Nach zehn Wochen abenteuerlicher Seefahrt haben Kolumbus und seine Männer auf der Insel Guanahaní endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Doch die Hoffnung, mit dem Seeweg nach Indien unendliche Reichtümer für die spanische Krone zu erschließen, erweist sich als trügerisch.

Nein, um goldene Worte war der Herr noch nie verlegen. Was versprach er nicht alles bei der Rückkehr von seiner ersten Reise. »Goldminen und Perlen«, »Gold, Perlen und Gewürze im Überfluß«, »unermeßliche Naturschätze von großem Nutzwert«, kurz, »reicher Gewinn« würde Spaniens Krone in seinem ominösen »Indien« winken. So stand es wenigstens im Bordbuch, das er dem Königspaar mit großer Geste überreichte. Im Reich des »Großen Khan«, das er, Christopher Kolumbus, soeben entdeckt habe, liege edles Metall praktisch nur so herum. Wo nicht, könne man es einfältigen Indianern abschwatzen, für ein paar Glasperlen. Gegenüber dem Verwalter der königlichen Privatschatulle, Luis de Santángel, hatte er damals getönt: »Ihre Hoheiten können schon jetzt gewiß sein, daß ich ihnen so viel Gold beschaffen kann, als sie nur wollen (...) Überdies werden ihnen Gewürze, Baumwolle und Mastixharz in jedem gewünschten Ausmaß zu Gebote stehen (...) Auch Aloe und Sklaven werden in jeder gewünschten Menge eingeführt werden können.« Kolumbus, der Retter der Staatsfinanzen.
Alles leere Sprüche. Man erinnert sich: Bei seiner Rückkehr mit der ramponierten Karavelle »Niña« am 15. März 1493 in Palos stellt sich heraus: außer Spesen nichts gewesen. Das bißchen Gold, das die »Indienfahrer« mitgebracht haben, reicht nicht mal, den Verlust des Flaggschiffes »Santa Maria« zu decken. Die war auf einer Sandbank vor der Insel Española aufgelaufen, während Kolumbus, »Admiral des Weltmeeres«, selig schlummerte. Zeigte er wenigstens Reue? Im Gegenteil. In Sevilla veranstaltet er während der Karwoche einen ungeheuren Rummel um seine Expedition. Zieht wie in einer Prozession mit bunten Baumwollstoffen, Federnschilden, wild krächzenden Papageien und exotischen Früchten durch die Gassen, eskortiert von einer euphorischen Menschenmenge und weihrauchfaßschwenkenden Pfaffen. Am besten kommen die braunhäutigen Eingeborenen an, die Kolumbus aus Übersee mitgeschleppt hat. Sie tragen Perlenketten, Bernsteinschnüre und pittoreske Masken, wirken aber seltsam teilnahmslos. Manche Zuschauer zwicken sie, um festzustellen, ob es echte Kreaturen sind.
Der furios inszenierte Triumphzug quer durch Spanien zeigt Wirkung. Obwohl Kolumbus praktisch mit leeren Händen heimgekehrt ist, empfängt ihn das Herrscherpaar in Barcelona wie einen Granden. Er darf zwischen Ferdinand und Isabella Platz nehmen, wird feierlich zum Vizekönig und Gouverneur der »indischen Lande« ernannt. Sogar ein eigenes Wappen wird dem Abenteurer zugebilligt. Jetzt steht ihm nichts mehr im Wege.
Als bei Hofe durchsickert, daß die Portugiesen eine Flotte aufstellen, um ebenfalls über den Atlantik vorzustoßen, befiehlt der König eine zweite »Indien«-Expedition. Spanien will sich nicht länger vom kleinen, aber höchst expansiven lusitanischen Nachbarn ausstechen lassen, der den lukrativen Seeweg nach Indien auf der Ostroute ausbaut und in Afrika Stützpunkt um Stützpunkt errichtet.
Im September 1493 verlassen 17 Schiffe mit rund 1400 Mann den Hafen von Cádiz. Diesmal sind außer den Mannschaften Ritter, Handwerker, Bauern und Bergleute an Bord. Ferner Geistliche, die im Auftrag von Isabella »für gute Beziehungen zwischen Indios und Spaniern« sorgen sollen. Auch Kolumbus' Bruder Diego ist mit von der Partie. Ziel der kostspieligen Unternehmung: die sagenhaften Reichtümer und Ressourcen Asiens für Spanien zu sichern, das durch die Reconquista wirtschaftlich ausgeblutet ist.