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Für Gott und Führer

Willig arrangierte sich der katholische Klerus mit dem NS-Regime und schwieg zur Vernichtung der Juden. Ein Buch des US-Autors Daniel Goldhagen entfachte erneut die Debatte über die Mitschuld der Kirche.

"Nach meiner Meinung trägt das deutsche Volk und tragen auch die Bischöfe und der Klerus eine große Schuld an den Vorgängen in den Konzentrationslagern." Es ist ein Erzkatholik, der knapp ein Jahr nach Kriegsende in einem Brief das Urteil über seine Landsleute und seine Brüder im Glauben spricht - Konrad Adenauer, später der erste deutsche Kanzler nach Hitler. Dass Protestanten sich bei den neuen Machthabern manchmal noch peinlicher anbiederten, kann den Katholiken keine Prüfung ihres Verhaltens ersparen. Was hat Papst Pius XII., was haben römische Kurienkardinäle und die Bischöfe im Nazi-Reich wirklich gewusst? Was haben sie gebilligt, gar begeistert begrüßt und gefördert? Wo haben sie zu Unrecht und Mord geschwiegen, wo Schuld auf sich geladen am Tod von Millionen?

Bis heute, beinahe 60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, ist nicht restlos aufgeklärt, wie weit sich die Kirche in den Holocaust verstrickt hat. Schon deshalb nicht, weil die Türen zu den wichtigsten Archiven noch immer verschlossen gehalten werden - denen des Vatikans. Um die Rechte noch Lebender zu schützen, sagt die Kirche. Um ihr klägliches Versagen und ihre tiefe Schuld zu vertuschen, sagen Kritiker wie Daniel Jonah Goldhagen.

Viele Fragen noch immer nicht befriedigend beantwortet

Der 1959 in Boston geborene Politikwissenschaftler und Autor sorgte vor sechs Jahren für heftige Diskussionen, als er "ganz gewöhnliche" Deutsche auf über 700 Seiten als "Hitlers willige Vollstrecker" anprangerte.

In seinem neuen Buch nimmt er sich jene Institution vor, die, so Goldhagen, dem Massenmord an den Juden in den Köpfen und Herzen ihrer Gläubigen den Weg bereitet hat. Dass er dazu keine neuen Fakten präsentiert und manchmal langatmig als bahnbrechendes Modell einer moralischen Abrechnung anpreist, was schon der gesunde Menschenverstand diktiert, mindert nicht die Brisanz des Themas. Tatsächlich hat die Kirche viele der Fragen zu ihrem Verhalten in der Nazi-Zeit noch immer nicht befriedigend beantwortet.

Der Weg in die moralische Katastrophe begann für die Katholiken spätestens im Juli 1933, als das zwischen dem Vatikan und Berlin geschlossene Reichskonkordat dem neuen deutschen Regime internationale Anerkennung verschaffte. Der Münchner Kardinal Michael Faulhaber schrieb damals an Hitler: "Uns kommt es aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk unseren Reichskanzler." Schnell, aber zu spät begriffen einige Bischöfe, welchen Preis sie für ihren Pakt mit dem Teufel zahlen würden. Die meisten blieben blind. So ermahnte der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning 1936 beim Besuch von Konzentrationslagern die aus religiösen Gründen eingekerkerten Gefangenen zum Gehorsam gegen den Staat und verabschiedete sich mit einem dreifachen "Sieg Heil".

Selbst als die Nazi-Herrschaft schon zusammengebrochen war, blieben Kirchenfürsten in Treue fest: Der Breslauer Kardinal Adolf Bertram ordnete im Mai 1945 ein Requiem für den toten Führer an, und Bischof Alois Hudal organisierte die berüchtigte, durch Rom laufende "Rattenlinie", über die Hunderte von Nazi-Größen und Kriegsverbrechern ins rettende Exil nach Südamerika entkamen.

Wolkige Formulierungen

"Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen" - wolkige Formulierungen wie dieser den Juden gewidmete Teil des großen Schuldbekenntnisses der katholischen Kirche vor zwei Jahren können den Graben zwischen Juden und Christen nicht überbrücken. Viele Katholiken haben sich der Barbarei widersetzt. Oft genug aber wurden sie dabei selbst von den eigenen Bischöfen im Stich gelassen. Auch Katholiken leugnen kaum noch, dass die offizielle Kirche mit entschiedenerem Vorgehen gegen Diskriminierung, Vertreibung und Mord vieles hätte verhüten können. "Das ist nicht geschehen", schreibt Konrad Adenauer schon ein Jahr nach Auschwitz, "und dafür gibt es keine Entschuldigung."

Katja Gloger und Frank Ochmann/print
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