Redakteur des Magazins, wie es zu diesem katastrophalen Flop kam.

Herr Seufert, sind Sie bei den Recherchen für Ihr Buch möglicherweise darauf gestoßen, dass die Hitler-Tagebücher, die der stern 1983 veröffentlichte, doch echt sind?

Leider nein.

Schade. Warum haben Sie erst jetzt dieses Buch geschrieben, nach 25 Jahren?

Früher konnte ich es nicht tun, es war mir zu nah, ich habe die Erinnerung immer wieder weggeschoben. Aber vor fünf Jahren, zum 20. Jahrestag, habe ich mich über den ganzen Unsinn, der berichtet wurde, so geärgert, dass ich endlich mal einiges richtigstellen wollte. Außerdem fragte mich meine Tochter, wie das damals eigentlich war. Als ich es ihr erzählen wollte, sagte sie: Schreib es auf.

Der Abdruck dieser angeblichen Tagebücher gilt bis heute als der GAU der deutschen Pressegeschichte. Wenn man ihn aus dem Abstand von 25 Jahren rekonstruiert, fällt es dann leicht oder schwer zu verstehen, wie es zu dieser Pleite kommen konnte?

Es bleibt bis heute eigentlich unbegreiflich. Die Welt im Verlagshaus Gruner+Jahr war damals auf den Kopf gestellt. Alle Kontrollmechanismen zwischen Redaktion und Verlag waren außer Kraft gesetzt. Die Katastrophe war programmiert.

Wodurch?

Man muss sich vergegenwärtigen: Hinter dem Rücken der Chefredaktion gehen zwei Redakteure, Gerd Heidemann und sein Ressortleiter Thomas Walde, mit ihrem obskuren Hitler-Projekt zum Vorstand des Verlages und bekommen dort nicht nur sofort 200.000 Mark Bargeld in die Hand und die Zusage über weitere zwei Millionen, sondern auch die Zusicherung für Verträge, die absolut fatal waren. Diese Verträge machten die Beteiligten durch exklusive Auswertung der Tagebücher zu reichen Leuten und schützten sie gleichzeitig vor jeder nachprüfenden Begutachtung ihrer Quellen durch Historiker und Sachverständige. Laut Vertrag musste noch nicht einmal die Quelle der Tagebuch-Lieferungen genannt werden.

Warum hat sich der Verlag auf solche Verträge eingelassen?

Weil durch Nennung der Quellen angeblich Menschen in der DDR gefährdet gewesen wären. Und das hätte die Beschaffung weiterer Tagebücher gefährdet. Also herrschte das Gebot absoluter Verschwiegenheit. Bunkermentalität.

Später ist die Chefredaktion dann aber einbezogen worden ...

... zu einem Zeitpunkt, als schon mehr als eine Million Mark gezahlt waren. Das war damals irrsinnig viel Geld. Angesichts dieser Investitionssumme konnte ja an der Geschichte gar nichts faul sein.

"Konnte" - oder durfte? Ein Fall von Autosuggestion?

Ja. Dazu kam die suggestive Wirkung der Bücher selbst. "Die Vorstellung, dass er das geschrieben hat", hat mal einer gesagt, als er ein Tagebuch in der Hand hielt. Man erschauerte unter der Faszination des Bösen.

Das erinnert an den Film "Schtonk".

Vieles war tatsächlich wie später im Film. Es war ja nicht so, dass Heidemann und Walde keine Hinweise gehabt hätten, dass die Tagebücher faul sind. Aber sie haben diese Hinweise beiseitegeschoben oder ignoriert. Sie haben auch Gutachter getäuscht. Beispielsweise zwei Schriftexperten, die angeblich echte Hitler-Texte mit den Tagebüchern vergleichen sollten; aber diese "echten" stammten auch von Kujau, die Gutachter haben also Fälschungen mit Fälschungen verglichen. Ergebnis: Die Schriften waren identisch, folglich die Tagebücher echt. Alles, was die Sachverständigen in ihren Gutachten festhielten, wurde selektiv wahrgenommen und ausgewertet. Was für Echtheit sprach, wurde gern akzeptiert, was dagegen sprach, wurde ignoriert oder wegargumentiert, oft auf abenteuerliche Weise.

Sie waren damals selbst Redaktionsmitglied, Leiter des Deutschland-Ressorts im stern. Wann meldeten sich bei Ihnen die ersten Zweifel an der Echtheit der Tagebücher?

Zunächst gar nicht. Da ich ja wusste, wie wir normalerweise arbeiteten, war für mich klar, dass die Dokumente nach allen Regeln der Kunst geprüft worden sein mussten. Unsere interne Kritik galt nur der Präsentation der Tagebücher im Heft, die war ja nahe an Nazi-Verklärung. Darüber haben wir uns in der Redaktion aufgeregt. Die ersten Zweifel keimten dann, als in der Presse Hinweise erschienen, dass die Initialen auf dem Umschlag des vom stern abgebildeten Tagebuches nicht "AH" waren, für Adolf Hitler, sondern "FH". Von stern-Chefredakteur Felix Schmidt wurde das dann weggewischt mit dem Hinweis, darüber hätte sich der Führer selbst auch schon aufgeregt.

Das klingt schon wieder nach "Schtonk". War es immer so komisch?

Überhaupt nicht. Aber vieles war so absurd, dass ich bei den Recherchen für mein Buch immer wieder zwischen Heulen und homerischem Gelächter geschwankt habe. Für den stern war es damals aber eine wirkliche Tragödie. Seine Glaubwürdigkeit war dahin.

Wie war das für Sie, was empfanden Sie?

Zum Glück bin ich kaum zum Nachdenken gekommen, denn Henri Nannen, der Gründer und damalige Herausgeber des stern, hatte mich beauftragt, den ganzen Schlamassel journalistisch aufzuklären. Damit hatten meine Kollegen und ich dann alle Hände voll zu tun.

Was kam raus? Welche Motive trieben die Beteiligten?

Ein einziges: die Gier nach dem großen Geld. Alle wollten es verdienen. Der Vorstandsvorsitzende Manfred Fischer und sein Nachfolger Gerd Schulte-Hillen, die mit den Büchern einen weltweiten Bestseller produzieren wollten; der verantwortliche Redakteur Thomas Walde und der Reporter Gerd Heidemann, dem das Wasser bis zum Hals stand, weil er die ehemalige Göring-Yacht "Carin II" gekauft und sich damit einen gewaltigen Berg Schulden eingehandelt hatte.

Das Hamburger Landgericht hat Heidemann seinerzeit 4,4 Millionen Mark der gezahlten Summe zugerechnet, 2,7 Millionen sind bei Fälscher Kujau angekommen, der inzwischen gestorben ist. Es bleiben gut zwei Millionen, die auf bislang unerklärbare Weise verschwunden sind. Wo ist das Geld?

Ich habe darauf keine neuen Hinweise gefunden. Es gibt Vermutungen, aber ich möchte hier nicht spekulieren.

Haben Sie mit allen Beteiligten geredet?

Nein, nicht mit allen. Manfred Fischer ist ja lange tot, und Gerd Schulte-Hillen hat das Gespräch abgelehnt, der Fall sei für ihn abgeschlossen. Ein anderes Vorstandsmitglied, Jan Hensmann, der am Anfang beteiligt war, war sehr freundlich, hatte aber große Erinnerungslücken. Gerd Heidemann wollte sich mit mir nicht treffen, hat dann aber stundenlang mit mir telefoniert. Zu den meisten anderen hatte ich Kontakt.

Was macht eigentlich Gerd Heidemann, damals die "große Spürnase" des stern?

Er hat seine Haftstrafe von vier Jahren und acht Monaten wegen Betruges und Veruntreuung längst abgesessen und lebt heute in einer einfachen Wohnung in Hamburg- Altona, die vollgestopft ist mit Akten und Archivmaterial. Eigentlich lebt er aber seit 25 Jahren in dieser Welt, steht mit dem Thema Hitler-Tagebücher auf und geht mit ihm ins Bett.

Es gab 1983 eine redaktionsinterne Aufarbeitung, es gab ein langes Gerichtsverfahren, was liest man in Ihrem Buch Neues?

Neu ist die umfassende Darstellung, von Anfang an. Man kann jetzt Schritt für Schritt nachvollziehen und begreifen, wie es zu dieser spektakulären Pleite kommen konnte. Ich habe vorher selbst geglaubt, dass ich über diese Affäre alles weiß, habe dann aber festgestellt, wie viele mir bis dahin nicht bekannte Details zu dieser Katastrophe beigetragen haben - sodass sie irgendwann nicht mehr aufzuhalten war.

Könnte sich so etwas wie die Hitler-Tagebuch-Affäre heute wiederholen?

Beim stern wohl eher nicht. Redaktion und Verlag haben diese Lektion wirklich gelernt. In den vergangenen 25 Jahren ist Ähnliches nicht wieder vorgekommen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie uns ein angebliches Telegramm Kurt Waldheims, des damaligen österreichischen Bundespräsidenten, angeboten wurde, das dessen Verwicklungen in Geiselerschießungen während des Zweiten Weltkrieges in Jugoslawien belegen sollte. Ein Nachrichtenhändler wollte dafür 50.000 Mark haben. Wir haben das damals eingehend prüfen lassen und vom eingeschalteten Gutachter die Expertise bekommen, dass die Schrift aus verschiedenen Schreibmaschinentypen zusammenmontiert, das Ganze folglich eine Fälschung ist. Der "Spiegel" hat das Telegramm dann veröffentlicht, ohne große Folgen für das Magazin. Für den stern wäre der Abdruck einer weiteren Fälschung wahrscheinlich das Ende gewesen.

Warum wirkt die Tagebuch-Affäre so lange nach - bis heute?

Erstens, weil die Fallhöhe so groß war; die Fanfaren und Trompetenstöße, mit denen der stern seine Sensation damals in die Öffentlichkeit brachte - und dann die groteske Kläglichkeit der Wahrheit. Zweitens, weil der stern immer ein sehr emotionales Blatt war, das seine Leser nicht nur intellektuell angesprochen, sondern auch mitgenommen, oft mitgerissen hat. Man spürte das in der Flut von Anrufen, die nach der Hitler- Pleite über uns hereinbrach, und den Reaktionen der Leser, die es so empfanden: "Mein stern hat mich betrogen!" Als Drittes spielt natürlich derjenige eine Rolle, um den sich alles drehte und der immer wieder faszinierte: Adolf Hitler. Und dann war auch noch großes Geld im Spiel, Betrug, Fälschung, hochkarätige Manager, die sich einwickeln ließen - kurz, es gab alle Zutaten für ein Stück, das nicht vergessen wird.

Also eigentlich eine super Geschichte ...

... an der wir nur leider beteiligt waren.

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